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Niedriger Milchpreis

Die Bauern und das liebe Milchvieh

Von Jan Grossarth, Thalfang
 - 12:43
Melken in der dritten Generation: Landwirt Karl-Otto Vollrath mit Sohn Paul vor ihrem Viehstall im Hunsrück.

Auf diesem Bauernhof in Rheinland-Pfalz stehen die Kühe im grauen Stall, fressen einen Brei aus Grassilage und Rapsschrot und strahlen dabei eine große Gelassenheit aus. Dabei befinden auch sie sich inmitten einer Milchkrise. Sechzig Tiere sind es, in einem bäuerlichen Familienbetrieb, wie es so schön heißt: Hier melken und füttern Vater, Mutter und ein Sohn, der gerade zwar Landwirtschaft studiert, aber in den Semesterferien mitarbeitet. Dann verbringt er seine Morgen damit, um sechs Uhr träge Kühe zur Melkmaschine zu begleiten.

Die Landschaft ist eine Idylle, der Hof liegt auf einer Anhöhe im Hunsrück, mit Fernblick über Weiden und Windräder. Man melkt hier in dritter Generation. Und gemolken werden muss immer. Auch, wenn es mal wieder nichts einbringt: Der Hof Vollraths bekommt derzeit nur gut 27 Cent für ein Kilo Milch. Das können sie nur durchstehen, weil sie ihren alten Stall und die Geräte längst bezahlt haben. Die Bauernfamilie Vollrath, die den Hof bewirtschaftet, hält sich zudem mit dem Getreideanbau finanziell über Wasser. Gut zweihundert Hektar Land mit Raps und Getreide beackern sie.

Das zweite Standbein verhindert den Sturz. Mal wieder. Besonders laut klagen derzeit hingegen die Milchbauern, die ein solches Standbein nicht haben. Allen voran sind das die großen Milchgenossenschaften in Ostdeutschland, frühere LPG-Betriebe aus der DDR mit Tausenden Kühen. Aber auch der Bauer Karl-Otto Vollrath mit seinen sechzig Kühen sieht, obwohl er schuldenfrei ist, die Zukunft düster: „In ein paar Jahren gibt es im Hunsrück keine Kuh mehr.“

Nicht nur in Frankreich gibt es eine Milchkrise

Karl-Otto Vollrath, wie die meisten Bauern seit jeher dem Schwarzmalen nicht abgeneigt, ist fünfundfünfzig Jahre alt und will gern noch lange weitermachen. „Landwirtschaft ist eine Herzenssache“, sagt er. Sein Sohn Paul möchte nach dem Studium in der Industrie arbeiten, stünde dann aber für die Hofübernahme zur Verfügung. „Aber nur mit Getreideanbau und ohne die Milch“, sagt er. Weil die kein Geld bringe. Weil er viel Geld investieren müsste, um den alten Stall von 1982 durch einen zeitgemäßen zu ersetzen. Und weil er das nicht wagen wolle angesichts dieser Unsicherheiten mit den Milchpreisen, sagt er. „Dabei würde mir die Milch eigentlich Spaß machen.“

Nicht nur in Frankreich, wo wütende Bauern Lastwagen mit Milchlieferungen aus Polen und Deutschland hinter der Grenze kapern, gibt es eine Milchkrise. Sie findet auch im Hunsrück bei Familie Vollraths statt und in der gesamten EU. Es ist fast so schlimm wie schon vor sechs Jahren. Und so wie vor drei Jahren auch, mit einem Preis von weniger als 30 Cent für ein Kilo. Das ist die Grenze, ab der Höfe bei derzeitigen Kosten nicht mehr an der Milch verdienen, wie sie behaupten.

Einige tausend Höfe müssen aufgeben

Weil viele Höfe sich finanziell noch nicht wieder erholt haben, werden vermutlich mehr als in den früheren Krisen aufgeben müssen. Sicherlich einige tausend in Deutschland. Vergleichbar war es auch 2013 und 2009. Und auch in den guten Jahren dazwischen wurden es immer weniger Milchbauern. Noch gut 78 000 gibt es in Deutschland, vor zwanzig Jahren waren es noch fast 200 000.

Die Krise ist zur Normalität geworden. Die Preise für Milch fahren Achterbahn. Im Supermarkt gibt es derzeit einen Liter Frischmilch wieder günstiger als manches Mineralwasser: 55 Cent bei Aldi, Lidl oder auch bei Rewe. Vor einem Jahr war sie fast doppelt so teuer. Und die Bauern erhielten noch 40 Cent für das Kilo Milch. Das war mehr, als jemals zuvor und das erste Jahr, in dem überhaupt niemand jammerte. Doch das fette Jahr ist vorbei.

Agrarförderung vor 15 Jahren reformier

Dabei gibt es immer noch Grund zu meinen, Milch müsse wertvoll sein: Denn die Weltbevölkerung wächst, der Export auch, und viele Länder können bei weitem nicht so viel Milch und Käse produzieren, wie sie trinken und essen wollen. Früher war der Milchpreis zwar stabil - aber konstant niedrig. Der durchschnittliche Milchpreis ist in den vergangenen zehn Jahren sogar deutlich gestiegen, seit der Export wächst. Aber seither schwankt er eben auch so stark. Und früher störten sich die Bauern nicht so sehr am niedrigen Weltmarktpreis, denn der Staat kaufte die überschüssige Milch auf. Es gab die Butterberge und Milchseen, bis die EU ihre Agrarförderung vor 15 Jahren reformierte. Fortan sollten Landwirte wie Unternehmer werden: die produzieren, was der Markt verlangt. Und was passierte? Einige verdienten besser und besser und investierten. Viele kleine Höfe aber überstanden das nicht.

Viele der Verbliebenen tun sich bis heute schwer mit ihrer Rolle als Unternehmer in einem Markt, in dem der Preis der Produkte hüpft und purzelt. Der Milchpreis schwankt wie die Kurse höchst spekulativer Aktien. Spekulanten aber wollten die Bauern nie werden. Heute sind sie es. Wenn man vom Hof Vollrath im Hunsrück nur eine Stunde in Richtung Süden fährt, steht dort ein moderner Stall. Er wurde vor drei Jahren eröffnet. Der junge Landwirt, der ihn bauen ließ, wagte damit viel, und die anderen Bauern tuschelten hinter seinem Rücken, er habe sich wohl übernommen. Heute muss Jörg Brassel fürchten, es könnte stimmen. Der Dreiundvierzigjährige und vierfache Vater investierte zwei Millionen Euro. Der Stall ist sehr vorzeigbar, so gut wie hier ging es Milchkühen nie in der Geschichte der Milcherzeugung: Er ist luftig und großzügig, das Dach 16 Meter hoch; für 180 Kühe gibt es dreitausend Quadratmeter Platz. Die Kühe laufen im Stall frei herum und selbständig zum Melkroboter, wenn das Euter voll ist. Brassel ist stolz auf dieses Bauwerk, und er meint, nur solch moderne Höfe hätten eine Zukunft: mit attraktiven Arbeitsbedingungen für die Mitarbeiter, tierfreundlich, optisch ansprechend. Hier riecht es sogar angenehm.

Deutschen Kühen geht es besser als im Ausland

Leider ist Jörg Brassel nun hoch verschuldet. „Jetzt stehen wir voll im Kapitaldienst“, nennt er es. Das heißt: Sein schöner Stall kostet ihn fünf Cent im Monat zusätzlich pro Kilo Milch. Weil der Milchpreis so niedrig ist, muss er das Konto überziehen, um liquide zu bleiben. Er rechnet vor: Derzeit flössen 28,5 Cent je Kilo Milch auf sein Konto. Das Futter, das er bis auf das Soja zum großen Teil selbst anbaut, kostet ihn 22 bis 23 Cent je Kilo Milch. Die drei Arbeitskräfte noch einmal drei bis vier Cent, sonstige Kosten, etwa für den Strom der Melkroboter: anderthalb Cent. Und eben der Kredit: fünf Cent. Also zahlt er für jeden Liter Milch, den er verkauft, mindestens drei Cent drauf. Zum Glück hat auch er ein zweites Standbein: Eine Biogasanlage. Aber lange geht es so nicht gut. Brassel sagt, er schlafe nur noch deswegen nachts sehr ruhig, weil er glaube, dass Gott ihn und seine Familie beschütze. „Ich gucke auch lieber nach vorn“, sagt er. Brassel glaubt immer noch an die Zukunft der Milch als Exportprodukt, denn Deutschland sei dafür ein guter Standort, den Kühen gehe es viel besser als im Ausland, und auch seine Region, die Pfalz mit ihren vielen Grasweiden, sei wie dafür gemacht.

„In der Eifel hat sich jetzt wieder einer erhängt“, sagt Karl-Otto Vollrath. Dies sei ein Milchbauer mit etwa 300 Kühen gewesen, der sich auch einen großen Kredit genommen habe. Welche Gründe es noch gab, ist nicht bekannt. Klar ist, dass die meisten Milchbauern nervös sind. Die Schwankungen im Preis, die es erst seit knapp zehn Jahren gibt, verunsichern sie existentiell. Der Deutsche Bauernverband fordert staatliche Notkredite. Kämpferischer ist der Alternativverband BDM, der sich als Gegenmodell zum Bauernverband mit seiner Markt- und Exportorientierung sieht. Auch Vollrath fährt auf die Bauern-Demonstrationen des BDM; vor Jahren etwa nach Brüssel, wo sie die Milch auf die Straße schütteten. Bald geht es wieder los, zur Sternfahrt nach München.

Warum sind die Preise so schwankend?

Der BDM, der nur zufällig so wie Hitlers Mädchenclub heißt, meint, das Preistief liege daran, dass zu viel Milch produziert werde, weil Milchbauern von Banken und Beratern in immer größere Stallbauprojekte getrieben würden. Ein angeblicher Teufelskreis, wie ihn der BDM-Präsident Romuald Schaber in seinem Buch „Blutmilch“ beschrieb: In der Hoffnung, den Betrieb an die nächste Generation übergeben zu können, überschulden sich die Bauern für immer größere Ställe. Es gibt mehr Milch und die Wahrscheinlichkeit für Preiskrisen steigt. Dann müssten selbst die großen Bauern aufgeben. Aus der Insolvenzmasse kauften Investoren die neuen Ställe und setzten Manager an die Stelle der Bauern. Der Prozess führe zum Aussterben der bäuerlichen Landwirtschaft - was derzeit mehr Befürchtung ist als Realität, da der Investorenbetrieb immer noch die Ausnahme ist. Ironischerweise bestätigt aber die Geschichte von Jörg Brassel diese Lesart - wobei Brassel den BDM, dem er früher selbst angehörte, „rückwärtsgewandt“ findet.

Warum sind die Preise so schwankend? Sie entstehen in Verhandlungen der mächtigen Lebensmittelketten mit den Molkereien. Die geben sie dann an die Bauern weiter. Aldi kann die Preise nur drücken, wenn zu viel Milch produziert wird. Im Moment gibt es zu viel. Denn im vergangenen Jahr boykottierte Russland europäische Milchprodukte, damit setzte, auch wenn der Export nach Russland für die Deutschen nur ein recht kleines Geschäft war, ein Preisverfall ein. Aber auch italienischer Parmesan und holländischer Gouda gingen nicht mehr nach Russland, und in der Summe blieb in der EU zu viel Milch. Richtig tief fiel der Preis aber erst im Frühjahr. Die Erklärungen: Der Weltmarktpreis für Milchpulver steigt und schwankt mit den allgemeinen Rohstoffpreisen - wie denen für Öl und Getreide. Die werden derzeit wieder alle billiger. Auch die Spekulation auf Agrarrohstoffe kann eine verstärkende Rolle spielen. Chinas Wirtschaftsschwäche wird genannt und die wachsende Billigkonkurrenz des größten Milchexporteurs Neuseeland.

Hof hat im Schnitt 56 Kühe

Das Ideal der Milchbauern vom BDM und der Grünen ist eine Landwirtschaft, die sehr hochwertige, bestenfalls ökologische Lebensmittel für den eigenen Markt produziert. So wie etwa in Österreich. Dort gälte sogar der Hof von Familie Vollrath mit seinen sechzig Kühen als Großbetrieb. Doch in Deutschland ist das längst anders. Heute hat ein Hof im Schnitt 56 Kühe, doppelt so viel wie vor zwanzig Jahren. Viel Milch geht in den Export, so wie Autos und Maschinen. Deutschland wurde vom Netto-Importeur zum Exporteur von Käse, Milch und Milchpulver. Darauf ist die Agrarpolitik der EU seit rund 15 Jahren auch ausgerichtet: Die Milchproduktion, die lange durch eine Quote gesteuert war, wurde immer mehr erhöht. Staaten wie Irland haben nun große Pläne, den Export deutlich zu erhöhen, nachdem die Quote abgeschafft ist. Denn jetzt darf jeder Landwirt so viel Milch produzieren, wie er will. Und anders als oft behauptet führte das bisher nicht zu einer Milchschwemme. In Deutschland sank die Milchproduktion seit Januar sogar leicht. Wenn der Preis niedrig ist, lohnt es sich eben nicht.

Die Milchindustrie sieht die Zukunft in Fernost und China. Da gibt es zum Beispiel die Genossenschaftsmolkerei Hochwald Foods. Sie setzt im Jahr rund 1,5 Milliarden Euro um. Hier war bis vor kurzem auch der Milchbauer Karl-Otto Vollrath Mitglied, aber die Chefs der Molkerei wurden ihm, wie er sagt, zu arrogant. Der Sitz der Hochwald ist nicht weit von seinem Hof entfernt, nahe der Mosel. Hochwald ist von einer klassischen Molkerei zu einem globalen Lebensmittelkonzern geworden. Der kaufte vor Jahren etwa von Nestlé die „Bärenmarke“, exportiert Konservenmilch und Eiskakao in die ganze Welt und lebt schon zu rund 40 Prozent vom Export. 17 Prozent der Umsätze kommen aus dem Export von Milchprodukten in ferne Länder: zum Beispiel Saudi-Arabien, Libanon, Jemen. Weil die Preise dort stabiler sind, profitierten auch die deutschen Bauern, heißt es hier. „Wir zahlen ihnen einen höheren Milchpreis“, sagt der Geschäftsführer Karl-Heinz Engel, „wir werden im Jahresdurchschnitt mehr als 30 Cent pro Kilo auszahlen.“

In China sind deutsche Lebensmittel sehr geschätzt

Hochwald verkauft Milch für mehr als 20 Millionen Euro im Jahr nach China. Dort, so erzählt Engel, seien die deutschen Lebensmittel gerade wegen der Herkunft aus bäuerlicher Landwirtschaft so geschätzt. Die chinesischen Einkäufer lassen sich die Bauernhöfe zeigen und lassen Werbefilme im Hunsrück drehen. Familienhöfe wie den von den Familien Vollrath oder Brassel gibt es in China selten. Stattdessen lässt ein Staatskonzern in China gerade den größten Milchkuhstall der ganzen Welt bauen: Hunderttausend Kühe sollen dort leben und die Milch nach Russland exportiert werden, das neue Lieferanten benötigt und dafür künftig Erdgas nach China schicken will.

Obwohl die Chinesen deutsche Bauern wie ihn lieben, kann der Bauer Karl-Otto Vollrath dem China-Export wenige Hoffnungen abgewinnen. Er fürchtet erhöhte Unsicherheit und industrielle Eigentumsstrukturen und steht mit seinem Herz-Bauerntum irgendwie zwischen allen Stühlen: Biobauer wolle er auch nicht werden, weil er an Bio nicht glaube - dabei liegt der Bio-Milchpreis 20 Cent über dem normalen. Auch sein Sohn Paul findet Bio nicht vernünftig: Er meint, moderne Landwirtschaft müsse effizient mit der Fläche umgehen, und Biobauern brauchten zu viel Boden. Er strebt einen Mittelweg an, „integrierte Landwirtschaft“ - aber für solche Produkte gibt es kein Gütesiegel und keinen Cent mehr.

Quelle: F.A.Z.
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