Industrie 4.0

„Das ist ein urdeutsches Problem“

Von Uwe Marx
18.04.2021
, 14:01
Zwischen Datenanalyse und Datenphobie: Das frühere Start-up Relayr digitalisiert unter dem Dach der Munich Re deutsche Mittelständler – auf einem einmaligen Markt.

Das Sammeln von Maschinendaten und ihre Analyse mögen nach einer wenig spannenden Angelegenheit klingen. Nach einer Spielwiese allenfalls für Software-Nerds. Aber wenn Josef Brunner ins Spiel kommt, sieht die Sache anders aus, dann bröckelt manches Klischee. Das liegt auch an seiner Vita: Der 39 Jahre alte Münchner hat früh Unternehmen gegründet, weiterentwickelt und zum Teil mit beträchtlichem Erfolg weiterverkauft.

Sein Softwareunternehmen Joule X etwa war dem amerikanischen IT-Riesen Cisco vor acht Jahren mehr als 100 Millionen Dollar wert, was für einiges Aufsehen sorgte. 2018 machte Brunner Furore, als er das Start-up Relayr – Spezialität: Maschinendaten mit Hilfe von Sensoren sammeln und analysieren – dem Rückversicherer und Dax-Konzern Munich Re verkaufte; die Unternehmensbewertung von 300 Millionen Dollar machte den Transfer zu einem der teuersten deutschen Start-up-Verkäufe, Brunner ist jetzt CEO. Hinzu kommt, dass er sein Metier anschaulicher erklären kann als viele andere.

Auf der Suche nach der optimalen Produktion

Auf der digitalen Hannover Messe war dieser Tage dazu die Gelegenheit. Denn obwohl er kein klassischer Vertreter des deutschen Maschinenbaus ist, ist Brunner in dieser industriellen Kernbranche doch präsenter denn je. Das liegt vor allem an einer Partnerschaft, die Munich Re und Relayr mit dem schwäbischen Maschinenbauunternehmen und Laserspezialisten Trumpf eingegangen sind.

Es geht um ein Geschäftsmodell, das mit „Pay-per-Part“ zusammengefasst wird: Kunden kaufen keine Lasermaschine mehr von Trumpf, sie bekommen sie von Munich Re finanziert, zahlen nur für jedes einzelne ihrer bearbeiteten Blechteile, je nach Größe, Geometrie oder Aufwand der Bearbeitung. Relayr kümmert sich per Datenanalyse um die optimale Nutzung der Maschine, um Qualitätskontrolle, Wartungsbedarf, den optimalen Materialeinsatz, schließlich die Preisfindung.

Munich Re investiere in das Geschäftsmodell von Kunden, sagt Leonhard Forster vom Industriegeschäft des Rückversicherers. Diesen werde das Risiko großer Investitionen abgenommen, sie könnten sich auf ihr eigentliches Geschäft konzentrieren.

Den Maschinendaten kommt eine Schlüsselrolle zu. Die hundertprozentige Munich-Re-Tochtergesellschaft Relayr – 300 Beschäftigte, Standorte in München, Berlin, Chicago und Polen – ist hier in ihrem Element. Mit dem sogenannten Internet der Dinge (IoT) ist sie schließlich groß geworden. Sensoren, die in Maschinen, Anlagen, Komponenten, Einzelteilen, potentiell überall Rückmeldungen über den Zustand geben – das ist ihr Geschäft.

Wo ist der Mehrwert der Digitalisierung?

Brunner schwärmt von einer Zusammenarbeit mit La Marzocco, einem italienischen Hersteller von Kaffeemaschinen, der unter anderem die amerikanische Kaffeekette Starbucks beliefert. Auch hier sei es darum gegangen, mittels Datenanalyse eine gleichbleibende Qualität zu gewährleisten, technische Probleme vorherzusehen, Ausfallzeiten zu verringern – und am Ende den Preis je Espresso aus diesen mehrere zehntausend Euro teuren Maschinen zu berechnen.

Die Effizienzgewinne bei solchen Geschäften – hier „Pay-per-Cup“ genannt – seien enorm. Inzwischen nimmt Brunner vermehrt den deutschen Maschinenbau ins Visier. Klassische Datenanalyse ist immer noch das Hauptgeschäft, „Pay-per-Part“ vorerst eine Ergänzung. Typische Mittelständler hätten oft eine gewisse Distanz zum Thema Datenanalyse, gibt er zu. Aber da helfe die neue Muttergesellschaft. „Wenn die Munich Re als Partner ins Spiel kommt, dann nimmt diese Distanz sehr schnell ab.“

Ein Teil der Expertise von Relayr ist inzwischen weit verbreitet, es gibt Dutzende Unternehmen auf der ganzen Welt, die Daten sammeln. „An Daten von Maschinen ranzukommen ist heute kein Problem mehr“, sagt Brunner. „Das können viele Unternehmen, und hierin unterscheiden wir uns auch nicht von unseren Mitbewerbern.“ Sondern: „Die Magie besteht darin, aus den Daten auch etwas zu machen.“ Also vor allem die Effizienz zu steigern.

Vor einigen Jahren noch habe Relayr oft Kunden gehabt, die ihre Probleme mit Hilfe einer forcierten Digitalisierung lösen oder wenigstens lindern wollten. Das sei ein schlechter Ansatz. Heute sei das anders, da kämen sie eher aus einer Position der Stärke auf ihn zu. Trumpf sei dafür ein gutes Beispiel. Allerdings ist nicht jeder hierzulande der Digitalisierung und speziell der Datenanalyse gegenüber so aufgeschlossen wie das Vorzeigeunternehmen aus der Nähe von Stuttgart.

„Das Problem mit Daten, also sie herauszugeben oder auch nur darüber zu reden, ist ein urdeutsches Thema“, sagt Brunner. „Das ist einmalig auf der ganzen Welt.“ Auch gebe es immer noch Unternehmen, die zwar viel Geld für die Digitalisierung ausgeben, aber dadurch keinen Mehrwert erzielen. Da frage er sich schon: „Was soll das?“ Immerhin, sein Unternehmen führe inzwischen „eher Mehrwertdiskussionen als Datendiskussionen“. Und außerdem: „Das Brett, das wir im deutschen Maschinenbau bohren müssen, ist gar nicht so dick – und vor allem ist es kein Kirschholz, sondern wesentlich weicher.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Marx, Uwe
Uwe Marx
Redakteur in der Wirtschaft.
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