Musiker in der Corona-Krise

Konzerte für die Couch

Von Benjamin Fischer
13.11.2020
, 09:47
Kostenpflichtige und aufwendig produzierte digitale Shows können für Künstler in Zeiten der Pandemie eine Chance sein. Doch der Konzertbranche an sich helfen sie kaum.

Alles wieder auf null: Angesichts stark gestiegener Infektionszahlen müssen mindestens bis Ende November auch Konzerte ausfallen. „Es war aber ohnehin kaum noch etwas geplant in den wenigen Venues, die offen hatten“, sagt Stephan Thanscheidt, Geschäftsführer von FKP Scorpio, einem der führenden Konzertveranstalter in Deutschland und Ausrichter diverser großer Festivals in ganz Europa.

„Im Vergleich zum Sommer war das marginal, und auch da ging es primär darum, überhaupt Kultur zu den Leuten zu bringen und Künstlern wie Gewerken einige wenige Aufträge zu verschaffen.“ Ein verständliches Motiv, doch für Veranstalter hätten sich diese Konzerte durch die Hygienemaßnahmen und die stark begrenzte Zuschauerzahl kaum gerechnet. FKP habe deshalb keine veranstaltet – auch um nicht das falsche Signal zu vermitteln, die Branche könne sich ja selbst helfen.

Allerdings gab es nach dem ersten Stillstand im Frühjahr, verglichen mit den Vorjahren, über die Sommermonate äußerst wenige Konzerte, weshalb viele Künstler weiterhin in den digitalen Raum auswichen. Oft fiel die Wahl auf die großen Plattformen wie Facebook, Youtube oder Instagram, wo die Hürden niedrig sind, mitunter allerdings auch die Qualität des Streams. Neben den einfach möglichen Spendenaufrufen oder jenen zum Kauf von Platten und Fan-Artikeln lässt sich über Amazons Live-Streamingdienst Twitch zudem noch auf eine andere Weise Geld verdienen, nämlich wenn Nutzer den eigenen Kanal abonnieren.

Billie Eilish grüßt vom Mond

Längst gibt es aber eine ganze Reihe von Anbietern wie Stageit, Veeps oder Dreamstage, die das Corona-bedingt in den Fokus gerückte Konzert-Livestreaming professionalisieren wollen und darin ein lohnendes Geschäftsmodell sehen. Neben der Möglichkeit, digitale Tickets zu verkaufen, und einer hohen Qualität der Übertragung bieten viele auch die Möglichkeit, dass Künstler und Fans live per Chat kommunizieren können. Um nicht bloß ein gut produziertes, aber ansonsten normales Konzert in einem fast leeren Raum zu spielen, was Zuschauer auf die Dauer wohl kaum reizen dürfte, greifen manche Musiker zu allerhand technischen Hilfsmitteln.

Das jüngste Ausrufezeichen setzte Billie Eilish. Dreißig Dollar „Eintritt“ kostete ihr Konzert, das Ende Oktober aus einem Studio in Los Angeles auf der Plattform Maestro gezeigt wurde. Während der Show fanden sich die Sängerin, ihr Bruder und Ko-Songwriter Finneas O’Connell sowie Schlagzeuger Andrew Marshall in verschiedensten Szenerien wieder. Mal schien das Trio vor einer riesigen Spinne zu spielen, mal standen sie scheinbar auf dem Mond. Neben all den opulenten visuellen Effekten zusätzlich zur Musik konnten die Zuschauer obendrein exklusive Fan-Artikel erwerben, von deren Einnahmen ein Teil an einen Hilfsfonds für Tourcrews fließen soll.

Mit Zuschauerzahlen hält sich Eilishs Team bedeckt. Wie viele Fans Topstars der Musikwelt anziehen können, unterstrichen aber nicht zuletzt die Südkoreaner von BTS mit gut 750.000 Zuschauern bei einem Livestream-Konzert. Für kleine und mittlere Künstler, denen die Konzerteinnahmen oft besonders fehlen, sind solche Zahlen natürlich kaum zu erreichen. Trotzdem wagen sich auch hier Vertreter verschiedener Genres teils an aufwendige Varianten.

Punkrock mit virtuellen Fans

Frank Carter etwa, ein britischer Punkrocker, der bei normalen Auftritten gerne in der Menge badet, spielt diesen Freitag im Rahmen einer Konzertreihe der Plattform Melody VR und des Veranstalters Live Nation in der leeren Londoner Brixton Academy. Nach Belieben wechselbare Kameraeinstellungen, virtuelle Realität und die Möglichkeit für einige Zuschauer, auf einer LED-Wand quasi die Bühne zu stürmen, sollen möglichst viele Interessierte anlocken.

Ein einfaches Ticket kostet gut 11 Euro. Für knapp 50 Euro erhält der Käufer dazu noch eine limitierte Vinyl-Version des jüngsten Albums. Wie bei Eilish soll es zudem eigens für das Konzert gefertigte Fanartikel geben – eine auch zu normalen Zeiten im Zuge von Tourneen bekannter wie unbekannter Künstler übliche und finanziell nicht unwichtige Praxis.

„Die wenigen Events, die bislang gut funktioniert haben, waren die, wo etwas Besonderes – ob nun technisch oder von der Show her – geboten wurde“, sagt Stephan Thanscheidt. „Je nach Künstler und Genre kann auch eine simplere Produktion finanziell aufgehen. Aber für ein Konzept, das visuell ein bisschen was hermachen soll, fallen schnell fünf- bis sechsstellige Summen an.“

Geschäftsmodell mit Zukunft?

FKP Scorpio hat in Finnland mit Sponsoren ein virtuelles Gratiskonzert ähnlich denen im populären Online-Spiel „Fortnite“ veranstaltet, das sich mehr als 700.000 Fans ansahen. Das sei aufgegangen, anderswo habe man mit solchen Konzepten aber Geld verloren, sagt Thanscheidt. Auch bei einem digitalen Konzert mit Ticketverkauf in den Niederlanden seien die Ausgaben für das Filmen und die übrige Technik höher als die Einnahmen gewesen.

Ähnlich ist es anderen ergangen: So berichtete einer der Verantwortlichen des belgischen Tomorrowland-Festivals kürzlich im Gespräch mit dem Magazin „Billboard“, sie hätten für die Digitalausgabe in einer virtuellen Phantasiewelt fünf Millionen Euro riskiert. Mit finanzieller Unterstützung diverser Partner, Merchandisingverkauf und Ticketerlösen von gut 1,3 Millionen Euro seien aber die Kosten für das Festival ungefähr gedeckt worden. Auch die Resonanz stimmte offenbar: An Silvester ist eine weitere Veranstaltung geplant.

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Warum die Corona-Krise Musiker so hart trifft

Frank Carters Management hofft derweil auf „signifikante Einnahmen“ durch die Melody-VR-Show. Auch Dreamstage-Chef Thomas Hesse hatte im Juli gegenüber der F.A.Z. vorgerechnet, dass ein Konzert auf der Plattform mit Blick auf die Profitabilität fünf bis 15 reguläre ersetzen könne. Schließlich fielen die Kosten für den Tourtross weg, und es könnten unbegrenzt Karten verkauft werden. Hesse setzt darauf, dass Streamingshows nach der Corona-Pandemie normale Shows ergänzen werden.

„Ohne passende Rettungspakete wird es zwangsläufig einen Kahlschlag geben“

Obgleich das digitale Pendant diese mit ihrer besonderen Stimmung und Energie nie ersetzen werde, kann sich ein solches zusätzliches Angebot auch Thanscheidt vorstellen. Für ihn ist aber klar: „Streamingkonzerte sind kein profitables Geschäftsmodell im Vergleich zu normalen. Für viele Bands geht es derzeit einfach darum, präsent zu bleiben und den Fans etwas zu bieten.“ Wenn dabei auch ein wenig Geld für die größtenteils seit März beschäftigungslosen Techniker und Crews hängenbleibe, sei das eine gute Sache, „aber nur ein Tropfen auf den sehr heißen Stein“.

Während viele FKP-Mitarbeiter teilweise zu noch höheren Prozentanteilen in Kurzarbeit seien als vor einigen Wochen, arbeiteten die Booker des mehrheitlich zu CTS Eventim gehörenden Unternehmens gerade wieder an Verlegungen: „Wir räumen erst mal nur das erste Quartal frei“, sagt Thanscheidt, „auch wenn wir nicht wirklich an Konzerte in der ersten Jahreshälfte 2021 glauben.“

Die angekündigten Novemberhilfen für Unternehmen und Solo-Selbständige hält er prinzipiell für eine gute Sache: „Doch sie reichen für die Konzertbrache bei weitem nicht“, sagt er. „Ohne passende Rettungspakete wird es zwangsläufig einen Kahlschlag geben, vor allem in der Wertschöpfungskette, aber auch unter Veranstaltern.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Benjamin Fischer
Benjamin Fischer
Redakteur in der Wirtschaft.
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