Babynahrung

Zoff ums Gläschen

Von Bastian Benrath
18.04.2021
, 15:12
Wie füttert man sein Baby am besten? Um diese Frage tobt ein Rechtsstreit zwischen Marktführer Hipp und dem Start-up Yamo. Er gibt einen Einblick in einen Markt, in dem vor allem Vertrauen zählt.

Start-ups werden vor allem für ihre Fähigkeit zur Disruption geschätzt. Das bedeutet: Sie stellen infrage, ob die Art und Weise, wie Dinge bisher gemacht wurden, schon die beste ist – oder ob man es nicht noch besser machen könnte. Gesamtwirtschaftlich gilt das als wichtige Quelle von Innovation. Sobald es konkret wird, stellt sich aber schnell die Frage, wie weit Disruption rechtlich gehen darf – denn natürlich provoziert sie Abwehrreaktionen von etablierten Unternehmen.

Das kann unangenehm werden, vor allem wenn das fragliche Produkt mit Emotionen beladen ist. Bei Babynahrung etwa sagt mehr als jeder dritte Verbraucher in Deutschland, er kaufe nur Marken, denen er vertraue. Entsprechend empfindlich sind Unternehmen, wenn dieses Vertrauen angegriffen wird.

Genau auf diesem Markt fordert ein Schweizer Start-up den Marktführer Hipp – „dafür stehe ich mit meinem Namen“ – heraus. Yamo heißt das Jungunternehmen, es wurde 2016 von drei jungen Männern in Luzern gegründet, hat inzwischen knapp 40 Mitarbeiter und nach eigenen Angaben 30.000 Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Nach dem Marktstart kam die Abmahnung

Yamo setzt auf Babykost, die, um sie haltbar zu machen, nicht mit Hitze pasteurisiert wird – wie es bislang meist üblich ist –, sondern stattdessen kalt gepresst. Yamos Breie findet man deshalb im Kühlregal und sie sind nur acht Wochen und nicht mehrere Monate lang haltbar. Dafür bleiben die Vitamine, Aroma- und Farbstoffe des verarbeiteten Obst und Gemüses besser erhalten, sagt Yamo: Man habe die erste frische Babynahrung in Europa entwickelt.

Im Sommer 2018 starteten die Schweizer mit ihren Produkten in Deutschland. Und im September 2018 kam die erste Abmahnung von Hipp – weil sich der Konzern von mehreren Werbeaussagen angegriffen fühlte, die Yamo auf Instagram verbreitet hatte.

„Uns kannte da noch kein Mensch“, sagt Luca Michas, 35, einer der drei Yamo-Gründer. „Die Abmahnung kam, bevor wir uns überhaupt in Deutschland entfalten konnten.“

Seitdem entspann sich ein Rechtsstreit, der über zweieinhalb Jahre bislang sechs Abmahnungen und zwei Klagen von Hipp gegen Yamo umfasst. Die Yamo-Gründer sehen dahinter eine Kampagne, mit der ein künftiger Konkurrent kaltgestellt werden soll. „Man kann schon auf den Gedanken kommen, dass man hier eine Entwicklung im Markt verhindern will“, sagt Michas.

Auf Anfrage der F.A.Z. verwahrt sich Hipp gegen diesen Vorwurf. Wenn Mitbewerber „unlautere Vergleiche und unzutreffende Behauptungen zu bewährten und sicheren Babynahrungsprodukten“ anstellten, sei es ein angemessenes Vorgehen, „das gerichtlich neutral bewerten zu lassen“.

Offener Brief für „mehr Fairplay“

Die drei Yamo-Gründer haben Hipp am Sonntag einen offenen Brief geschrieben, mit dem sie den Konzern „zu mehr Fairplay bewegen“ wollen, wie Michas sagt. „Wir stellen mit Yamo heute die Babynahrung her, die wohl in ein paar Jahren Standard wird“, heißt es darin selbstbewusst. Die Yamo-Gründer fragen die Hipp-Chefs, ob sie mit ihren Abmahnungen und Klagen „die übliche Großkonzerntaktik“ fahren: „Uns solange juristisch attackieren, bis uns das Geld ausgeht?“

Dafür jedenfalls fühlen sich die drei gerüstet: In einer Finanzierungsrunde im vergangenen Jahr habe Yamo etwas mehr als 10 Millionen Euro von Investoren erhalten, sagt Tobias Gunzenhauser, 33, im Gründer-Team für den Vertrieb zuständig. „Wir könnten das schon noch eine lange Weile machen.“ Der Hipp-Konzern, der seine Produkte in mehr als 40 Länder verkauft, macht einen Jahresumsatz von rund einer Milliarde Euro.

Einen der Prozesse hat Yamo gewonnen. Er ging um das Verfahren, mit dem das Start-up seinen Brei haltbar macht. Hipp hatte argumentiert, die Hochdruckpasteurisierung (HPP) sei „neuartig“. Einer EU-Verordnung zufolge müssten damit behandelte Lebensmittel deshalb erst ein Genehmigungsverfahren durchlaufen, bevor sie verkauft werden dürften.

Das Landgericht Hamburg sah das anders und wies die Klage im Dezember als unbegründet ab: Das HPP-Verfahren sei schon in den 1990er-Jahren in Europa angewandt worden und deshalb nicht neuartig. Das Urteil ist rechtskräftig, nachdem Hipp – zur allgemeinen Überraschung der Yamo-Gründer – nicht in Berufung ging.

Was muss sich ein Marktführer gefallen lassen?

Der Rest der Auseinandersetzung dreht sich um Werbeaussagen. Zum Beispiel schrieb Yamo auf Facebook: „Wenn man herkömmlichen Babybrei probiert, weiß man, wieso Babys ihn immer rausspucken.“ Oder schrieb auf seiner Internetseite: „Hast Du Dich schon mal gewundert, wieso viele herkömmliche Babybrei-Gläschen im Supermarkt häufig diese bräunlich-matte Farbe haben? Das kommt davon, dass der Brei mit hoher Hitze über längere Zeit sterilisiert wird.“

In keiner der Botschaften wird Hipp namentlich erwähnt, doch es braucht keine besondere Anstrengung, mit „Babybrei-Gläschen“ den Marktführer zu assoziieren. Wegen einiger Aussagen, zum Beispiel dass „herkömmlicher Babybrei voller ungesunder Zusatzstoffe“ sei, hat Yamo Unterlassungserklärungen abgegeben. Hipp weist darauf hin, dass Yamo auch gerichtlich einige Aussagen verboten worden sind.

Auch Mittbewerber sagen: Yamo „segelt hart am Wind“

Was also ist erlaubt im Sinne der Disruption – und was muss sich ein Marktführer nicht gefallen lassen? „Gerade die Babynahrungsbranche ist besonders streitfreudig, da die Produkte vor allem wegen Werbeaussagen gekauft werden“, sagt Heike Blank, Rechtsanwältin und Partnerin der Kanzlei CMS. Mit dem Streit zwischen Yamo und Hipp hat sie nichts zu tun, doch als Expertin für Lebensmittelrecht kennt sie die Branche gut.

Sechs Abmahnungen und zwei Klagen in zweieinhalb Jahren überraschen sie nicht sonderlich. „Das Lebensmittelrecht gerade im Bereich der Babynahrung ist extrem reguliert“, sagt sie. „Deshalb fällt es gerade neuen Marktteilnehmern schwer, auf Anhieb alle Regularien einzuhalten.“ Etablierte Unternehmen auf dem Markt könnten dann ihren Wissensvorsprung ausnutzen.

Es komme auch vor, dass Marktgrößen das zum Schutz der Verbraucher geschaffene Recht ausnutzten, um sich unliebsame Konkurrenz vom Leib zu halten. Verwende ein Start-up dann Aussagen, die nicht das eigene Produkt in den Vordergrund stellen, sondern den bisherigen Marktstandard bemängelten, so erfahre dies Aufmerksamkeit der etablierten Marktteilnehmer: „Da darf man sich dann auch ein Stück weit nicht wundern, wenn man Gegenwind erfährt.“

Es ist gerade der Anspruch eines Start-ups, etablierte Methoden aufzubrechen. Doch auch Mitbewerber auf dem Babynahrungsmarkt sagen: Yamo segelt mit seinen Botschaften hart am Wind. „Ich habe mich immer gewundert, dass wir nicht angerufen wurden oder eine E-Mail bekommen haben, wenn die etwas gegen unsere Methoden haben“, sagt Gunzenhauser. Stattdessen kam die Anwaltspost.

Nun bieten die Gründer Hipp an, den Streit „mit etwas Positivem“ zu beenden, wie sie in ihrem offenen Brief schreiben. Sie haben 10.000 Euro, die sie der Rechtsstreit im Schnitt vierteljährlich koste, an die Stiftung Kindergesundheit gespendet. Hipp rufen sie auf, das gleiche zu tun: „Machen wir lieber Kinder satt statt Anwälte.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Benrath, Bastian
Bastian Benrath
Redakteur in der Wirtschaft.
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