Aus für Lithiumprojekt

Serbien und eine erste Antwort an Australien

Von Christoph Hein, Singapur und Andreas Mihm, Wien
21.01.2022
, 14:22
Umweltschützer protestieren vor Regierungsgebäuden in Belgrad gegen die Lizenzvergabe an Rio Tinto.
Die Welt braucht mehr Lithium, denn die werden für Autobatterien benötigt. Für Serbien schien der Aufschluss von Europas größter Lithium-Mine damit wie ein Sechser im Lotto zu sein. Jetzt bläst die Regierung das Projekt überraschend ab – wenige Tage nach der Ausweisung von Tennisstar Djokovic.
ANZEIGE

Serbien stoppt ein Milliardenprojekt zum Abbau von Lithium. Die Regierung zog am Donnerstag die erst kürzlich an den britisch-australischen Bergbaukonzern Rio Tinto vergeben Abbaulizenz für zurück. Lithium ist ein wichtiger Grundstoff für die Produktion von Autobatterien. Sie hatte eine solche Entscheidung nach wochenlangen Demonstrationen von Umweltschützern und Bewohnern der von dem Bergbauprojekt betroffenen Region bereits in Aussicht gestellt.

Die Entscheidung fiel nur wenige Tage, nachdem Australien den gegen das Coronavirus nicht geimpften serbischen Tennisprofi und weltbesten Spieler Novak Djokovic des Landes verwiesen hatte, was Serbiens Präsident Aleksandar Vučić erzürnt hatte. Der Aktienkurs von Rio Tinto stürzte nach der Absage ab.

ANZEIGE

Druck von Umweltgruppen

Serbiens Premierministerin Ana Brnabić begründete die Absage für das 2,4 Milliarden Dollar teure Projekt mit dem Druck von Umweltgruppen. „Alle Lizenzen wurden annulliert", sagte Brnabić nach einer Regierungssitzung in Belgrad. Sie fügte hinzu: „Was das Projekt Jadar betrifft, ist dies das Ende.“ Für Anfang April sind in Serbien Parlamentswahlen angesetzt. Der autokratische regierenden Präsidenten Vučić will seine bisher komfortable Mehrheit dabei nicht aufs Spiel setzen. „Wir hören auf unser Volk und es ist unsere Aufgabe, seine Interessen zu schützen, auch wenn wir anderer Meinung sind“, wurde Brnabić in Agenturberichten zitiert.

Als Reaktion auf die anhaltenden Proteste Tausender Demonstranten und die zunehmend kritische Haltung der serbischen Regierung hatte der Bergbaukonzern die Vorarbeiten bereits unterbrochen und den für 2026 geplanten Produktionsstart des Minenprojekts um ein Jahr verschoben. Zuvor hatten die lokalen Behörden zuständige Genehmigungen für die Landnutzung verweigert. Vor Ort geht die Angst um, dass mehr als 20 Dörfer dem Bergbau weichen müssen.

Serbiens Premierministerin Ana Brnabic rechtfertigt sich vor Journalisten für die Absage des Milliardenprojekts.
Serbiens Premierministerin Ana Brnabic rechtfertigt sich vor Journalisten für die Absage des Milliardenprojekts. Bild: AP

Ministerpräsidentin Brnabić warf Rio Tinto abermals vor, die Gemeinden nicht ausreichend über das Projekt informiert zu haben. Auffällig ist, dass sich die Belgrader Regierung bei Protesten gegen andere, die Umwelt belastende und verschmutzende Industrieprojekte oft chinesischer Eigentümer, bisher weniger entgegenkommend gezeigt hat. Rio Tinto hatte mehrfach versichert, man werde sich nicht nur an die nationalen Regeln zum Umweltschutz halten, sondern auch an die weitergehenden Vorgaben nach EU-Recht. Serbien gehört der Gemeinschaft nicht an.

ANZEIGE

Rio Tinto-Aktie stürzt ab

Für den Bergbaukonzern ist die Entscheidung ein großer Rückschlag, denn der Konzern wollte mit dem Engagement in Serbien seine Position als Lithium-Produzent ausbauen und zu den Größten der Welt aufschließen. Im Endausbau sollte die Jadar-Mine jährlich 58.000 Tonnen veredeltes Lithiumkarbonat produzieren, sie wäre die größte Lithiummine in Europas. In Serbien war schon darüber spekuliert worden, dass sich im Gefolge der Lithium-Produktion auch Batteriehersteller ansiedeln würden.

ANZEIGE

Der Kurs der Aktie des australisch-britischen Bodenschatzriesen Rio Tinto verlor am Freitag an der Börse in Sydney gut 5 Prozent. Durch den Rauswurf aus Serbien verpasst der Konzern die Chance, Europas größter Lieferant von Lithium zu werden, einem Rohstoff unter anderem für Autobatterien. Rio Tinto hat fast eine halbe Milliarde Dollar in die Erforschung der Vorkommen in Serbien investiert. Die australische Regierung wies am Freitag in einer Mitteilung auf die „Expertise der australischen Rohstoffkonzerne“ und „die wirtschaftlichen Vorteile einer solchen Investition“ hin.

Der Vorstand des Unternehmens zeigte sich „sehr besorgt“ und kündigte an, die rechtlichen Grundlange der Entscheidung Belgrads prüfen lassen zu wollen. Das Projekt in Serbien war die erste große Entscheidung des neuen Vorstandsvorsitzenden von Rio Tinto, Jakob Stausholm. Kritiker der neuen Mine wiesen auch auf die chinesischen Eigentümer von Rio Tinto und die Wahl des früheren kanadischen Botschafters in Peking und früheren McKinsey-Chef, Dominic Barton, zum neuen Vorsitzenden des Verwaltungsrates von Rio Tinto hin: Die staatliche Aluminum Corporation of China hält gut 10 Prozent an dem Bodenschatzkonzern.

Spielt die Ausweisung des Tennisstars eine Rolle?

In Australien wurde die Entscheidung nicht nur mit Blick auf die dortigen Wahlen gesehen, sondern insbesondere als Antwort auf die Ausweisung der Nummer Eins der Tennisweltrangliste, Novak Djokovic, am Sonntag. Der Tennisspieler hatte sich noch im Dezember in den sozialen Netzwerken mit den Demonstranten solidarisiert und ein Bild der Proteste unter dem Titel „Saubere Luft“ gesandt. Auf Twitter hieß es am Freitag, im Gegenzug zum Entzug des Visums sei nun Rio Tinto aus Serbien ausgewiesen worden. Schon während des langwierigen Verfahrens hatten serbische Spitzenpolitiker immer wieder mit entsprechenden Antworten auf das Vorgehen der australischen Regierung gedroht.

Mit der Mine wäre der Konzern unter die zehn größten Lithium-Produzenten der Erde vorgestoßen. Analysten warnten in Australien, dass die Unterversorgung der Welt mit Lithium nun länger als die bislang befürchteten drei Jahre dauern werde. Dies würden die Automobilhersteller zu spüren bekommen. Der Lithiumpreis erhöhte sich nach der Entscheidung aus Belgrad sprunghaft. Die Beratung Boston Consulting schätzt, dass sich die globale Nachfrage nach Lithium bis 2030 fast vervierfachen werde.

Quelle: F.A.Z.
 Hein_Christoph_Autorenportraits
Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
Twitter
Andreas Mihm - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Andreas Mihm
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel-, Südosteuropa und die Türkei mit Sitz in Wien.
Twitter
  Zur Startseite
Lesermeinungen
Alle Leser-Kommentare
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
ANZEIGE