Rohstoffausbeutung in Peru

Im Kupferberg

Von Christoph Ruhkamp
14.11.2013
, 16:41
Leben am Rande der Mine: Neue Arbeitsplätze gab es nicht für alle, und Bauern verlieren wegen der Gifte Tiere und Trinkwasser
Chinesische und westliche Rohstoffkonzerne bauen Gold und Kupfer in Peru ab. Die Bürger klagen über vergiftetes Wasser und Vertreibung aus ihren Häusern. Eine Spurensuche in den Bergen.
ANZEIGE

Cajamarca liegt in den Anden hoch oben im Norden Perus, näher am Himmel als viele andere Städte. Beim Landeanflug im Morgengrauen taucht die Stadt aus dem Nebel auf. Cajamarca ist umgeben von grünen Bergen, neben den Häusern stehen Kühe, grasen Schweine. Die Gegend gilt als das Allgäu Perus. Aber es gibt hier nicht nur Idylle. Auf einem Berg neben der Stadt ist ein riesiger Schriftzug zu erkennen, aus Steinblöcken zusammengesetzt: „¡CONGA NO VA!“ Die das geschrieben haben, wenden sich gegen das nächste von mehreren Bergbauprojekten, die es hier gibt. Diesmal ist es eine neue Kupfermine.

ANZEIGE

Geplant wird das Projekt „Conga“ vom Bergbaukonzern Newmont aus den Vereinigten Staaten mit dem peruanischen Partner Buenaventura. Ihnen gehört auch Südamerikas größte Goldmine Yanakocha hier in den Bergen von Cajamarca. Die neue Kupfermine soll genau dort entstehen, wo heute vier große Seen in der Hochebene liegen. Die Seen aber versorgen die indigene Landbevölkerung mit Wasser für die Viehzucht, den Ackerbau und zum Trinken. „Die Augen Gottes“ – so nennen die Campesinos ihre Lagunen, weil sie so schön blau aus der Ebene leuchten, wenn die Sonne darauf scheint.

Die Lage eskaliert

Pablo Sanchez de Francesch ist ein Gegner der Bergbauprojekte. Er ist Umweltingenieur, zweiunddreißig Jahre alt und arbeitet für die vom katholischen Hilfswerk Misereor unterstützte zivile Organisation Grufides. Er sieht ein wenig aus wie der junge Che Guevara. Wir treffen Pablo in einem kleinen Büro im Zentrum von Cajamarca. Kaum ein Blatt Papier liegt herum, die haben sie anderswo versteckt, „wegen der Spione“. Pablo erzählt: Es gibt Tage, an denen geschieht etwas so Einschneidendes, dass man sie nie wieder vergisst. Für Pablo und seine Freunde war der 31. Mai 2012 so ein Tag. Da hatten sie sich mit Hunderten anderen Bürgern und Bauern auf der Plaza de Armas versammelt. Es ging gegen das Conga-Projekt. Jemand baute auf dem Platz eine kleine Garküche mit fahrbarem Untersatz auf und verteilte kostenlos Eintopf. So lange, bis die Polizei kam. Was dann geschah, muss Pablo nicht mehr erzählen. Eine Überwachungskamera der Stadt hat es aufgezeichnet.

Polizeigewalt in Peru
Mit Knüppeln auseinandergetrieben
© F.A.Z., Verwaltung Stadt Cajamarca, F.A.Z., Verwaltung Stadt Cajamarca

Die Polizisten rücken in einem Bus des Bergbauunternehmens Yanakocha an, von also jenem Konzern, gegen den die Leute protestieren. Die Polizisten, so wurde bekannt, werden in ihrer Freizeit auch als Security-Mitarbeiter von dem Konzern bezahlt. In Peru ist das nicht ungewöhnlich, kaum jemand empört sich darüber. Auch befinden sich die Polizeistationen oft auf den Grundstücken der Minenbetreiber. Dann also springen die Polizisten aus dem Bus und treiben die Menge mit Knüppeln auseinander. Die fahrbare Küche werfen sie um. Eine Frau wehrt sich, sie schubsen sie weg. Ein Journalist fotografiert das. Da umringen ihn Polizisten, wollen ihm die Kamera entreißen, der junge Mann beugt sich über seine Kamera, will sie schützen. Da schlägt ihm einer der Polizisten mit dem Knüppel ins Gesicht, dann der nächste. Er blutet, sie werfen ihn auf die Pritsche eines Pick-ups und fahren ihn aus der Stadt. Heute steht der Mann wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt vor Gericht. Die Polizei wusste nichts von der Videoaufzeichnung, die Kamera war gerade erst installiert worden. Der Film fand seinen Weg an die Öffentlichkeit.

Kleinbauern protestieren, weil ihnen Häuser und Wasser genommen werden
Kleinbauern protestieren, weil ihnen Häuser und Wasser genommen werden Bild: Florian Kopp

Fünf Wochen nach dem Polizeieinsatz eskaliert die Lage in Cajamarca und benachbarten Gemeinden. Im Städtchen Celendín gehen dreißigtausend auf die Straße. Sie brennen das Rathaus nieder. Als sie auf ein Gebäude der Regionalverwaltung zu marschieren, setzt die Polizei Schusswaffen ein. Fünf Menschen liegen tot am Boden, einer noch ein Kind. Niemand wird zur Rechenschaft gezogen. Aber das Projekt Conga liegt seither auf Eis, angeblich. In Wirklichkeit wird der Baubeginn unvermindert schnell vorbereitet. Perus Präsident Ollanta Humala steht im Wort. Er hat den Investoren versprochen, das Projekt durchzusetzen.

ANZEIGE

Yanakocha versetzt Berge

In der Nähe lässt sich beobachten, welche Folgen der Rohstoffabbau hat. Über Serpentinen geht es hoch zur Goldmine Yanakocha. Lastwagen kommen uns entgegen, einige haben Quecksilber geladen, ein Nebenprodukt der Mine. Vor einiger Zeit hatte einer der Quecksilberwagen ein Leck, wie die Zeitungen berichteten. Kinder sammelten das schimmernde Metall auf und nahmen es mit nach Hause. Erst nach Tagen setzte das Unternehmen kleine Belohnungen dafür aus, dass sie das giftige Quecksilber zurückbrachten. Eine Säuberungsaktion gab es nicht.

Sterbende Kühe, sterbende Fische – wegen der Chemikalien, sagen diese Bauern
Sterbende Kühe, sterbende Fische – wegen der Chemikalien, sagen diese Bauern Bild: Florian Kopp

Am Eingang der Mine wird das Ausmaß des Abbaus klar. Yanakocha versetzt Berge, buchstäblich. Die Gipfel und Täler sehen aus, als hätte ein Riese mehrmals wahllos in einen gigantischen Kuchen gebissen. Ein Wirrwarr aus riesigen Löchern – mit je bis zu einem Kilometer Durchmesser –, Wasserbecken, Pipelines und künstlich aufgeschütteten Bergen erstreckt sich, so weit das Auge reicht. Teilweise sind es Abraumhalden, teilweise sogenannte „Leach Pads“. Das sind künstliche Berge aus dem abgebuddelten Geröll, sorgsam aufgeschichtet wie eine Hochzeitstorte und versehen mit einem komplizierten Drainagesystem. Sie werden von oben mit einer Mischung aus Wasser und Zyanid berieselt. Die giftige Chemikalie löst das Gold aus dem Gestein. Unten heraus trieft ein wertvoller Matsch aus Gift und Gold.

ANZEIGE

Als die spanischen Konquistadoren unter dem Haudegen, Goldräuber und Massenmörder Pizarro den letzten Inka-König Atahualpa in einen Hinterhalt gelockt und gefangen genommen hatten, erpressten sie ihn: Der Inka sollte zwei Kammern mit Gold und Silber füllen. Als Atahualpa das Lösegeld geliefert hatte, ließen die Spanier ihn unter dem falschen Vorwand, er habe einen Aufstand angezettelt, auf derselben Plaza de Armas hinrichten, die kürzlich Zeuge des Polizeieinsatzes war. Atahualpa wurde mit dem Würgeeisen erdrosselt. In jenen Zeiten entstand auch die Legende der Inka über die „Pishtacos“. Jene Unholde, die nächtens wehrlosen Menschen in den Anden das Fett aussaugen (gemeint sind natürlich die Spanier).

„Verteidigen, was uns gehört“

Heute spuckt die Mine Yanakocha jedes Jahr eine Million Unzen Gold aus, weit mehr als in zwei Kammern passt. Am Eingang des Tagebaus begrüßen uns Yori Saenz, der Minenchef, und Scott Lewis, sein Umweltmanager, ein Amerikaner. Freundlich laden sie zum Vortrag über die Mine ein. Das Unternehmen habe eine zusätzliche Wasserleitung und eine Schule für Cajamarca gebaut, biete zweitausend Arbeitsplätze, zum Großteil für Einheimische, und versorge die Bauern mit aufgefangenem Regenwasser und Strom. Wir fragen Saenz und Lewis nach dem, was uns am Vortag Bauern erzählt haben. Dass ihre Kühe und Schafe sterben, weil sie vergiftetes Wasser getrunken haben. Das hatte uns am Vortag Don Felipe Flores Duran erzählt. Er lebt mit neun anderen Männern, die alle Flores heißen, neben der Mine. In elenden Häuschen aus Lehmziegeln ohne Fenster, ohne Licht. Jeden Tag brauchen die Menschen dieses Weilers vier große Kanister mit teurem Trinkwasser aus der Stadt. Scott Lewis streitet das ab: Die Mine habe einen geschlossenen Wasserkreislauf. Kein giftiges Wasser gelange nach draußen. Das sehe man daran, dass Forellen im Fluss leben. Doch die Bauern sagen das Gegenteil: Dass schon seit Jahren keine Forellen mehr im Rio Grande schwimmen. Außer solchen, die man selbst hinein setze.

Eine Eisenhütte in Doe Run
Eine Eisenhütte in Doe Run Bild: Florian Kopp

„Als sie kamen, haben sie uns Arbeitsplätze versprochen. Das war gelogen. Aber jetzt verseuchen sie unser Trinkwasser und überziehen uns mit Gerichtsverfahren, wenn wir uns wehren“, sagte Don Felipe am Vortag.

ANZEIGE

Zurück auf der Plaza de Armas in Cajamarca begrüßt uns Idelso Hernandes, Präsident der Widerstandsbewegung gegen die Conga-Mine. Auf seinem T-Shirt steht „Defendiendo lo nuestro“ – verteidigen, was uns gehört. Auf dem Platz spielt auf einer Bühne eine Musikband, Paare schlendern umher, Kinder schlecken Eis. Hernandes sammelt mal wieder Geld. Die Campesinos wollen möglichst viel Land rund um die Lagunen kaufen, um die Mine zu verhindern. Vierhunderttausend Menschen stünden hinter ihm, behauptet Hernandes. Einige Tage später, in der Hauptstadt Lima, wird uns das bestätigt. Von ganz oben. „Conga ist eines der umstrittensten Projekte im ganzen Land“, sagt der Vize-Umweltminister Mariano Castro. Doch ihm seien die Hände gebunden. Der Bergbau bringe dem Land – das stimmt unzweifelhaft, zumindest für die Städte – wachsenden Wohlstand. Er selbst habe nur die Kompetenz, auf Unstimmigkeiten in der Umweltverträglichkeitsprüfung hinzuweisen, die endgültige Entscheidung liege beim Bergbauminister. Castros Vor- und Vorvorgänger waren wegen des Conga-Projekts zurückgetreten, ein ganzes Kabinett wurde deshalb schon ausgetauscht.

Die bald größte Kupfermine Perus gehört Chinesen

Um weitere Konflikte mit Toten wie in Celendín oder auch Tía María zu verhindern, hat man in Lima eine neue Behörde eingerichtet. Zu frisch sind die Erinnerungen an die zwanzig Jahre des Bürgerkriegs, als die Terroristen des „Sendero Luminoso“ auf den Berghängen rund um Lima abends Leuchtfeuer entzündeten, als Warnung an die Reichen. 1980 rief der Philosoph Abimael Guzman seine Anhänger zum „bewaffneten Kampf gegen Staat und Gesellschaft“ auf. Siebzigtausend Peruaner sterben, bevor „Presidente Gonzalo“, so nannte er sich, 1992 gefasst wird und der Kampf erst im Jahr 2000 endet.

Morococha, das für den chinesischen Bergbau verschwinden muss
Morococha, das für den chinesischen Bergbau verschwinden muss Bild: Florian Kopp

Die Befriedungsbehörde in Lima heißt „Defensoria del Pueblo“. Sie zählt die Konflikte, berät die Regierung. Der Ombudsmann des Volkes Eduardo Vega sagt uns in seinem Palais in Lima: „Die Lage rund um Conga scheint ruhig. Aber der Konflikt kann jederzeit wieder ausbrechen.“ Auch hier weiß man über die missliche Lage einer Polizei, die von Bergbaukonzernen bezahlt wird. „Die Beamten bekommen niedrige Gehälter. Sie besser zu bezahlen wäre zu teuer. Wie die Loyalitäten zwischen Konzern und Bevölkerung verteilt sind, können Sie sich denken.“

ANZEIGE

Vor dem Gebäude des „Defensoria del Pueblo“ demonstrieren zweihundert Leute, indigene Landbevölkerung. Viele Frauen, viele Kinder, ärmlich bekleidet und schmutzig vom langen Weg. Sie stammen aus Morococha. Die Stadt in der Bergbauregion Huancayo, im Zentrum Perus, muss für die neue Kupfermine Toromocho umgesiedelt werden. Es wird die größte Perus. Und sie gehört Chinesen. Chinalco heißt der Staatskonzern. Fünftausend müssen umgesiedelt werden, die Chinesen haben ihnen eine neue Stadt in der Nähe errichtet, doch einige wollen nicht gehen. „Wir wollen mit den Eigentümern von Chinalco sprechen, nicht mit ihren Marionetten“, ruft eine Frau. Dann zieht sie mit den anderen die Straße entlang, zur Plaza San Martin. „Ollanta, du hast uns an die Chinesen verkauft“, schmähen sie den Präsidenten durch ein Megafon.

Saurer Regen hat alle Pflanzen weggeätzt

Überall in Peru lodern Konflikte um den Bergbau auf. In manchen Teilen der Anden ist die Hälfte der Fläche für den Bergbau konzessioniert. Rund fünfzig Milliarden Dollar investieren globale Konzerne in den nächsten Jahren in den Ausbau der Bergwerke für Kupfer, Gold, Blei oder Molybdän für die Härtung von Stahl. Kaum eine Stadt in den Anden, die nicht betroffen wäre. Peru wird in wenigen Jahren zum wichtigsten Kupferlieferanten der Welt, noch vor Chile. Der wichtigste Abnehmer ist China, der drittwichtigste Deutschland. Der deutsche Kupferkonzern Aurubis kauft das Erz in Peru, verarbeitet es und liefert es an die Autoindustrie, an Zulieferer von VW, Daimler und BMW. Das hat eine Studie des Hilfswerks Misereor ermittelt, das Journalisten zu der Reise nach Peru eingeladen hat.

Morococha liegt inmitten einer grandiosen Berglandschaft, die Luft ist dünn auf fünftausend Metern. Streunende Hunde auf leeren Straßen. Die Stadt ist zum größten Teil verlassen. Nur jeder fünfte Einwohner hält noch aus, heißt es. Eine von ihnen ist Elsa Astilza Calero, fünfundfünfzig Jahre alt. „Sie haben mir dreißigtausend Soles geboten“, sagt die Besitzerin eines Krämerladens. Das sind zehntausend Euro. Aber Elsa wird das nicht annehmen, sie will nicht weg. Das Militär solle sie doch holen, den Notstand haben sie schon ausgerufen für die Gegend. Die Häuser in der neuen Stadt, die die Chinesen gebaut haben, seien zu klein. Nur 40 Quadratmeter. Und die neue Stadt stehe auf nassem Grund, die versprochenen Arbeitsplätze seien längst vergeben an Zugezogene.

Das „Neue Morocha“: Ziel der Umsiedlungen aus dem Dorf Morocha, das wegen des Bergbau-Unternehmens Chinalco weichen muss
Das „Neue Morocha“: Ziel der Umsiedlungen aus dem Dorf Morocha, das wegen des Bergbau-Unternehmens Chinalco weichen muss Bild: Florian Kopp

Die neue Stadt, Carhuacoto genannt, liegt tiefer. In der Kirche begrüßen uns einige Einwohner, vielleicht hundert Leute. Aufgebracht geht einer nach dem anderen ans Mikrofon, um uns Journalisten aus Deutschland die Lage zu schildern. „Sie haben uns belogen. Man versprach uns feste Stellen, aber wir bekommen nur ein paar Gelegenheitsarbeiten“, brüllt Naldo Fredi Orihuela und erntet Applaus. Niemand von den Versammelten arbeite für Chinalco. Von den Chinesen ist nichts zu hören. Die Unternehmensleitung von Chinalco sagt einen Interviewtermin ab.

ANZEIGE

Weiter den Berg hinab, im Tal des Río Mantaro, liegt die Erzschmelze von La Oroya. Bis vor wenigen Jahren ließ das amerikanische Unternehmen Doe Run hier Erz schmelzen. Schwefeldioxid kam ungefiltert aus dem Kamin. Den Bergen sieht man das an. Der saure Regen hat alle Pflanzen weggeätzt, zurückgeblieben sind kalkweiße Hänge. Bis im Jahr 2009 die Regierung nicht umhinkam, elementare Umweltauflagen durchzusetzen. Doe Run Peru meldete daraufhin Insolvenz an und stellte den Betrieb ein. Später wurde bei tausend Kindern von Forschern der Universität Missouri Blei im Blut gemessen, ein Vielfaches der von der Weltgesundheitsorganisation erlaubten Menge. Inzwischen geht der Betrieb weiter. Wir besichtigen, mit Gasmasken, die Bleischmelze. In der Betriebszeitschrift steht eine Erfolgsmeldung: „La Oroya ist nicht mehr der am stärksten verschmutzte Ort der Welt.“ Sondern nur noch der fünftschmutzigste.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
ANZEIGE