Im Porträt: Jörg Asmussen

Der Gehilfe

Von Christian Siedenbiedel
25.08.2012
, 19:22
Kurzhaarschnitt, modische Brille, kontrollierte Lässigkeit: Jörg Asmussen verkörpert einen neuen Typ von Spitzenbeamten
Jörg Asmussen ist Deutschlands Mann in der EZB. Jetzt hilft er, die Notenpresse anzuwerfen. Der Kanzlerin ist’s recht. Sein alter Freund, Bundesbankchef Jens Weidmann, schreit auf.

Der 6. September wird ein einschneidender Tag in der Geschichte des Euro: Der Rat der Europäischen Zentralbank will über ein gewaltiges neues Euro-Rettungsprogramm entscheiden. Die detaillierten Pläne dazu hat ausgerechnet ein Deutscher ausgearbeitet, Jörg Asmussen, Mitglied des EZB-Direktoriums; gemeinsam mit seinem französischen Kollegen Benoît Coeuré. Der Auftrag kam von EZB-Präsident Mario Draghi. Es geht um ein bombastisches Programm zum Ankauf südeuropäischer Staatsanleihen - ohne Limit und ohne zeitliche Begrenzung.

Zugleich wird dieser Tag der Höhepunkt in einem erbitterten Streit zweier ehrgeiziger junger Euro-Retter: Jörg Asmussen und Jens Weidmann, Präsident der Deutschen Bundesbank. Der eine ist für solche Anleihenkäufe, der andere hält sie für Teufelszeug.

Warum verlor Weidmann ausgerechnet ihn als Verbündeten?

Der gebürtige Flensburger Asmussen, 45 Jahre, Karrierebeamter mit Superkurz-Haarschnitt und modischer Brille, war einst Freund und treuster Verbündeter Weidmanns. Jetzt ist er zu dessen Gegenspieler geworden.

Als alles noch gut war: Asmussen (links) und Weidmann 2009 im Kanzleramt
Als alles noch gut war: Asmussen (links) und Weidmann 2009 im Kanzleramt Bild: Giribas Jose/Laif

Während Weidmann mit aller Kraft gegen das Anleihenprogramm opponiert, weil er nichts Geringeres als die Stabilität des Euro selbst in Gefahr sieht, verteidigte Asmussen das Programm vergangene Woche in einem Interview ausgiebig. Er sei „viel besser konzipiert“ als das Vorgängerprogramm, für das die EZB immerhin mehr als 200 Milliarden Euro ausgab - ohne dass die Probleme Südeuropas im Entferntesten gelöst wurden.

Kommt es zum Showdown, dürften die beiden Deutschen im EZB-Rat in einer zentralen Frage gegeneinander stimmen. Kein Wunder, dass sich viele - nicht nur in geldpolitisch interessierten Zirkeln - fragen: Was ist da los? Was motiviert Asmussen, der schließlich von der Bundesregierung für diesen Posten vorgeschlagen wurde, Seit’ an Seit’ mit den Südländern zu kämpfen? Und vor allem: Warum verlor der Bundesbankpräsident ausgerechnet Asmussen als Verbündeten: ihn, den Freund?

„Positionen aus dem 19. Jahrhundert“

In Berlin waren sie einst das Dreamteam der großen Koalition: Der „Jörg“ und der „Jens“, wie sie sich gegenseitig nannten. Asmussen, selbst SPD-Mitglied, war Staatssekretär von Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Weidmann, parteilos, war Wirtschaftsberater von Kanzlerin Angela Merkel (CDU). Sie verkörperten jene Staatsräson der großen Koalition, die im Nachhinein viele lobten: Wenn die Koalition in der Finanzkrise so geräuschlos funktionierte, dann lag das auch daran, dass die beiden jungen Männer, die im Hintergrund die Strippen zogen, sich blind auf einander verlassen konnten.

Jetzt, in der Euro-Krise, ist das anders. Das Krisen-Duo funktioniert offenbar nicht mehr. Zwar hält man nach außen die Contenance. Hinter den Kulissen aber schimpfen sie wie die Rohrspatzen. Weidmann vertrete „Positionen aus dem 19. Jahrhundert“, wettern die Asmussen-Freunde. Der Hauptvorwurf der Gegenseite lautet, Asmussen habe kein ordnungspolitisches Rückgrat.

Unterschiedliche Rollen in den neuen Jobs der beiden alten Freunde gehören offenbar ebenso zu den tieferen Gründen für den Streit wie eine unterschiedliche Prägung in der bisherigen beruflichen Laufbahn.

Spielraum, sich anders zu verhalten

Asmussen ist als Mitglied des Direktoriums der EZB so etwas wie der „Außenminister“ für EZB-Präsident Mario Draghi geworden. Es gehört damit zu seinem Job, die Linie der EZB gegenüber Europas Politikern zu vertreten. Das hat er verinnerlicht.

Anders Weidmann, der seit seinem Wechsel auf den Posten des Bundesbankpräsidenten die Unabhängigkeit des Amtes durchaus zu nutzen weiß. Die Rolle eines Mahners für einen stabilen Euro gehört in der Tradition der Bundesbank zu seinem Job. Die unterschiedlichen Rollen erklären einen Teil der Differenzen.

Auch Asmussen hätte in seinem Amt allerdings Spielraum, sich anders zu verhalten - das zeigt ein Vergleich mit den Altvorderen. Im Mai 2010 standen Jürgen Stark, sein Vorgänger im Direktorium der EZB, und der damalige Bundesbankpräsident Axel Weber vor einer ähnlichen Situation. Die EZB wollte griechische Anleihen kaufen, um das Euro-Chaos zu beruhigen. Weber äußerte sich, allen Comments der Notenbanker zum Trotz, öffentlich kritisch darüber. Und gab sein Amt schließlich ab. Auch Stark sparte nicht mit Kritik und warf am Ende ebenfalls zermürbt hin.

Asmussen pflegt engsten Kontakt zur Berliner Politiker-Riege

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble schlug damals Asmussen als Nachfolger für Stark vor, wohl wissend, dass er damit keinen „Stark“ nach Frankfurt schickte.

Der Konflikt zwischen Asmussen und Weidmann ist nämlich zum Teil auch biographisch zu erklären. Zwar studierten beide einst bei Axel Weber, als der noch Professor in Bonn war. Allerdings nur kurze Zeit. Ungleich stärker geprägt fühlt Weidmann sich von Manfred Neumann, seinem Doktorvater. Der gehörte zum „Kronberger Kreis“ - einer Vereinigung von Professoren, die recht streitlustig für eine liberale Ordnungspolitik eintreten.

Asmussen hat im Schatten der Politik Karriere gemacht. Gedient hat er unter den Ministern Waigel (CSU), Lafontaine (SPD), Eichel (SPD), Steinbrück (SPD) und Schäuble (CDU). Die Politiker und ihr Interesse, relativ kurzfristig allgemein akzeptierte Lösungen zu finden, haben ihn geprägt. Das ist seine Stärke: Verbindungen nutzen, Druck und Gegendruck aufbauen, diplomatisch lavieren. Dabei ist er klug und schnell. Aber politisches Denken treibt ihn, nicht ökonomische Prinzipien. Er sei ein „Pragmatiker“ und kein geldpolitischer „Dogmatiker“, hat er selbst zu seinem Amtsantritt vor dem Europäischen Parlament gesagt.

Auch rein geographisch haben sich Asmussen und Weidmann gegenteilig orientiert. Weidmann wohnt seit längerem im Rheingau, also dicht bei Frankfurt. Asmussen hingegen ist mit der Familie auch nach dem Wechsel zur Frankfurter EZB in Berlin geblieben. Schließlich arbeitet seine Lebensgefährtin Henriette Peucker dort bei einer PR-Agentur. Früher leitete sie die Berliner Dependance der Deutschen Börse, gab den Posten aber ab, weil innerfamiliäre Interessenskonflikte befürchtet wurden. Auch Asmussen selbst pflegt weiter engsten Kontakt zur Berliner Politiker-Riege.

Angst um das Geld

Die Bundesregierung freut’s. Von Verärgerung über Asmussen will man weder im Umfeld von Bundeskanzlerin Merkel noch von Finanzminister Schäuble etwas hören. Das muss aber niemanden wundern, der analysiert, wie die ganze Debatte über die Anleihenkäufe aufkam. Europas Politiker waren in tiefer Sorge, ob der Rettungsschirm für angeschlagene Euroländer auch für Spanien und Italien reichen würde. Den Gefallen, eine Inanspruchnahme von Hilfe kategorisch auszuschließen, tat Italiens Regierungschef Mario Monti ihnen aber nicht. Merkel stand deshalb vor der Frage: Noch einmal vor den Bundestag treten und noch mehr Geld für den Rettungsschirm verlangen? Oder zusehen wie bei der Zentralbank alle Schleusen geöffnet werden? Das letzte war offenbar bequemer.

Auffällig ist in diesem Zusammenhang, wie ähnlich die Worte sind, mit denen Asmussen, Draghi und Merkel die Welt auf das neue Anleihenprogramm vorbereiten. Man werde „alles Erforderliche tun, um den Euro zu erhalten“, versichern sie immer wieder. Das klingt sehr nach: selbst Inflation notfalls billigend in Kauf nehmen.

In der deutschen Bevölkerung jedenfalls ist die Angst um das Geld enorm. Deshalb kommt Weidmann mit seinem Programm, den Euro stabil zu halten, bei vielen Leuten auf Anhieb besser an. Asmussen versucht das zu kontern, indem er die Argumentation umdreht. Es sei zwar die Aufgabe der EZB, den Wert des Geldes stabil zu halten. Aber „nur eine Währung, an deren Fortbestehen es keinen Zweifel gibt, kann stabil sein“. Heißt das: Retten um den Preis von Inflation, weil es ohne Inflation kein Retten gibt?

Die Bundesbank muss sich an den Prinzipal halten

„Das hört sich für mich eher an wie ein Scherz“, sagt Clemens Fuest, Ökonom in Oxford und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Bundesfinanzministeriums. Überzeugend sei das Argument auch deshalb nicht, „weil eben unklar ist, ob Anleihenkäufe den Fortbestand des Euro auf Dauer sichern oder in Frage stellen.“

Leute, die es nicht wohl mit Asmussen meinen, streuen im politischen Berlin schon: Asmussen fühle sich in der Notenbank nicht wohl. Er strebe an, nach der Bundestagswahl 2013 Minister in einer SPD-geführten Bundesregierung zu werden. Seine Freunde bestreiten das allerdings.

Am Ende könnte es gar nicht entscheidend sein, ob Asmussen Weidmann überzeugt oder Weidmann Asmussen. Die Bundesbank muss sich an den Prinzipal halten, nicht an den Agenten. So schwer das sein wird: Für Weidmann führt in Zukunft kein Weg daran vorbei, EZB-Präsident Mario Draghi selbst stärker für sein Anliegen zu gewinnen. Dann gibt es nämlich Asmussen im Paket.

Der Mensch

Jörg Asmussen, geboren 1966 in Flensburg, hat in Gießen, Mailand und Bonn Volkswirtschaft studiert, unter anderem beim späteren Bundesbankpräsidenten Axel Weber. 1996 kam er unter Theo Waigel (CSU) als Referent ins Bundesfinanzministerium. Unter Oskar Lafontaine (SPD) und Hans Eichel (SPD) machte er Karriere. 2008 wurde er unter Peer Steinbrück (SPD) Staatssekretär. Nach dem Regierungswechsel beließ Wolfgang Schäuble (CDU) ihn im Amt. Im vorigen Jahr wurde er Nachfolger von Jürgen Stark als Mitglied des EZB-Direktoriums. Asmussens Lebensgefährtin ist die PR-Beraterin Henriette Peucker. Mit ihr hat er zwei Kinder.

Die EZB

Die Europäische Zentralbank steht abermals vor einer wichtigen Entscheidung. Am 6. September will der EZB-Rat über ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen entscheiden. Das soll die Not Südeuropas lindern, könnte aber die Stabilität des Euro gefährden. Vor einer ähnlichen Entscheidung stand die EZB im Mai 2010: Damals kämpfte Bundesbankpräsident Axel Weber vehement gegen Anleihenkäufe und zog sich vom Amt zurück. EZB-Chefsvolkswirt Jürgen Stark, der eine ähnliche Position vertrat, folgte. Derzeit gilt Bundesbankpräsident Jens Weidmann als einziger verbliebener Gegner von Anleihenkäufen in der EZB. Starks Nachfolger Jörg Asmussen spricht sich dafür aus. „Nur eine Währung, an deren Fortbestehen kein Zweifel besteht, kann stabil sein“, sagt er.

Quelle: F.A.S.
Christian Siedenbiedel - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Christian Siedenbiedel
Redakteur in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot