Gastronomie verärgert

„Es ist ein furchtbares Durcheinander“

Von Jacqueline Vogt, Frankfurt
Aktualisiert am 24.11.2020
 - 18:27
Stühle weiter auf den Tischen: Auch das „Café Karin“ in Frankfurt bleibt zu.
Vor dem Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin kritisieren Gastronomen die neuen Pläne zum Lockdown für die Branche. Mögliche Lockerungen für Weihnachten brächten neue Probleme. Die Wirte hoffen jetzt auf einen kurzen Winter.

Einen Tag bevor die Ministerpräsidenten der Länder mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die Verlängerung des „Lockdowns light“ beraten wollten, haben am Dienstag Gastronomen und Hoteliers gegen vorab bekanntgewordene Diskussionsvorschläge und Beschlussvorlagen Bedenken angemeldet. Sie reichen von Kritik an der offenbar feststehenden Verlängerung des Bewirtungsverbots für die Gastronomie bis zur Ablehnung einer vorerst befristeten Aufhebung dieses Verbots.

In Berlin wandte sich die Geschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), Ingrid Hartges, gegen Überlegungen, eine Öffnung von Restaurants und Hotels nur für wenige Tage über Weihnachten zu erlauben. „Unsere Unternehmen sind keine Garagen, die man nach Belieben auf- und zusperren kann“, sagte Hartges unter Bezugnahme auf Medienberichte, wonach die Länderchefs dies in Verbindung mit der Fortführung des Locksdowns für die Branche bis einschließlich 20. Dezember erwögen. Wenn schon, dann müssten die Betriebe bis mindestens Mitte Januar offen bleiben können, so Hartges.

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„Öffnungen und Schließungen sind extrem aufwendig“, sagte dazu der Frankfurter Gastronom Robert Mangold, Geschäftsführer der Tiger-Palmen-Gruppe und Vizepräsident des Dehoga-Landesverbands Hessen. Die Restaurants seiner Gruppe, darunter das Zwei-Sterne-Restaurant „Lafleur“ im Palmengarten-Gesellschaftshaus, sind ebenso wie das Varieté Tigerpalast geschlossen, lediglich Speisen zum Mitnehmen werden verkauft. Dem Gastgewerbe erst eine Schließung aufzuerlegen und ihm dann eine auf wenige Tage beschränkte Möglichkeit in Aussicht zu stellen, seine Geschäfte in vollem Umfang wieder aufzunehmen, nannte Mangold Kalkül und ein Spiel über die Bande: „Man hat den Eindruck, dass durch diese Art von Politik der freiwillige Verzicht befördert wird.“

„Um für sieben Tage zu öffnen, muss man nicht nur einkaufen, man muss auch Mitarbeiter aus der Kurzarbeit holen“, sagte die Geschäftsführerin des Dehoga-Kreisverbands Frankfurt, Kerstin Junghans. Das sei nicht nur wirtschaftlich riskant, sondern auch emotional schwierig. „Die Leute sitzen zu Hause, aber über Weihnachten sollen sie dann arbeiten.“

Ungeachtet einer möglichen Erlaubnis zur Öffnung über Weihnachten, die seit Montagabend kolportiert wurde, haben etliche Inhaber von Restaurants und Gaststätten in den vergangenen Wochen Vorkehrungen dafür getroffen, ihre Betriebe in diesem Jahr über ein mögliches Ende des derzeitigen Lockdowns hinaus geschlossen zu halten.

Hoffen auf einen kurzen Winter

„Wir haben uns schon sehr früh auf eine erneute Schließung eingestellt“, sagte am Dienstag Mario Furlanello, Betreiber des Bornheimer Ratskellers in Frankfurt. „Die bis vor kurzem stetig steigenden Infektionszahlen haben uns nicht nur wenig, sondern keine Hoffnung auf eine Wiedereröffnung in 2020 gemacht.“ Für die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie habe er Verständnis, fügte Furlanello hinzu, auch wenn er nicht immer nachvollziehen könne, „auf welcher Basis die unterschiedliche Behandlung verschiedener Branchen entschieden wird“. Er hoffe jetzt auf einen kurzen Winter und auf die angekündigten finanziellen Hilfen, „weil wir, hoffentlich zum Wohle aller, auf die Umsätze der beiden stärksten Monate verzichten müssen“.

Unterdessen sollen die von der Bundesregierung in Aussicht gestellten Kompensationsleistungen in Höhe von 75 Prozent der im November 2019 erzielten Umsätze betroffener Betriebe dieser Tage beantragt werden können. Bisher war das nicht möglich, weil die dafür notwendige Software noch nicht programmiert war. Die Hilfe muss über Steuerberater bei einem Online-Portal des Bundes angefordert werden, ausgezahlt wird über die Länder.

Zusätzlich sind in den vergangenen Wochen sogenannte Überbrückungshilfen aufgelegt worden. Diese wiederum, so Dehoga-Geschäftsführerin Junghans, würden von den Novemberhilfen abgezogen. Die Lage zahlreicher Betriebe, die in nächster Zukunft enorme Rückzahlungen etwa für gestundete Mieten zu leisten hätten, sei dabei schon jetzt dramatisch bis verzweifelt. Dass Verordnungen oft schlecht kommuniziert würden und die Auslegung kompliziert sei und mitunter strittig, mache die Sache nicht leichter. „Es ist ein furchtbares Durcheinander.“

Von einer Lage, die der Einzelne nur noch schwer durchdringen könne, spricht auch ein Rechtsanwalt aus der Region, der zahlreiche Gastronomen vertritt. Als Beispiel nannte er die am Montag vom hessischen Wirtschaftsministerium veröffentlichte Information, dass Wirte sich die Anschaffung von mindestens 2000 Euro teurem technischen Gerät mit 1500 Euro vom Land vergüten lassen könnten. Unter der Maßgabe, dass die Antragsfrist für diese Unterstützung schon drei Tage nach Eröffnung am Donnerstag ende, sei die Information viel zu kurzfristig erfolgt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Vogt, Jacqueline (jv.)
Jacqueline Vogt
Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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