Digitalkonferenz DLD

Zu viel Müll im Weltall

Von Gustav Theile, München
18.01.2020
, 17:43
Die Angst vor Kollisionen steigt. Um die Erde kreisen immer mehr Objekte, warnen Fachleute. Die Menschheit müsse anfangen aufzuräumen – und die Satelliten besser schützen. Denn auch Militärschläge seien möglich.

Unendliche Weiten, unendliche Räume. So stellt man sich das Weltall vor. Während es hier auf Erden immer enger wird, die Städte aus allen Nähten platzen und bald acht Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben, ist dort oben genug Platz für alle. So oder so ähnlich denken wohl die meisten Menschen über das All.

Doch selbst dort wird es inzwischen ganz schön eng. „Die Zahl der Dinge im Weltraum wächst immer weiter“, klagt Moriba Jah von der Universität Texas auf der Digitalkonferenz DLD in München. 26.000 Objekte würden sie in ihrem Beobachtungszentrum inzwischen verfolgen, die um die Erde kreisen. Und das seien nur die, von denen man wisse. Nur 3000 dieser Objekte seien außerdem überhaupt funktionstüchtig. „Der Rest ist Müll“, sagt der Wissenschaftler. „Und hin und wieder kollidieren die Objekte dann.“

Dann kollidieren sie eben, könnte man sich denken, ist doch genug Platz da oben. Harriet Brettle, ein weiteres Mitglied der Podiumsdiskussion und Analystin beim Weltraum-Start-up Astroscale, widerspricht vehement: „Jeden Tag nutzen wir die Satelliten.“ Ihr Unternehmen arbeitet seit 2013 an Lösungen, um das Müllproblem im Weltraum zu lösen. „Wir bemerken nur nicht, dass wir die Satelliten nutzen, bis der Dienst nicht mehr verfügbar ist“, sagt Brettle über die Bedeutung von Satelliten im Alltag.

Google Maps ist das naheliegende Beispiel. Unzählige andere Apps greifen auf Ortungsdaten zurück. Und auch wer fernsieht oder auf die Wettervorhersage schaut, ist von Satelliten abhängig. Und das sind nur die alltäglichen Beispiele.

Die Gefahr von Militärschlägen

Denn auch größere politische Probleme lassen sich ohne Dienste aus dem Weltall kaum lösen, ist sich das Podium einig. Jah erzählt, fast ein bisschen wütend, eine Anekdote von einer Konferenz, auf der er den Klimaaktivisten und ehemaligen demokratischen Präsidentschaftskandidaten Al Gore getroffen habe. Was der Weltraummüll mit dem Klimawandel zu tun habe?, habe dieser ihn gefragt. „Was glauben Sie? Woher kommen wohl die Informationen für die ganzen Klimamodelle?“, berichtet Jah von seiner Reaktion. Daniel Porras, Wissenschaftler am Institut der Vereinten Nationen für Abrüstungsforschung, ergänzt: „60 Prozent der Metriken der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen werden aus dem Weltall erfasst.“

Deshalb sei es nötig, sind sich die Panellisten einig, das Weltraum aufzuräumen. „Das Weltall ist wirtschaftlich wichtig. Wir müssen es beschützen. Sollten Regierungsmitarbeiter im Raum sein: Tut etwas!“, appelliert denn auch Torsten Kriening vom Digitalmagazin „Spacewatch Global“ ans Publikum. Jah vergleicht die Situation im All mit dem Straßenverkehr: „Stellen Sie sich vor, man bräuchte nur einen Führerschein und sonst gäbe es gar keine Regeln.“ So in etwa laufe es das im All ab. Es sei schwierig, überhaupt einen Satelliten hinaufzubringen. Sobald dieser aber einmal dort oben sei, könne man tun, was man wolle. Angesichts vieler privater Unternehmen, die das Weltall für sich entdeckt haben, dürfte sich das Problem in Zukunft noch deutlich verschärfen.

Doch nicht nur der Weltraummüll und mögliche Zusammenstöße sind eine Gefahr, die die Nationen gemeinsam bekämpfen sollten, wendet Abrüstungsfoscher Daniel Porras ein. Auch Terrorismus oder Militärschläge seien möglich: „Wenn das Militär Satelliten nutzt, um Leute gezielt zu überwachen, warum sollen die Leute dann nicht auf die Satelliten zielen“, beschreibt Porras die Überlegung. In der Geschichte sei das bisher viermal passiert. Das könne sich in Zukunft aber häufen. Die Folge wäre: Noch mehr Müll.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Theile, Gustav
Gustav Theile
Redakteur in der Wirtschaft.
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