Digitalisierung

Die neuen Entdecker

EIN KOMMENTAR Von Alexander Armbruster
20.01.2020
, 18:41
Geographisch ist die Welt erkundet. Nun liegt es an den Nerds, die Menschheit dorthin zu bringen, wo sie noch nicht war.

Wir waren von einem Nebel umhüllt, der uns nur von Zeit zu Zeit die fürchterlichen Abgründe erahnen ließ, die uns umgaben. Kein lebendiges Wesen, auch nicht der Kondor, (...) belebte die Lüfte. Moosflecken waren die einzigen organischen Wesen, die uns daran erinnerten, dass wir uns noch auf der bewohnten Erde befanden.“ Im Juni des Jahres 1802 erklomm der deutsche Ausnahmeabenteurer Alexander von Humboldt den Chimborazo, einen Vulkan im heutigen Ecuador, der als höchster Berg der Welt galt.

Er kletterte dort in Höhen, die wohl kein Mensch vor ihm erreicht hatte, sogar die eigens engagierten Träger weigerten sich, bis zum Ende mitzugehen. Humboldt war Grenzgänger, neugierig, beschrieb einmal eine „geheimnisvolle Ziehkraft“, die von dem ausgehe, was Menschen für unerreichbar halten. Weit oben änderte sich seine Sicht auf das, was da unten geschieht, konkret: wie die Natur zusammenhängt.

Mehr als 200 Jahre später ist die Welt geographisch erkundet und vermessen. Die modernen Entdecker müssen weder monströsen Meeresstürmen oder klirrender Kälte noch tückischen Tropenkrankheiten trotzen. Die Kartographen des Unbekannten sitzen stattdessen an Hochleistungsrechnern und tüfteln mit ausgefeilten Algorithmen und kaum durchdenkbaren Datenbeständen am Abstrakten, Unsichtbaren, Unendlichweitentfernten oder Klitzekleinen. Ist unsere Erde einzigartig? Können wir das All besiedeln? Sind wir in der Lage, irgendwann echte Künstliche Intelligenz zu entwickeln?

Das vibrierendste Feld des Fortschritts, so scheint es, sind die mathematischen und technologischen Grundlagen unserer Gesellschaft. Die Stunde der Nerds hat längst geschlagen, nun ist es an ihnen, die Menschheit dorthin zu bringen, wo sie noch nicht gewesen ist. Das zeigt sich einerseits exemplarisch an exorbitanten Gehältern für Informatiker, Mathematiker, Physiker oder informationstechnisch bewanderte Biologen, die rund um die Welt begehrt sind – und übrigens unabhängig davon, ob sie in demokratisch verfassten Marktwirtschaften leben oder marktwirtschaftlich angehauchten Diktaturen. Ihre Bedeutung ist keine Systemfrage.

Ein Gehirn in einem Glas

Andererseits äußert sie sich aber auch in einer popkulturellen Neupositionierung des Technikfreakhaften. Big-Bang-Theory-Serienheld Sheldon Cooper sagt an einer Stelle in der finalen Staffel: „Als ich ein Kind war und man mich gefragt hat, was ich werden will, wenn ich groß bin, habe ich immer gesagt: ein Gehirn in einem Glas.“ Das ist lustig, aber eben nicht lächerlich – weil es die gefragte Kernkompetenz so treffend karikiert.

Die Ansprüche der realen Forscher reichen durchaus ins Phantastische. Der angesehene Harvard-Professor David Sinclair wendet sich derzeit an ein breites Publikum mit der Botschaft, wir Menschen könnten noch viel älter werden, hundert Jahre oder hundertzwanzig seien noch lange nicht die Grenze. „Kein biologisches Gesetz besagt, dass wir altern müssen“, behauptet er. Altern, das ist aus seiner Sicht heute eine Krankheit, die behandelt werden sollte wie jede andere Krankheit auch. „Sich auch nur ansatzweise vorzustellen, was das für unsere Spezies bedeutet, erfordert radikale Gedanken“, erklärt er und ergänzt: „In den Jahrmilliarden unserer Evolution hat uns nichts darauf vorbereitet, und das ist der Grund, warum die Vorstellung, es sei schlicht nicht möglich, so einfach und sogar verlockend ist.“

Die IT hat ihre Unschuld verloren

Stuart Russell, der das Standardlehrbuch über Künstliche Intelligenz mitgeschrieben hat, stellt sich stellvertretend für alle anderen Menschen die Frage, was eigentlich passiert, wenn sein Fach vollendet, was die Vordenker vorhatten: eine echte Künstliche Intelligenz zu erschaffen. Einen Computer, der wirklich mit den vielseitigen Fertigkeiten des menschlichen Gehirns mithalten und also Grundverschiedenes lernen und beherrschen kann.

Bislang sind Programme, die besser Poker, Schach oder Go spielen als die stärksten menschlichen Spieler, hochgradig spezialisiert auf genau eine Fähigkeit und weit entfernt davon, mit dem menschlichen Denkvermögen vergleichbar zu sein. Dasselbe gilt für die gängigen Sprachassistenten, die nur symbolisieren, was sich ihre Erfinder einmal von ihnen erhoffte – echte intelligente Gesprächspartner zu sein. Russell weiß das. Seine Kollegen ebenfalls.

Wenn Amazon-Gründer und Weltraumunternehmer Jeff Bezos proklamiert, die Menschheit müsse um ihrer selbst willen dringend das All erschließen und dort etwa Rohstoffe abbauen, dann fügt er stets hinzu, dass er dies als Massenphänomen nicht mehr selbst erleben werde. Gerade erst ist er übrigens 56 Jahre alt geworden.

Die Ungewissheit ist gewaltig. Ob das wirklich einmal so kommt, weiß heute natürlich niemand. Ist es deshalb schlecht, sich damit überhaupt zu beschäftigen? Ganz und gar nicht, sagen die einen. Sie verweisen etwa auf den damals führenden Physiker Ernest Rutherford, der 1933 auf der Jahrestagung der British Association for the Advancement of Science die Kernkraft noch für eine Schnapsidee hielt – und keine 24 Stunden später hatte Leó Szilárd das Problem grundsätzlich gelöst. Es gibt viel Wichtigeres, sagen hingegen die anderen. Bevor die Menschen mit hohen Summen die Hürden der Weltraumexploration zu überwinden versuchen, sollen sie erst mal die Schwierigkeiten hier auf der Erde in den Griff bekommen. Ökonomen rechnen nach, wie viel Wohlstand die jüngsten Durchbrüche etwa in der KI tatsächlich erbracht haben – und erden regelmäßig vollmundige Vorhersagen.

Hinzu kommt: Die Informatik hat im einundzwanzigsten Jahrhundert ihre Unschuld endgültig verloren. So viel zusätzlichen Komfort das maschinelle Lernen erbracht haben mag, so deutlich ist gerade in den vergangenen Jahren der mögliche Missbrauch dieser Technologie thematisiert und die Wirkungsweise des Internets insgesamt kritisch reflektiert worden. Umfassende Überwachungsapparate, wie sie die chinesische Führung vorantreibt, erschrecken nicht nur Menschen in den westlichen Ländern. Zudem ist die technokratische Herangehensweise in mittlerweile allen erdenklichen Politikbereichen für viele Menschen offenbar teils nur schwer auszuhalten – was auch daran zu erkennen ist, wie viel Zuspruch ideologischere Angebote rechts wie links wieder finden.

Entdecker wiederum braucht es gleichwohl. Sie müssen ungeachtet aller Widerstände räumlich, gedanklich und experimentell dorthin gehen, wo niemand zuvor war. Nicht immer erreichen sie ihre Ziele. Mitunter entdecken sie auch etwas ganz anderes, als sie eigentlich wollten, Amerika zum Beispiel. Alexander von Humboldt schaffte es nicht bis ganz auf den Gipfel des Chimborazo. Trotzdem brachte nicht nur ihn diese Reise weiter – und darum geht es.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Armbruster, Alexander (ala.)
Alexander Armbruster
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft Online.
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