Traditionsunternehmen Trumpf

Jetzt kommt die Quantentechnik in die Industrie

Von Susanne Preuß, Stuttgart
Aktualisiert am 05.11.2020
 - 17:27
Eine Mitarbeiterin von Q.ANT überprüft die elektronische Signalverarbeitung.
Der weltweit erste Quantensensor hat seine Tauglichkeit für die Großserie bewiesen. Die Mittelständler Trumpf und Sick gehen jetzt den Markt an.

Die Quantentechnologie ist bisher vor allem etwas für Forscher und für Science-Fiction-Autoren, aber jetzt beginnt die Phase der Industrialisierung. Pioniere sind der Laserspezialist Trumpf sowie der Sensorhersteller Sick, zwei baden-württembergische Mittelständler, die an diesem Donnerstag einen Kooperationsvertrag unterzeichnet haben, um gemeinsam die ersten Quantensensoren im kommerziellen Einsatz nutzbar zu machen. Vorausgegangen war der erste erfolgreiche Funktionstest eines für die Serienfertigung nutzbaren quantenoptischen Sensors auf der ganzen Welt.

„Der Quantensensor kann Partikel messen, die ein Fünftel Mikrometer klein sind, das ist 200 mal kleiner als ein menschliches Haar“, beschreibt Sick-Vorstandschef Robert Bauer die Möglichkeiten der neuen Technologie, die er als Schlüsseltechnologie betrachtet: „Man kann sich das vorstellen, als ob man unter Milliarden von Kugeln den Zustand einer ganz bestimmten Kugel erkennen kann, ihre Größe, Geschwindigkeit und ihre Richtung, aber auch die Verteilung und die Konzentration der Kugeln.“

Die Sensoren, die im Augenblick noch die Größe eines Schuhkartons haben, sollen vom kommenden Jahr an hergestellt und mit Pilotkunden einem Realitätscheck unterzogen werden. „Wir erwarten die Marktreife des Sensors im Jahr 2022“, so die Prognose von Bauer.

Messung von Partikeln in der Luft

Zuerst werde man in Märkte einsteigen, die Sick schon heute kennt, etwa im Feld der Halbleiterindustrie, wo man mit Quantensensoren innerhalb der Chipstrukturen Kontaminierungen ausfindig machen und damit teure Produktionsunterbrechungen verhindern könnte oder in der Pharmaindustrie, wo die optimale Zusammensetzung von Tabletten-Pulver ermittelt werden könne.

Naheliegend ist für Sick die Messung von Partikeln in der Luft. In diesem Bereich hatte der Gründer Erwin Sick in den fünfziger Jahren mit einem Messgerät für die Rauchdichte in die Grundlage für Umweltschutz mittels Emissionsgrenzwerten geschaffen. Mit der Quantentechnologie sei es nun möglich, die Einhaltung von Feinstaubgrenzwerten in U-Bahnen zu kontrollieren und die Belüftung optimal zu steuern, erklärte Bauer in einer Videokonferenz mit Journalisten.

Theoretisch wäre der Einsatz von solchen Messungen auch im Kontext mit Corona denkbar, indem man Viren im Verbund mit Aerosolen nachweise, bestätigte auf eine entsprechende Journalisten-Frage Michael Förtsch, Gründer des zu Trumpf gehörenden Start-ups Qant. Aber, so betonte er: „Wir haben das weder getestet, noch ist eine Prognose möglich.“

Qant, gegründet vor gut zwei Jahren, entwickelt mit aktuell 15 Mitarbeitern Einsatzmöglichkeiten der Quantentechnologie in verschiedenen Bereichen. Neben der Verwendung für die jetzt industriereifen Sensoren geht es auch um bildgebende Verfahren, um Nachrichtenverschlüsselung und um Kommunikationstechnologie. In fünf Jahren könnte Qant ein winziges Gerät zur Hirnstrommessung geschaffen haben, das – eingebaut in ein Brillengestell – die Steuerung von elektronischen Geräten mit den eigenen Gedanken möglich mache, hat Förtsch kürzlich im Gespräch mit dieser Zeitung die Visionen des jungen Unternehmens beschrieben.

„Quantentechnologie ist eine Riesenchance für die deutsche und die europäische Industrie“, erklärte Peter Leibinger, der nicht nur Gesellschafter und Vizechef des Laserspezialisten Trumpf ist, sondern auch zu den wichtigsten Beratern der Politik in diesem Themenfeld gehört. Er warnte aber vor überzogenen Erwartungen, wie sie teilweise mit Blick auf Quantencomputer geschürt würden.

Diese können in Sekundenschnelle Aufgaben erledigen, für die herkömmliche Computer viele Jahre brauchen, allerdings muss man sie fast auf den absoluten Nullpunkt (bei minus 273 Grad) kühlen. Der erste Quantencomputer Europas ist in diesem März in einem Rechenzentrum von IBM in Stuttgart in Betrieb genommen worden.

Auch Google ist auf diesem Feld aktiv. Die Bundesregierung hat im Juni angekündigt, im Rahmen des Corona-Konjunkturprogramms 2 Milliarden Euro Fördermittel zur Verfügung zu stellen, um die hierzulande vorhandene Forschungs-Exzellenz in kommerzielle Anwendungen zu überführen.

„Riesenchance“

Für den Quantensensor werde man keine Förderung bekommen, sagte Sick-Chef Robert Bauer. Daran sei zu erkennen, wie nah am Markt der „Qantalyzer“ genannte Sensor schon sei. Bald werde es weitere Anbieter geben, so seine Erwartung und Hoffnung: „Wenn man einen neuen Markt allein aufbauen muss, ist das eine mühsame Sache. Konkurrenz belebt das Geschäft.“

Dabei sei es kein Zufall, dass Trumpf und Sick die Sache gemeinsam angehen: „Beide Unternehmen haben eine hohe Risikoaffinität gepaart mit großem technologischen Tiefgang und seinem sehr langen Atem. Wir denken nicht in Jahren, sondern in Jahrzehnten.“ Außerdem habe man eine ausgeprägte Partnerschaftskultur mit der Bereitschaft, in Vorleistung zu gehen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Preuss, Susanne
Susanne Preuß
Wirtschaftskorrespondentin in Stuttgart.
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