Verschärfte Berichtspflichten

Die EU macht Unternehmen zu Gehilfen

Von Karina Sopp und Josef Baumüller
Aktualisiert am 20.11.2020
 - 14:40
Unzählige Aktenorder in Regalen
Europa hat sich ehrgeizige Umweltziele gegeben. Um diese zu erreichen, verpflichtet die Kommission die Wirtschaft zu einer immer umfangreicheren Berichterstattung.

Die EU intensiviert die Anforderungen an die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Im anstehenden Jahr 2021 und in den darauf folgenden Jahren kommen seitens der Europäischen Union viele Neuerungen auf Unternehmen zu, die zu einer (aus Unternehmensperspektive schmerzlichen) Ausweitung der gesetzlich verpflichtenden Nachhaltigkeitsberichterstattung führen werden. Dies betrifft aller Voraussicht nach (1) den Umfang der Nachhaltigkeitsberichterstattung, (2) die Form der digitalen Bereitstellung, (3) die externe Prüfung der nichtfinanziellen Berichterstattung sowie (4) die Ausweitung des Kreises der zur Berichterstattung Verpflichteten.

Für die Stakeholder ermöglicht das zwar eine intensivere Kontrolle der Nachhaltigkeitsaktivitäten von Unternehmen. Letztlich profitieren sie aber auch nur dann davon, wenn die Unternehmen mit der Umsetzung der Anforderungen nicht überfordert sind und konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistung daraus resultieren.

Bereits nach derzeitigem Stand sind die Regelungen aber auslegungsbedürftig und unübersichtlich gestaltet. Zwar finden sich durchaus Unternehmen, denen eine rechtskonforme und zweckmäßige Nachhaltigkeitsberichterstattung zuzusprechen ist. Als Positivbeispiele lassen sich etwa die nichtfinanziellen Berichterstattungen von Unternehmen wie BMW, DPDHL (Deutsche Post), Henkel oder Volkswagen anführen. Allerdings fällt das Bild bei einer Gesamtbetrachtung deutlich negativer aus. Die Bedenken über eine Ausweitung der Nachhaltigkeitsberichterstattung sind darum nicht von der Hand zu weisen. Geäußert werden diese nicht nur von diversen Verbänden, sondern auch von den Unternehmen – darunter Siemens – selbst.

Nichtfinanzielle Kennzahlen prägen die Kapitalbeschaffung

Mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung werden – in Abgrenzung zur Finanzberichterstattung – nichtfinanzielle Elemente (CO2-Ausstoß oder Wasserverbrauch) in die Berichterstattung aufgenommen. Die nichtfinanziellen Leistungsindikatoren stehen allerdings nicht unabhängig von den finanziellen Größen, zum Beispiel vom Ergebnis eines Unternehmens. Die aktuellen Regulierungen untermauern die Bedeutung nichtfinanzieller Leistungsindikatoren, unter anderem indem die Kosten und Möglichkeiten der Kapitalbeschaffung deutlich mehr vom Erreichen nichtfinanzieller Kennzahlen geprägt sein werden.

So sollen Investorenentscheidungen stärker auf Basis von nichtfinanziellen Leistungsindikatoren erfolgen. Mit der Ausweitung der nichtfinanziellen Berichterstattung sind allerdings auch Kosten verbunden. Es entstehen Kosten für eine – bislang nicht verpflichtend vorgesehene – externe Prüfung der Nachhaltigkeitsberichterstattung durch Wirtschaftsprüfungsunternehmen. Dazu kommt der Mehraufwand für die Erstellung der nichtfinanziellen Berichte und für die Umsetzung der damit im Unternehmen verbundenen Maßnahmen zur Verbesserung der Nachhaltigkeitsleistung.

Die verstärkte Anknüpfung der Kapitalkosten an der Nachhaltigkeitsberichterstattung offenbart sich bei einer Betrachtung der Anforderungen, die neuerdings an Finanzunternehmen bei der Festlegung ihrer Investitionsentscheidungen herangetragen werden. Entsprechende EU-Verlautbarungen drängen Finanzunternehmen dazu, bei Investitionsentscheidungen Nachhaltigkeitsbelange in ihre Prozesse zu integrieren und deren Kunden davon in Kenntnis zu setzen. Im Fokus steht hierbei die ökologische Nachhaltigkeit. Die beiden Nachhaltigkeitsschwerpunkte „Soziales“ und „Governance“ erlangen derzeit noch einen vergleichsweise geringen Stellenwert, sind allerdings bereits Gegenstand weiterführender (Reform-)Überlegungen.

Nun wird die Berichterstattung intensiviert

Bereits bislang hat die EU in ihren Vorgaben zur Berichterstattung umweltbezogene Aspekte besonders gewürdigt und dazu detailliertere – wenngleich nicht unbedingt hilfreiche – Leitlinien veröffentlicht. Nun erfolgen weitere Schritte zur Intensivierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung in ökologischer Hinsicht. Hierunter fällt die im Juni 2020 veröffentlichte sogenannte Taxonomie-Verordnung (EU-Verordnung über die Einrichtung eines Rahmens zur Erleichterung nachhaltiger Investitionen). Die Taxonomie-VO richtet sich zwar in erster Linie an Finanzmarktteilnehmer, welche die Aspekte Umwelt, Soziales und Governance vermehrt in Investitions- und Beratungsprozesse integrieren sollen, wirkt sich aber über deren Geschäftsbeziehungen auf Unternehmen aller Branchen aus. Konkret liefert die Taxonomie-Verordnung ein Klassifizierungssystem zur Einordnung nachhaltiger Wirtschaftsaktivitäten, indem Kriterien und Verfahren zur Entwicklung nachhaltiger Investitionen festgeschrieben werden. Ziel ist es, Investoren Klarheit darüber zu verschaffen, welche Investitionen (in welche Unternehmen) als nachhaltig gelten, um im Ergebnis Investitionen in der EU in nachhaltige Projekte zu erleichtern.

Die Einflussnahme über Finanzmarktteilnehmer stellt eine indirekte Form zur Erweiterung der Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen aller Branchen dar. Daneben kommen auf direktem Wege einige Regulierungen auf bestimmte große Unternehmen zu, aus denen noch strengere Vorgaben als bisher für die Berichterstattung über ihre Nachhaltigkeitsleistung folgen. So erweitert die Taxonomie-VO die bestehenden Berichtspflichten – voraussichtlich für die Berichterstattung über Geschäftsjahre ab dem 1. Januar 2021 – dahin gehend, dass Angaben zu tätigen sind, „wie und in welchem Umfang die Tätigkeiten des Unternehmens mit Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind, die als ökologisch nachhaltige Wirtschaftstätigkeiten gemäß der Verordnung einzustufen sind“. Konkret ist der Anteil der Umsatzerlöse offenzulegen, der mit Produkten oder Dienstleistungen erzielt wird, die mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten verbunden sind, und der Anteil der Investitionsausgaben in Zusammenhang mit ökologisch nachhaltigen Wirtschaftstätigkeiten. Sich daraus ergebende Umsetzungsfragen zu Inhalt und Darstellung dieser neuen Offenlegungspflichten sollen durch Vorschläge seitens der EU-Kommission bis zum 1. Juni 2021 konkretisiert werden.

Aber nicht nur hinsichtlich der konkreten Anwendung dieser Vorgaben sind weitere Regulierungen zu erwarten. Diese Intensivierung resultiert aus dem Aktionsplan der EU-Kommission zur „Finanzierung nachhaltigen Wachstums“ (Sustainable Finance) aus dem Jahr 2018, der erweiterte Berichtspflichten als eine Möglichkeit zur Stärkung nachhaltigen Handelns durch Unternehmen erkannte. Vergleichbare Zielsetzungen wie der Aktionsplan verfolgt der „Green New Deal“ von Ende 2019. Er bestätigt, dass die Entwicklungen zum Klimaschutz einen hohen politischen Stellenwert in der EU genießen.

Nachhaltigkeitsberichte sollen Green New Deal unterstützen

Beim Green New Deal handelt es sich um eine Wachstumsstrategie, mit der „die EU zu einer fairen und wohlhabenden Gesellschaft mit einer modernen, ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft werden soll, in der im Jahr 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden und das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt ist“. Die Umsetzung dieser Strategie erfolgt letztlich auch über den Weg einer intensivierten Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Als Beispiele für weitere Anpassungen, die aus dieser Strategie resultieren werden, sind Diskussionen zu den folgenden Themen zu nennen: (1) die Entwicklung einer „braunen Taxonomie“, die ökologisch schädliche Wirtschaftstätigkeiten identifiziert, (2) die Entwicklung einer „neutralen Taxonomie“ und (3) die Entwicklung einer eigenständigen beziehungsweise erweiterten Taxonomie für sozial nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten. Hierzu sind in den nächsten Monaten beziehungsweise Jahren weitere Vorgaben zu erwarten.

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Das weitet die bestehende Regulierung deutlich aus. Seit dem Geschäftsjahr 2017 sind bestimmte Unternehmen in der EU verpflichtet, in Form einer nichtfinanziellen Berichterstattung über ihre Nachhaltigkeitsleistung Rechenschaft abzulegen. Die Grundlage hierfür bildet die sogenannte CSR(Corporate Social Responsibility)-Richtlinie (Richtlinie 2014/95/EU), in der sich Regelungen für eine harmonisierte Rechnungslegung in ökologischen und sozialen Belangen finden. Allerdings sind die Regelungen der CSR-Richtlinie teils sehr vage und auslegungsbedürftig, eröffnen zahlreiche Mitgliedstaatenwahlrechte und sehen keine externe Prüfpflicht für die offengelegten Informationen vor. Letztlich ist der Anwendungsbereich (noch) recht eng gefasst, so dass ausschließlich bestimmte große Unternehmen von öffentlichem Interesse berichtspflichtig sind. Die meisten Mitgliedstaaten orientierten sich bei der Umsetzung der Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung an den Mindestvorgaben der Richtlinie.

Mittelstand wird mit Mehrkosten belastet

Die angesprochenen Kritikpunkte an der CSR-Richtlinie mündeten – auch auf EU-Ebene – in dem Wunsch zur Reform dieser Vorgaben. In der nunmehr laufenden Überarbeitung der CSR-Richtlinie zeichnet sich bereits ab, dass es zu den oben erwähnten Verschärfungen kommen wird: (1) umfangreichere und verbindlichere Vorgaben, (2) verbesserte (digitale) Zugänglichkeit der publizierten Informationen, (3) eine verpflichtende externe Prüfung sowie (4) eine Ausweitung der Berichtspflichtigen. Letzteres wird vor allem für große beziehungsweise börsennotierte Unternehmen einschlägig sein. Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass auch der Mittelstand betroffen sein könnte. Ohnehin gilt, dass zur Nachhaltigkeitsberichterstattung verpflichtete Unternehmen auch über Nachhaltigkeitsleistungen in ihrer Lieferkette zu berichten haben. Demzufolge bleibt der Mittelstand von den anstehenden Regulierungen und deren Ausweitung jedenfalls nicht unbetroffen und wird mit teils gravierenden Mehrkosten belastet werden.

Darüber hinaus hat die EU-Kommission die Efrag (European Financial Reporting Advisory Group) Mitte des Jahres 2020 beauftragt, mit Vorarbeiten zur Entwicklung europäischer nichtfinanzieller Rechnungslegungsstandards zu beginnen. Durch die Beauftragung der Efrag – und damit einer europäischen Institution – kommt zum Ausdruck, dass die EU die Rahmenbedingungen zur Nachhaltigkeitsberichterstattung nicht an internationale Organisationen abgeben möchte. Immerhin wäre es denkbar gewesen, auf einen viel geäußerten Wunsch zurückzugreifen und eine globale Lösung bei der Weiterentwicklung der Vorgaben zur Nachhaltigkeitsberichterstattung zu erwirken. Diese Variante liegt für kapitalmarktorientierte Unternehmen in der EU nahe. Letztere sind im Rahmen ihrer Finanzberichterstattung ohnehin verpflichtet, auf die IFRS als internationale Rechnungslegungsstandards zurückzugreifen.

Letztlich lässt sich somit zusammenfassen: Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist von einer zunehmenden Regulierungsdichte geprägt und wird von der EU-Kommission als ein wesentliches Element eingesetzt, um ihre eigenen Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Diese Vorgehensweise, selbst die Regelungen in der Hand zu behalten, könnte auch ursächlich dafür sein, dass das Interesse an einer globalen Lösung nicht sehr groß ist. Für die Unternehmen ergibt sich daraus eine immer intensivere Auseinandersetzung mit der Berichterstattung über ihre Nachhaltigkeitsleistung. Problematisch daran ist, dass die Regelungen bereits aktuell kaum überblickbar sind und darüber hinaus teilweise weder in sich stimmig noch leicht anwendbar ausgestaltet sind.

Karina Sopp ist Inhaberin der Professur für Entrepreneurship und betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der TU Bergakademie Freiberg (Sachsen). Josef Baumüller ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Wirtschaftsuniversität Wien. In diesen Tagen erscheint im NWB Verlag das Buch: „Die nichtfinanzielle Berichterstattung – Berichtspflichten und -inhalte“ (Sopp/Baumüller/Scheid).

Hinweis: Es folgt ein weiterer Artikel, der sich mit der Taxonomie der EU und der Bedeutung für Unternehmen ausführlicher beschäftigt und Alternativen dazu aufzeigt.

Quelle: F.A.Z.
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