Syrische Flüchtlinge

Der Auszug nach Ägypten

Von Markus Bickel
08.03.2014
, 15:13
Zehn Millionen Syrer sind auf der Flucht. Im Exil leben viele von ihnen in Armut. In Ägypten siedeln Unternehmer die alte syrische Textilindustrie neu an.

Marwan Yahia strahlt über das ganze Gesicht. Um seinen Hals baumelt ein Maßband, in der Hand hält der junge Syrer aus Damaskus ein hellblaues Stück Stoff. „Seitdem ich hier arbeite, hat das Leben wieder Sinn“, sagt er. „Und so geht es uns eigentlich allen.“

Hier ist Ägypten. Eine Fabriketage am nördlichen Stadtrand von Kairo. Hinter Yahias Rücken sitzen Männer und Frauen an Nähmaschinen, Hemden hängen an Kleiderständern zwischen den Tischen. Hell leuchtet die Sonne an diesem Spätwintertag durch die breiten Fenster herein. In das Tackern der Geräte mischt sich der Ruf des Muezzins zum Mittagsgebet.

Sechzig Arbeiterinnen und Arbeiter haben in der kleinen Kleiderfabrik hier im Industriegebiet ein Auskommen gefunden. Manche, wie Yahia, sind schon seit mehr als einem Jahr dabei. Andere erst seit wenigen Wochen. Was die fleißigen Näher eint, ist ihre Herkunft – und die Sehnsucht nach Frieden in ihrer Heimat Syrien. Das ist keine zwei Flugstunden entfernt.

Lange syrische Textiltradition

Sie flohen nach Ägypten, weil die Lage für ihre Familien im Krieg in Syrien nicht länger zu ertragen war. Zwar ist Ägypten nicht das Hauptziel der syrischen Flüchtlinge. Aber Tausende Flüchtlinge leben auch allein hier in der „Stadt des 6. Oktober“ im Norden von Ägyptens Hauptstadt. Denn hier, in diesem in den neunziger Jahren fünfzig Kilometer von Kairo entfernt aus dem Wüstensand gestampften Vorort, sprach sich unter den Exilsyrern schnell herum, dass Arbeiter gebraucht würden. Und so landeten sie bei Muhammad und Bassel al Hamali, zwei Textilfabrikanten aus Damaskus, die nicht auf das Ende der Kämpfe warten wollten, um ihre Geschäfte wieder in Gang zu bringen.

Die beiden Kaufleute sind die jüngsten Erben einer Tradition, die weit zurückreicht: Damaskus und Aleppo lagen an der Seidenstraße, schon vor Jahrhunderten verarbeiteten syrische Schneider die von Händlern aus dem Osten in die Levante gebrachten edlen Stoffe. Nach dem Zweiten Weltkrieg bescherte der Boom der Bekleidungs- und Seidenbranche einheimischen Herstellern auch große Exporte nach Europa, die erst durch die Verstaatlichung 1958 ein jähes Ende fanden. Die vorsichtige wirtschaftliche Öffnung der neunziger Jahre brachte das Gewerbe dann wieder zum Blühen. Auf mehr als 20.000 Textilbetriebe und eine jährliche Baumwollproduktion von 7000 Tonnen kam das Land, ehe im März vor drei Jahren Demonstrationen gegen das Regime Baschar al Assads begannen. Im letzten Vorkriegsjahr 2010 belief sich die Ausfuhr auf umgerechnet 9,4 Milliarden Euro. Auch deutsche Modefirmen wie Cecil, Gelco, Tony Dress und Gin Tonic zählten zu den Kunden.

Nach und nach brach alles zusammen. Nach Ausbruch der Proteste hätten sich die Verluste zunächst in Grenzen gehalten, erzählt Muhammad al Hamali, so dass sich die Produktion im ersten Jahr der Revolution fortführen ließ. Bei einer Tasse Nescafé sitzt der ältere der beiden Brüder im schmucklosen Büro im Erdgeschoss der kleinen Fabrik. Auf dem Tisch liegt eine Handvoll Oberhemden. Erst im vergangenen Jahr, sagt al Hamali, hätten die großen Seidenproduktionsstätten schließen müssen: Als im April vergangenen Jahres seine Fabrik am Standrand von Damaskus bombardiert wurde, war klar, dass sich der Betrieb in Syrien nicht aufrechterhalten ließe, sagt der 48 Jahre alte Unternehmer. Dort laufe heute nur noch eine Notfertigung in einer Ausweichstätte – er selbst hingegen fing in Kairo mit seinem 15 Jahre jüngeren Brüder noch einmal von vorne an.

Aus Assads Diktatur geflohen waren die beiden schon zehn Monate zuvor. Zwar waren und sind viele Geschäftsleute Assad treu geblieben, auch weil sie vom neoliberalen Kurs des Regimes profitiert hatten, das andererseits Hunderttausende Landarbeiter in die Armut trieb. Die Textilunternehmer al Hamali aber schlugen sie sich früh auf die Seite der Opposition. Im Juni 2012 wurde Muhammad deshalb verhaftet, ein paar Wochen später verließ er das Land. Vielleicht für immer: „Ich habe mir fünf Jahre gegeben, um Kairo als neuen Firmensitz aufzubauen“, sagt er. Alles andere sei Zeitverschwendung, nur durch langfristige Planung ließen sich Erfolge erzielen. „Für das Geschäft ist es Gift, abzuwarten und auf ein baldiges Ende der Krise zu hoffen.“ Zudem trage er hier Verantwortung für Dutzende Flüchtlingsfamilien.

Aus Syrien flüchten Millionen von Menschen. Sie lassen ihre Häuser zurück, und viele von ihnen sind arm und leben in den Flüchtlingslagern. Andere gehören der Mittel- und Oberschicht an, und am Beispiel der Brüder al Hamali wird deutlich, dass diese Flüchtlinge nicht nur ihren privaten Besitz in Autos oder Lastwagen über die Grenze bringen – oder Geldvermögen ins Ausland schaffen –, sondern auch ganze Unternehmen und Wirtschaftszweige ins Ausland mitnehmen.

Die Wirtschaft in Syrien liegt brach

In Syrien liegt, wie der Tourismus und die Ölproduktion, auch die Textilbranche nach drei Jahren Krise brach. Ebenso die Landwirtschaft: Die Weizenproduktion brach ein. Der Wert der an der Börse von Damaskus gehandelten Aktien ist seit Beginn des Aufstands um mehr achtzig Prozent geschrumpft. Auf sechzig bis achtzig Milliarden Dollar beziffern Fachleute der Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien der Vereinten Nationen die durch den Krieg erlittenen Schäden. Mehr als 2000 Fabriken sollen zerstört worden sein; in der einstigen Handelsmetropole Aleppo arbeitet nur noch jede vierte. Allein für den Wiederaufbau Hunderttausender Häuser veranschlagt die Unescwa 22 Milliarden Dollar. Um die Wasser-, Strom- und Gasversorgung wiederherzustellen, seien mindestens sechs Milliarden Dollar nötig.

Der Bürgerkrieg – ein Albtraum, der nicht aufhört, auch nicht im Exil. Erinnerungen an die zerstörte Heimat schleppt jeder mit sich herum, an Hunger, Tod und Verzweiflung der zurückgelassenen Verwandten. 140.000 Menschen sind seit Beginn des Aufstands 2011 getötet worden, zehn Millionen der 22 Millionen Syrer auf der Flucht. Nach Regierungsangaben leben davon allein 300.000 in Ägypten. Zunächst waren es nur reiche Geschäftsleute, die sich den Flug und die Unterkunft in Kairo oder Alexandria leisten konnten. Da das Land industrialisiert ist und die Produktionskosten niedrig, sahen syrische Unternehmer hier ihre Chance und knüpften wie die Hamalis an bestehende Wirtschaftsverbindungen an. Doch als sich Ende 2012 abzeichnete, dass nicht das Ende des Regimes, sondern ein langer Krieg bevorstehen würde, kamen auch die Armen. Viele von ihnen sind bei Angehörigen untergekommen, die schon länger in Ägypten wohnen – andere leben zusammengepfercht in kleinen Wohnungen, ohne Aussicht auf Arbeit oder baldige Rückkehr.

Das Geschäft im Exil läuft immer besser. Inzwischen verlassen 250 Hemden am Tag die Packtische im Erdgeschoss der kleinen Fabrik. 500 sollen es bis zum Sommer sein, tausend bis zum Jahresende, was den Brüdern einen Umsatz von umgerechnet zwei Millionen Euro bescheren würde. Davon profitierten auch die Arbeiter, deren Löhne ägyptischem Durchschnitt entsprechen: Zwischen ein- und zweihundert Euro bekommen sie im Monat, Vorarbeiter und Designer etwas mehr. Einige von ihnen waren schon in Syrien in der Textilproduktion tätig, vor Kriegsbeginn neben der Landwirtschaft wichtigster Wirtschaftszweig.

Mehr als 1000 Arbeiter stellen täglich über 500 Kleider her

Bei den Hamalis liegt die Rolle des sorgenden Arbeitgebers gewissermaßen in der Familie. Viele Jahre arbeitete Muhammad al Hamali in der Firma seines Onkels Riad Seif. Gemeinsam mit Muhammads Vater Ratib hatte der Textilmagnat und Oppositionelle der ersten Stunde schon Anfang der 1960er Jahre die Bekleidungsfirma „400“ aufgebaut, die 1981 erstmals exportierte – damals noch in die Sowjetunion. Später wurde Seif zum ersten Lizenzproduzenten von Adidas in der arabischen Welt. Mehr als tausend Arbeiter stellten bald täglich mehr als 500 Kleidungsstücke her, zu einer Zeit, als das Regime Hafiz al Assads noch treu den Regeln staatssozialistischer Planwirtschaft folgte. Früher als andere Unternehmen passte sich Seifs Firma Seiza den Bedingungen des Weltmarktes an und konnte ihren Angestellten dafür deutlich höhere als die Durchschnittslöhne zahlen.

Auch auf den Kleiderstangen in der Fabriketage am Rande Kairos hängen die Hemden mit dem Etikett der vom Vater mitgegründeten Firma „400“. Bayard, de Backer’s und Azzaro heißen die anderen Labels, die die Hamali-Brüder auch nach ihrem Abschied aus Syrien weiterführen. Aufgeben wollen sie die Stammproduktion nicht, dazu liefen die Geschäfte bis zum Ausbruch des Aufstands zu gut: 17 Läden in Damaskus, Homs, Aleppo und den beiden Mittelmeerstädten Latakia und Tartus betrieben sie noch im ersten Revolutionsjahr. Inzwischen werden nur noch sieben beliefert – aus Ägypten, aber auch aus der verbliebenen Fabriketage in Damaskus, wo ein Drittel der früheren Angestellten hinzog, nachdem der Firmensitz im vergangenen Frühjahr bombardiert worden war.

Die Brüder setzen seither auf Ägypten. Schwierigkeiten bei der Beschaffung von Baumwolle und Arbeitserlaubnissen wischten sie schnell beiseite, von Schikanen der ägyptischen Bürokratie ließen sie sich nicht aufhalten. Obwohl die Fertigung fern der Heimat nur langsam in die Gänge kam, geht es in dem Betrieb seitdem bergauf. Und alle atmen durch, dass das ägyptische Krisenjahr 2013 endlich vorbei ist – denn die politischen Unruhen schienen ihnen zu folgen, der Sturz Präsident Muhammad Mursis im Juli und die vom Militärregime blutig niedergeschlagenen Proteste danach haben Spuren hinterlassen. An eine normale Produktion war nicht zu denken. „Der vergangene Dezember war der erste Monat, in dem wir Profit gemacht haben“, sagt Muhammad al Hamali.

Die Unternehmer leben hier, anders als die vielen armen Flüchtlinge, gut. Die Hamalis haben in der Oberklassen-Satellitenstadt Rehab City im Nordosten Kairos Wohnungen bezogen. Die meisten Ägypter können sich das nicht leisten. So haben der Neid auf die Syrer und die Ausgrenzung der im offiziellen Sprachjargon als „arabische Brüder“ bezeichneten Flüchtlinge im vergangenen Jahr zugenommen. Die Mietpreise sind in die Höhe geschnellt. Während es den beiden Textilproduzenten gelungen ist, den sozialen Abstieg im Exil zu vermeiden, gehen anderen einst wohlsituierten Syrern die Ersparnisse aus: Khaled Mansur ist einer von ihnen. Mit verschränkten Armen steht der 37 Jahre alte Mann vor einer Fahne des FC Bayern München in seinem Internetcafé „Bug“. Der kleine Laden liegt eingezwängt zwischen Kleidergeschäften, Imbissständen und Elektrobetrieben im quirligen Marktviertel von Rehab City. Ehe Ende 2012 immer mehr Flüchtlinge kamen, herrschte hier gediegene Langeweile. Nun geht es zu wie auf dem Basar von Aleppo – einst, bevor die Kämpfe zwischen Aufständischen und Regimeeinheiten begannen.

Neue Aufenthaltsbestimmungen treiben Syrer in die Illegalität

Aus der nordsyrischen Handelsstadt war Mansur vor zehn Monaten nach Kairo gekommen, gemeinsam mit seiner Frau und den drei Kindern. Ein viertes ist unterwegs. „Bis zum Ende des Jahres reicht das Geld noch für die Schulgebühren“, sagt Mansur. Einst arbeitete er als Leiter einer Firma für Medizintechnik im auch für seine Pharmaindustrie bekannten Aleppo. „Was danach kommt, weiß ich nicht.“ Weil die neuerdings strikten ägyptischen Aufenthaltsbeschränkungen Tausende Syrer in die Illegalität getrieben haben, ist ihnen der Besuch staatlicher Schulen nicht mehr möglich – und die privaten Bildungseinrichtungen sind teuer. Nachdem der islamistische Präsident Mursi in den letzten Tagen vor seinem Sturz aus Syrien zurückkehrenden Dschihadisten Straffreiheit zugesichert hatte, verschärften seine Nachfolger im vergangenen Sommer die Einreisebestimmungen. Wiederholt kritisierten Menschenrechtsorganisationen und Vereinte Nationen seither die unerbittliche Abschiebepolitik des Militärregimes.

Die 500 Euro, die Mansur mit seinem Internetcafé auf dem Markt von Rehab City einnimmt, reichen nicht für das Schulgeld. Wie Mansur und seiner Familie geht es Tausenden, der Krieg in Syrien hat Unzählige in die Armut getrieben. Der soziale Abstieg steht ihnen ins Gesicht geschrieben: Ein paar Ladenlokale neben dem „Bug“ betreibt ein Herzchirurg einen Schawarma-Stand, viele der einfachen Näher in der Fabrik der Hamalis besaßen in Damaskus noch vor einem Jahr eigene Textilmanufakturen. „Allein Gott weiß, was die Zukunft bringt“, sagt Mansur.

Im Vergleich zu den Millionen, die in Syrien und den Nachbarländern ohne Dach über dem Kopf leben müssen, geht es ihm aber gut. Doch der Statusverlust nagt an dem Familienvater, der zu Hause ein angesehener Mann war: Ob er sich jemals wieder Hausangestellte und zwei Autos wird leisten können, steht in den Sternen. Und die einstige Gewissheit, seinen Kindern eine sichere Zukunft bieten zu können, schwindet von Tag zu Tag. Nur eines wisse er genau: Sollte der Krieg irgendwann zu Ende gehen, wäre er innerhalb von 24 Stunden zurück.

An Rückkehr denkt der Textilfabrikant Bassel al Hamali hingegen nicht. Spät nach Feierabend sitzt er auf der Terrasse eines syrischen Wasserpfeifencafés in Rehab City, auf dem großen Flachbildschirm läuft ein Champions-League-Spiel. Auch den Imbiss nebenan betreibt ein Syrer, der Duft von gebratenem Fleisch weht herüber. Nach einigen Schwierigkeiten ist es ihm doch noch gelungen, seine Frau und die drei Kinder nach Kairo zu bringen: Die nach dem Sturz Mursis verschärften Visumbestimmungen hatten eine Familienzusammenführung zunächst verhindert.

Mehr Sorge bereitet al Hamali inzwischen seine „zweite Familie“, die Firma in Damaskus. Mit den verbliebenen Mitarbeitern, die die Notproduktion aufrechterhalten, stehe er per Skype und E-Mail in ständigem Kontakt, sagt er. Immerhin siebzig Hemden am Tag werden am Ausweichsitz der Kleiderfirma produziert, trotz Schikanen durch Assads Sicherheitsdienste. Obwohl sie das Lösegeld für einen entführten Cousin bezahlt hätten, fehle von dem Verwandten weiter jede Spur. „Wir geben nicht auf“, sagt er trotzig. Dass er sich eines Tages mehr als tausend Kilometer von Damaskus entfernt an der Spitze eines syrischen Exilunternehmens wiederfinden würde, hätte er sich vor drei Jahren noch nicht träumen lassen, sagt er.

Nun kann er der Neuerung sogar Gutes abgewinnen. Weil viele der aus Syrien geflohenen Textilproduzenten am Nil neue Fertigungsstätten errichtet hätten, gewöhnten sich auch die Importeure langsam an den ungewöhnlichen Produktionsstandort. „In Damaskus waren wir Konkurrenten, hier ziehen wir gemeinsam an einem Strang“, sagt er lachend. Die Not schweißt zusammen, und der levantinische Unternehmergeist sprengt auch fernab der Heimat die Ketten, die die ägyptische Bürokratie ausländischen Investoren auferlegt. Gerade erst hätten er und sein Bruder einen großen Vertrag mit einer Firma in den Vereinigten Arabischen Emiraten abgeschlossen, sagt der jüngere der Hamali-Brüder. Überhaupt würden Lieferungen in die reichen Golf-Staaten den Export in die durch den Krieg in die Ferne gerückten Märkte in Europa allmählich ersetzen. Und als Nächstes sei der Aufbau einer kleinen Schule geplant, um die neuen Arbeiter besser anzulernen.

Quelle: F.A.Z.
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