Felix Hoffarth aus Lohra

Was diesen Bauern zum Rinderhalter des Jahres macht

Von Katja Winter, Lohra
12.01.2021
, 08:20
Die Familie Hoffarth bewirtschaftet ihren Hof bei Marburg seit Jahrzehnten ökologisch. Der Umgang mit den Tieren hat Felix Hoffarth jetzt den Titel „Rinderhalter des Jahres“ eingebracht.

Der kleine Ivan misst noch keinen Meter. Sein hellbraunes Fell kringelt sich an der einen oder anderen Stelle. Ein bisschen scheu lugt das Angus-Kälbchen durch das Gatter, bevor es keck neben Felix Hoffarth tritt, um genüsslich mit der Zunge sein Hosenbein abzulecken. Hoffarth nimmt es gelassen.

Alle Tiere auf dem Hof seiner Familie haben Namen. Zurzeit stehen sie in mehreren Ställen auf Stroh zusammen. Sein Fachwissen und seine Expertise haben dem 28 Jahre alten Jungbauern jetzt den Ceres Award in der Kategorie „Rinderhalter des Jahres“ eingebracht, den ein Fachverlag und ein Agrarportal ausloben. Der Preis ist eine große Ehre und eine schöne Bestätigung der Arbeit, die die Familie in ihrem Betrieb im mittelhessischen Lohra nahe Marburg leistet.

Etwa 300 Hektar misst der Hof. Hier züchtet die Familie neben 120 Angus-Rindern sogenannte Welsh-Cob-Ponys, zieht Puten auf und betreibt Ackerbau. Seit dreißig Jahren bewirtschaftet sie ihren Hof ökologisch. Das bedeutet unter anderem: Die Tiere werden nicht mit Kraftfutter aus Mais, Getreide und Sojaschrot gefüttert. Stattdessen stehen die Rinder auf den Weiden und müssen mit dem Angebot klarkommen, das die Natur ihnen bietet. Das ist nicht gerade üppig, denn der Boden befindet sich in einer sehr trockenen Lage und ist entsprechend karg. „Wir haben die Tiere dahin gezüchtet, dass sie das Futter gut verwerten können“, sagt Hoffarth junior.

Schon früh geholfen

Er sitzt zusammen mit Mutter Claudia und Vater Dieter am langen Esstisch in der gemütlichen Wohnstube des hundert Jahre alten Hofs. Alle drei haben Agrarwirtschaft studiert. Seit einem Jahr ist Felix Hoffarth hier der Chef. Folgerichtig, wie er findet. Schon als er zehn Jahre alt gewesen sei, sei für ihn klar gewesen, dass er irgendwann Bauer werden möchte, wie er erzählt. Zusammen mit seinen Geschwistern – Bruder Malte ist inzwischen 30 Jahre alt, Schwester Nele 24 – hat er schon früh geholfen. Sie haben die Puten gefüttert, die Einstreu erneuert, später dann auch Holz gemacht. Die Puten werden in dem Stall gehalten, der im Winter den Kühen vorbehalten ist. Wenn die Angus-Rinder in den Stall kommen, werden die Puten geschlachtet und verkauft.

Zurzeit überlegen die Hoffarths, ob es sich lohnt, ein Schlachthaus am Hof einzurichten. Die Kosten sind nicht zu unterschätzen und die bürokratischen Hürden hoch. Derzeit werden die Rinder noch ins nahe gelegene Marburg zu einer privaten Schlachterei gefahren. Später werden sie auf dem Hof zerlegt. Malte Hoffarth, eigentlich Diplom-Chemiker, hat sich hierbei als talentierte Hilfe erwiesen. Mittlerweile arbeitet er halbtags auf dem Hof mit – vielleicht wird daraus sogar mehr. Zusätzlich gibt es noch eine Vollzeitkraft. Den größten Teil der Arbeit stemmt die Familie jedoch allein.

Das bedeutet auch, dass das Weihnachtsfest nach dem Festessen nicht unbedingt gemütlich auf der Couch endet. Im vergangenen Jahr ging es danach in den Stall, weil eine Kuh kalbte. Eine 60-Stunden-Woche kommt da schnell zusammen, oft auch mehr. Für die Tiere machen sie diese Arbeit aber gerne. Den bürokratischen Aufwand hingegen würden sie liebend gerne eindämmen. Der mache inzwischen gut und gerne 30 bis 35 Prozent der Zeit aus. „Ich fülle fünf verschiedene Zettel mit den gleichen Zahlen für fünf verschiedene Stellen aus“, berichtet Felix Hoffarth.

„Außerdem schmeckt das Fleisch einfach sehr lecker“

Wenn er nur einen Zettel ausfüllen müsste, um den dann viermal zu kopieren, wäre schon ein Schritt getan, findet er. Dann hätten alle mehr Zeit für andere Dinge. Etwa für ihr Hobby, das Laufen. Sowohl Mutter Claudia als auch Sohn Felix sind geübte Langstreckenläufer und schon häufiger beim Frankfurt Marathon mitgelaufen. Zuletzt musste Felix allerdings immer wieder die Lauftreffen mit Freunden kurzfristig absagen – wegen der Tiere.

Denn die Tiere sind ihr Kapital. Als die Familie überlegte, welche Rasse sie anschaffen wolle, war ihnen wichtig, dass es genügsame, ruhige Tiere sind. „Angus-Rinder haben keine Hörner, das macht es einfacher“, sagt der Preisträger. „Außerdem schmeckt das Fleisch einfach sehr lecker“, ergänzt Claudia Hoffarth. Das schätzten auch die Kunden.

Die müssen sich beim Kauf auf dem Hof allerdings darauf einstellen, dass sie Pakete mit mindestens 15 Kilogramm Fleisch abnehmen müssen. Da sollte genug Platz in der Tiefkühltruhe sein. Da es den Hoffarths nach eigenem Bekunden ein Graus ist, dass so viele Lebensmittel, vor allem tierische, verschwendet werden, wird das gesamte Rind verarbeitet. Genau diese Einstellung ist es, die offenbar vom Kunden wieder honoriert wird. „Vor zehn oder 15 Jahren haben wir noch gedacht, dass unsere Kunden quasi aussterben“, sagt Claudia Hoffarth. Mittlerweile kommen immer mehr junge Familien auf den Hof. Denen sei nicht nur der Kontakt zum Erzeuger wichtig, sondern auch das Wissen, woher ihr Fleisch kommt. Und sie sind bereit, einen angemessenen Preis zu bezahlen.

Die Angus-Rinder bekommen mit gut zwei Jahren ihr erstes Kälbchen, säugen es etwa zehn Monate lang, um zwei Monate später ein neues Kalb zu bekommen. Mit zehn bis zwölf Jahren werden die Tiere deutlich älter als ihre Artgenossen, die in Massentierhaltung leben. Männliche Tiere verkauft die Familie regelmäßig an andere Zuchtbetriebe.

Neben Tierhaltung und Ackerbau setzt sie auf ein weiteres Geschäft: Für ihren Hof und weitere 35 Häuser im Ort stellen die Hoffarths Strom aus Wasser- und Solarkraft her. Während seines Studiums haben auch Felix’ Eltern immer wieder gehört, dass sie sich spezialisieren müssten, um den Betrieb wirtschaftlich führen zu können. Heute sind sie froh, dass sie so viele Möglichkeiten haben, mit denen sie als Unternehmer ihr Einkommen verdienen. Doch auch das ist ständigen Veränderungen unterworfen.

Unter anderem müssen sie sich den Herausforderungen des Klimawandels stellen. So hat der Brunnen auf dem Hof über Generationen hinweg stetig Wasser geliefert. Doch im vergangenen Jahr war er plötzlich ausgetrocknet. Erst in 60 Meter Tiefe fand ein Geologe schließlich Grundwasser. Der Wassermangel macht sich auch auf Äckern und Weiden bemerkbar. Zudem ist es sommers wie winters zu warm, auch den Tieren.

Langweilig wird es Felix Hoffarth und seiner Familie gewiss auch in den nächsten Jahren nicht. Als Landwirt sei man nicht nur Biologe, Meteorologe, Betriebswirt, sondern von Fall zu Fall auch Tierarzt und sein eigener Jurist. Felix und seine Eltern kennen keinen geregelten Feierabend, Urlaub ist eher ein Fremdwort. Selbst wenn sie ein ausreichendes Einkommen haben: „Wir arbeiten unter dem gesetzlichen Mindestlohn“, sagt Dieter Hoffarth. Unzufrieden sehen sie deswegen allerdings nicht aus. Ganz im Gegenteil.

Quelle: F.A.Z.
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