FAZ plus ArtikelBatteriefertigung

Der 100.000-Volt-Fabrikant

Von Sebastian Balzter
12.12.2020
, 16:55
Der Österreicher Michael Tojner hat der deutschen Batteriefirma Varta zu frischem Glanz verholfen. Erstmals soll es sogar eine Dividende geben. Doch in der Heimat hat er die Justiz am Hals.

Was Paradeiser und Marillen sind, wofür ein Pickerl gut ist und dass es Einspänner im Café gibt, das wissen viele Deutsche aus dem Urlaub in Österreich. Aber was bitte schön ist eine Vernaderung? Im Wörterbuch der Austriazismen muss man ein bisschen suchen, um die Bedeutung herauszubekommen: Verrat, Denunziation. Die Vokabel braucht, wer derzeit mit Michael Tojner spricht, denn dann kommt die Rede irgendwann fast zwangsläufig auf das, was der Unternehmer aus Wien selbst als die gegenwärtige „Tojner-Vernaderung“ bezeichnet. Soll heißen: Es gibt eine Kampagne gegen ihn, den Selfmade-Milliardär, aufgebaut aus antikapitalistischem Klischee und haltlosen Vorwürfen, von der neidischen Konkurrenz befeuert, gipfelnd in einem auf Betrugsverdacht beruhenden Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft.

Das könnte man in Deutschland als Kleinkram aus der Nachbarschaft abtun. Wenn es diesem Michael Tojner – Mitte fünfzig, Vater von sechs Kindern, groß und schlank, graumelierte Locken, stets sonnengebräunt – nicht gelungen wäre, in den vergangenen Jahren eine abgewirtschaftete Ikone der deutschen Industrie unverhofft zu neuem Glanz zu bringen. Tojner hat zugegriffen, als sonst keiner mehr einen Pfifferling auf den Batteriehersteller Varta setzte. Das war im Jahr 2007. Die Deutsche Bank und die Industriellenfamilie Quandt waren als Vorbesitzer froh, immerhin noch 30 Millionen Euro dafür zu bekommen. Zehn Jahre später hat Tojner Varta in Frankfurt an die Börse gebracht, wo die Firma heute im M-Dax mit 4,5 Milliarden Euro bewertet wird, dem 150-Fachen des Kaufpreises. Darin steckt eine Wette auf die vollelektrifizierte Zukunft, in der Batterien unverzichtbar sind, nicht zuletzt für Deutschlands Vorzeigebranche, die für systemrelevant erklärte Autoindustrie. Die Lithium-Ionen-Technik von Varta könnte ihr eines Tages auf die Sprünge helfen im Wettlauf mit Tesla und anderen schnittigen Konkurrenten. Auf Tojner und seine Firma hofft daher nun sogar die Bundesregierung. Im Sommer kam Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eigens in die Varta-Fabrik in Ellwangen, um einen Förderbescheid über 300 Millionen Euro abzugeben.

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Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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