Zum Tode Gary Beckers

Der Mensch als Erklärungsmuster

Von Patrick Welter
05.05.2014
, 18:01
Gary S. Becker
Gary Becker wurde die Ökonomisierung aller Lebensbereiche vorgeworfen. Das war ein Zerrbild, der Denkfaulheit geschuldet. Ein Nachruf.
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Gary Becker war ein guter Ökonom und ein liberaler Ökonom. Wie wenige andere riefen seine Studien Widerspruch hervor. Becker untersuchte die Ökonomik der Diskriminierung, der Ehe, der Familie, des Verbrechens oder des Selbstmords. Er lehrte Ökonomen und Politiker die Bedeutung des Humankapitals, des Werts einer guten Erziehung und Ausbildung. Doch schon der Begriff Humankapital rief Ablehnung hervor. Becker wurde die Ökonomisierung aller Lebensbereiche vorgeworfen. Das war ein Zerrbild, der Denkfaulheit geschuldet.

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Becker predigte nicht, das Leben der Wirtschaft zu unterwerfen. Seine Studien sind sinniger als steter Versuch zu lesen, wie weit die ökonomische Analysemethode alltägliches Verhalten erklären kann, wie weit der eigeninteressierte, Vorteile und Nachteile abwägende Mensch als Erklärungsmuster trägt. Beckers Analysen zu den unterschiedlichsten Lebensbereichen zeigen: ganz schön weit. Indirekt führt das dann dazu, das Entscheidungsvermögen des einzelnen Menschen als hohes Gut anzuerkennen. Dass diese individualistische Analyse gesellschaftlicher Phänomene den Soziologen und den Linken nicht passte, überrascht nicht. Doch 1992 wurde Becker mit dem Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften der Schwedischen Reichsbank ausgezeichnet.

Einer der bekanntesten Vertreter der Chicago School

Becker wurde in einer kleinen Stadt in Pennsylvania geboren und wuchs in Brooklyn in New York auf. Den Großteil seiner Studien und Berufsjahre verbrachte er an der Universität Chicago. Der noch junge Milton Friedman, selbst später Wirtschaftsnobelpreisträger, wurde dort Mentor und Doktorvater. Als Professor für Ökonomie und Soziologie war Becker später einer der bekanntesten Vertreter der marktwirtschaftlichen Chicago School.

In Interviews und Gesprächen war er einer der freundlichsten Menschen, die man sich vorstellen kann, immer bereit, ohne Dünkel ökonomische Sachverhalte zu erklären und für eine marktwirtschaftliche Sicht zu werben. Jahrzehntelang schrieb er eine Kolumne für die amerikanische Zeitschrift „Newsweek“. Zusammen mit dem Chicagoer Juristen und Richter Richard Posner debattierte Becker in einem Internettagebuch politische Fragen. In seinen letzten Einträgen warb er für die Entkriminalisierung des Gebrauchs von Marihuana und für die Aufhebung der Wirtschaftsblockade gegen Kuba.

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Becker warnte seit der Finanz- und Wirtschaftskrise oft, die Krise nicht als das Ende der Überlegenheit von Märkten anzusehen. Nüchtern verwies er auf die Liberalisierung in China und anderen Schwellenländern, um aufzuzeigen, dass die Märkte ihre Attraktivität nicht verloren haben. Am Samstag ist Becker im Alter von 83 Jahren gestorben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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