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Digitalkonferenz DLD

Das Märchen vom schnellen Fortschritt

Von Patrick Bernau, München
 - 10:15
Schneckentempo: Noch nie entwickelte sich die Menschheit so langsam wie in den Zehner-Jahren.

Zumindest gibt er sich ungebrochen optimistisch. In seiner jüngsten Neujahrsbotschaft schreibt Facebook-Gründer Mark Zuckerberg: In zehn Jahren werde die Forschung so viele Krankheiten bekämpft haben, dass die durchschnittliche Lebenserwartung um zweieinhalb Jahre gesteigert werde. Es ist ein ambitioniertes Ziel angesichts dessen, dass die Lebenserwartung in den reichen OECD-Staaten seit 2014 praktisch stagniert und in den Vereinigten Staaten zuletzt sogar gesunken ist.

Es wäre nicht das einzige ambitionierte Ziel, das noch nicht erreicht ist. Am Ende der Zehner-Jahre steht eine ernüchternde Bilanz. Zwar haben Tech-Konzerne die Krone der Wirtschaftswelt errungen, sie stehen in den Ranglisten der wertvollsten Unternehmen weit vorn. Ihre Gründer haben Milliarden verdient und in Projekte investiert, welche die Menschheit insgesamt voranbringen sollten: in die Revolution der Mobilität, in die Raumfahrt, sogar in den Kampf gegen Krankheiten und die Verlängerung des Lebens.

Die Rede von der „Disruption“ erfasste Mitte des Jahrzehnts auch alle anderen Branchen. Und dann ist da noch das Mooresche Gesetz, demzufolge sich die Rechenleistung von Prozessoren regelmäßig verdoppelt: Es werde dazu führen, dass Computer schlauer werden als Menschen und dass Menschen nicht mehr arbeiten müssen, zwar nicht mehr in diesem Jahrzehnt, aber doch bald – so prophezeiten es Andrew McAfee und Erik Brynjolfsson in ihrem Buch vom „zweiten Maschinenzeitalter“.

Tatsächlich entwickelte sich vieles deutlich langsamer oder noch gar nicht. Ja, Smartphones wurden immer mächtiger, und Autos können inzwischen öfter mal selbständig bremsen. Doch selbst fahren sie noch lange nicht. In den entwickelten Ländern, die sich an der Front des medizinischen Fortschritts befinden, stagniert die Lebenserwartung. Computer werden zwar immer noch schneller, doch jede weitere Beschleunigung fällt den Ingenieuren immer schwerer – das Mooresche Gesetz gilt nicht mehr. Im vergangenen Jahr zeigte eine sorgfältige Analyse des wissenschaftlich-technischen Fortschritts: Noch nie entwickelte sich die Menschheit so langsam wie in den Zehner-Jahren.

Patente verlieren an Qualität

Die Ökonomen Tyler Cowen und Ben Southwood haben den Fortschritt nach allen Regeln der Kunst analysiert. Ein Beispiel: Zwar wächst die Zahl der Patente – aber das ist nur der erste Schritt. Neue Methoden erlauben es zu analysieren, ob ein Patent nur eine Selbstverständlichkeit absichert oder aber einen richtigen Durchbruch beinhaltet. Demzufolge war die Qualität der Patente zwar in den neunziger Jahren auf einem lokalen Höhepunkt, ist seitdem aber wieder deutlich gefallen. Das ist kein Wunder, denn Cowen und Southwood stellen auch fest: Bis eine grundlegende Innovation zur Technik beitragen kann, braucht es immer mehr und immer ältere Leute, die immer länger vorher gelernt haben.

In der Landwirtschaft wirken viele Technologien zusammen – um ihre Erträge zu steigern, braucht sie Fortschritte in der Biologie, den Materialwissenschaften, der Informationstechnik, selbst in den Wettervorhersagen. Doch die Erträge stagnieren in vielen Regionen der Erde, zum Beispiel die für Reis in Ostasien und die für Weizen in Nordwesteuropa.

Wo es noch Fortschritt gibt, ist dafür immer mehr Personalaufwand nötig. Und wenn die Menschheit sich dem Zustand annähern möchte, dass sie künftig weniger arbeitet, dann müsste dazu die sogenannte Produktivität wachsen: Dann müssten mit jeder Arbeitsstunde immer mehr Güter und Dienstleistungen produziert werden. Doch die Produktivität wächst ebenfalls so langsam wie seit Jahrzehnten nicht, selbst in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lag das Wachstum höher.

Die schnellste Entwicklung war im 19. Jahrhundert

Aber das Internet hat doch so viel mehr geleistet, als sich wirtschaftlich berechnen lässt – so heißt es immer? Diese Vorteile stellen sich als begrenzt heraus. Erik Brynjolfsson hat sich dieser Frage angenommen, einer der Autoren des „zweiten Maschinenzeitalters“. Er berechnet den Nutzen großzügig und kommt trotzdem auf weniger als ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts jährlich, pessimistischere Schätzungen reichen sogar nur auf 0,1 Prozentpunkte im Jahr – auf jeden Fall zu wenig, um den Rückgang der übrigen Zahlen auszugleichen.

Ist das so eine Überraschung? Wer die vergangenen Jahrzehnte mit der Gründerzeit Ende des 19. Jahrhunderts vergleicht, bemerkt, was damals in wenigen Jahren geschah: Ja, zuletzt passten Computer in die Hosentasche, doch in der Gründerzeit wurde das Stromnetz eingeführt. Ja, heute kann man auch unterwegs telefonieren– damals wurde das Telefon überhaupt erfunden. Heute kann man Röntgenbilder digital auswerten, doch Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Röntgenstrahlen entdeckt. Und wenn Elon Musk heute große Pressekonferenzen bestreitet, stolz darauf, dass er die Elektrifizierung von Autos vorantreibt – was sollte dann erst Bertha Benz sagen, die sich 1888 einfach ins Auto setzte und die erste Fahrt von Mannheim nach Pforzheim unternahm?

Einer allerdings verteidigt die Tech-Branche, für den das eher ungewohnt ist: Andrew Keen gehört eigentlich zu ihren größten Kritikern, sein jüngstes Buch heißt „Wie man die Zukunft repariert“. Trotzdem findet er die Veränderungen der vergangenen drei Jahrzehnte „erstaunlich“. „In dieser Zeit hat sich auf der Welt nicht viel verändert, aber die Technik hat alles verändert.“ Mögen die Fortschritte auch langsamer sein als um das Jahr 1900 herum, sie seien immer noch schneller als in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg.

Dass vielen Menschen der Fortschritt heute ungeheuer schnell vorkommt, dafür hat Tyler Cowen eine Erklärung, der Autor der Studie vom langsamen Fortschritt. „Was die Tech-Branche am tiefgreifendsten disruptiert hat, das waren die Medien. Und mit denen verbringen wir viel Zeit.“ Die Welt als Ganze habe die Branche nicht großartig verändert. „Aber das werfe ich ihr nicht vor. Sie ist aus dem Nichts gekommen und hat viel erreicht.“

McAfee: Technik hat anderen Nutzen

Da sind andere weniger gnädig. Andrew McAfee zum Beispiel, Leiter der „Initiative für die Digitale Wirtschaft“ am Massachusetts Institute of Technology und ein großer Technik-Optimist. Er hat zusammen mit Erik Brynjolfsson das Buch vom „Zweiten Maschinenzeitalter“ geschrieben und eine schnelle Entwicklung prophezeit. Doch wenn er die Tech-Branche an ihren hochfliegenden Erwartungen misst, sogar die Gesundheit und die Lebenserwartung voranzubringen, dann sieht das nicht mehr so optimistisch aus. „Ich glaube nicht, dass wir uns solchen Zielen nähern“, sagt er. „Die Zahl der Krebstote ist in den vergangenen Jahren um rund zwei Prozent gesunken. Das ist ein großartiger Fortschritt, aber sehr schnell ist er nicht.“

Es bleibt die Hoffnung auf die Zukunft. Nach vielen großen Technologieschüben dauert es eine Zeit, bis sie sich in der Praxis bemerkbar machen. Falls die Digitaltechnik als so ein Technologieschub durchgeht, kommt er vielleicht einfach noch – aber wann, das ist so unsicher wie eh und je. Da ist McAfee wieder ganz Optimist: „Es kann 20 Jahre dauern, auch wenn das für mich schwer zu glauben ist.“

Immerhin, so stellt McAfee fest, hat die Technik jetzt schon geholfen, die Menschheit auf andere Weise voranzubringen: Sie schafft es jetzt, den gleichen Nutzen mit immer weniger Rohstoffen und immer weniger Umweltverschmutzung zu erreichen – das ist die zentrale These seines neuen Buches „More From Less“. Extreme Armut geht zurück, und das Mooresche Gesetz habe in den vergangenen Jahrzehnten neue Technik schnell günstiger gemacht und auf diese Weise dafür gesorgt, dass sich neue Erfindungen auf der Welt so schnell ausbreiten wie nie zuvor.

Technik schneller verbreiten

Und was jetzt? Wenn es an der Front der Entwicklung erst mal nicht vorangeht, dann vielleicht wenigstens dahinter: damit, dass die Entwicklungen schneller in der Breite der Bevölkerung und der Wirtschaft ankommen – auch so lässt sich der Fortschritt vorantreiben. Unternehmen wissen gut, dass noch längst nicht alle auf dem neuesten Stand der Technik arbeiten. Das ist ein wesentlicher Grund dafür, dass sich international in vielen Branchen sogenannte „Superstar-Unternehmen“ immer größere Marktanteile sichern können: Weil so viele Konkurrenten technisch zurückhängen, haben die wenigen technisch versierten Unternehmen einen Vorsprung.

Gleichzeitig sind viele Fortschritte noch nicht bei allen Weltbürgern angekommen. Das beginnt damit, dass viele Kinder in armen Ländern selbst einfachste Impfungen nicht bekommen. Und es geht weiter damit, dass selbst in den reichen Staaten die Erziehung zum richtigen und nutzbringenden Umgang mit der Technik längst nicht überall gut funktioniert. Es gibt einige Hinweise darauf, dass einige wesentliche Fortschritte der vergangenen Jahre organisatorische Fortschritte waren: Die Menschheit hat es geschafft, dass so wenige Menschen in extremer Armut leben wie nie zuvor. Neue Entwicklungen setzen sich schneller durch denn je: Früher dauerte es allein in den Vereinigten Staaten 75 Jahre, bis 90 Prozent der Bevölkerung ein Auto hatten. Beim Smartphone dauerte es nur noch sieben Jahre. Der gleiche Effekt funktioniert auch international: Keine 20 Jahre nach seiner Gründung ist Facebook so verbreitet, dass zu den fünf größten Nutzerstaaten Indien, Indonesien, Brasilien und Mexiko gehören.

Dieses Tempo finden die Bürger nicht immer gut. Manche wünschen sich mehr Schutz, zum Beispiel wenn Uber bei seiner Ausbreitung in einigen Ländern gegen die Gesetze verstößt. Mark Zuckerbergs Satz „Bewege dich schnell und mache Dinge kaputt“ gilt schon gar nicht mehr als erstrebenswertes Motto, sondern als Symbol dafür, was alles schiefgelaufen ist. In diesem Sinne war „Disruption“ ein Motto, das die Bevölkerung eher verschreckt hat.

Warum die Akzeptanz in der Bevölkerung so wichtig ist

So ein Widerstand wiederum kann dazu führen, dass technische Entwicklungen langsamer in der Praxis ankommen – und sich sogar der technische Fortschritt als ganzer verlangsamt. Der Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey hat im vergangenen Jahr eine große Untersuchung vorgelegt, die genau das zeigt. Darin erzählt er die Geschichte von Denis Papin: Der hatte schon Anfang des 18. Jahrhunderts eine Dampfmaschine gebaut und auf ein Schaufelradschiff montiert, das nun von selbst fahren konnte. Papin, ein französischer Auswanderer, der es in Marburg zum Professor für Mathematik gebracht hatte, hätte der Begründer der Dampfschifffahrt werden können. Aber es kam anders.

Im Jahr 1707 will Papin mit seinem Schiff von der Fulda über die Weser nach London übersiedeln. Die deutschen Schiffer allerdings mögen keine automatisch angetriebenen Boote, sie fürchten die Konkurrenz der Maschinen. Und die Mündener Schiffer haben besondere Rechte zur Überwachung des Schiffsverkehrs auf der Weser. Darum schaltet sich Gottfried Wilhelm Leibniz ein, der schon damals bekannte Universalgelehrte, ein Freund Papins. Er bittet den zuständigen Rat, Papin unbehelligt passieren zu lassen. Doch die Bitte wird abgeschlagen. Kaum in Münden angekommen, wird Papin aufgehalten, es kommt zur Auseinandersetzung, die Schiffer schlagen das Dampfboot in Trümmer. Papin stirbt später verarmt in London. Erst 70 Jahre später wird wieder jemand ein Dampfschiff konstruieren und als dessen Erfinder in die Geschichte eingehen. Und statt Deutschland wird England zur Pionierregion der Industriellen Revolution.

Das wird also die Herausforderung der kommenden Jahre: den Fortschritt, der noch kommt, gleichzeitig schnell und sozialverträglich in die Welt zu bringen.

Quelle: F.A.Z.
Patrick Bernau  - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Patrick Bernau
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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