DLD-Chefin zur Digitalisierung

„Wir müssen die Angst überwinden“

Von Jessica von Blazekovic
17.01.2019
, 13:46
DLD-Gründerin Steffi Czerny
Vor 14 Jahren gründete Steffi Czerny die DLD. Im Interview erklärt die Münchnerin, warum schon kleine Kinder den Umgang mit Daten lernen müssen – und ob die Ursprungsidee des Internets gescheitert ist.

Frau Czerny, DLD steht für „Digital Life Design“. Wie erklären Sie jemandem die Konferenz, der noch nie da war?

Die DLD konzentriert sich nicht nur auf Technologie, Wirtschaft oder Lifestyle, sondern diskutiert über die brennendsten Themen, die die Welt verändern und uns alle bewegen. Hierfür rücken wir die Menschen ins Rampenlicht, die an vorderster Front dieser Veränderungen stehen – Tech-Pioniere, Unternehmenslenker, Politiker, aber auch Künstler und Wissenschaftler. Ganz bewusst ist die DLD interdisziplinär und wie eine begehbare Zeitschrift mit einem Politik-, Wirtschafts-, Feuilleton-, Medien- und Lifestyleteil gestaltet.

In diesem Jahr steht die Konferenz unter dem Motto „Optimismus und Mut“. Warum haben Sie diesen Titel gewählt?

Die Digitalisierung verändert alles, deshalb müssen wir uns darauf einstellen, dass Themen wie zum Beispiel Privatheit, wie wir sie bisher kannten, vorbei sind. Nehmen Sie nur den jüngsten Hackerangriff auf Politiker und Journalisten – das war wohl ein Teenager in seinem Kinderzimmer. Was können professionelle Hacker dann erst alles anrichten? Was bedeutet das für uns? Wir müssen uns als Gesellschaft viel mehr mit dem auseinandersetzen, was auf uns zukommt. Bislang herrscht in Deutschland vor allem Angst, Sorge, Betrübnis. Das müssen wir überwinden, denn mit einer solchen Haltung wird es schwer, den Wandel positiv mitzugestalten. Wir müssen die Gesellschaft mobilisieren, einen kritischen Optimismus an den Tag zu legen. Dafür braucht es Mut und Neugier, um aus alten Denkmustern auszubrechen.

Sind die Ängste der Menschen nicht berechtigt?

Die Menschen sorgen sich, dass sie durch die Digitalisierung ihren Job und auch den Anschluss verlieren. Sie fühlen sich teilweise zu alt oder schlecht ausgebildet, fürchten, zwischen Amerika und China eingeklemmt zu werden. Das sind berechtigte Sorgen, die ich sehr gut nachvollziehen kann. Mit der DLD wollen wir einen Kontrapunkt zur Negativmalerei setzen. Ängsten begegnet man am besten, indem man sich ihnen stellt, das Neue kennenlernt, sich damit auseinandersetzt und von allen Seiten beleuchtet. Viel zu oft beschwert man sich über den digitalen Wandel, weiß aber eigentlich viel zu wenig darüber. Können Sie zum Beispiel programmieren?

Nein.

Ich auch nicht. Aber ich könnte es gerne und es wäre wichtig.

Nicht alle können Coder werden. Wie genau stellen Sie sich die Auseinandersetzung mit dem Digitalen dann vor?

Natürlich möchte ich nicht aus jedem einen Computerwissenschaftler machen. Aber je mehr die Menschen wissen, desto besser können sie Prozesse durchschauen und selbst eingreifen. Wir brauchen zum Beispiel dringend eine Digitalerziehung. Kindern sollte man schon im Kindergarten erklären, wie viele Daten sie im Netz hinterlassen, sie auf die Risiken hinweisen. So wie Kinder Rechnen und Schreiben lernen, ist es wichtig, dass sie das Digitale verstehen lernen. Denn die Digitalisierung kann neben viel Gutem auch schreckliche Dinge mit sich bringen. Es ist deshalb umso wichtiger, dass wir uns informieren und ausreichend Wissen aneignen. Denn was man nicht kennt, kann man auch nicht schützen. Das gilt nicht nur für das Privatleben, sondern auch für die Arbeitswelt. In fast jedem Konzern gibt es mittlerweile eine IT-Abteilung. Sprechen Sie mit den Kollegen und lassen Sie sich erklären, wie wo und wann Sie Datenspuren hinterlassen.

Durch Hackerangriffe, Fake News und Hass im Netz ist die digitale Welt in jüngster Zeit in Verruf geraten. Ist das Internet ein schlechter Ort, ist die Idee gescheitert?

Immer wenn neue Technologien aufkommen, gibt es zunächst tiefgreifende Krisen. Das Consumer-Internet ist gerade einmal 25 Jahre alt, es wird also noch eine lange Zeit – wenn nicht ein Jahrhundert – dauern, bis wir damit normal leben können. Wenn man beobachtet, wie sich mittlerweile immer mehr Firmen zu Datenkraken im Netz entwickeln, hat sich das Internet sicherlich grundlegend verändert im Vergleich zur Ursprungsidee. Deswegen braucht es einen Perspektivwechsel, einen Wandel, bei dem nicht nur Unternehmen, sondern auch wir als Konsumenten unsere Haltung ändern müssen. Das ist unbequem, aber notwendig.

Ist mehr Regulierung der richtige Weg?

Das ist ein großes Wort. Ich glaube schon, dass es Regeln braucht und dass der Prozess, Regeln aufzustellen, ein ganz wichtiger ist. Die heutigen Mandatsträger und Politiker sind in der alten Welt aufgewachsen. Sie müssen sich jetzt auf etwas einlassen, das sie nicht richtig kennen. Mit dem wahnsinnig schnellen Tempo der Veränderung Schritt halten zu können, stellt die Politik vor große Herausforderungen. Deshalb sind Konferenzen wie die DLD so wichtig und ich bin sehr froh, dass Politiker wie Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier daran teilnehmen, um über den Tellerrand zu blicken.

F.A.Z. Digitec: jetzt testen!

Nehmen Sie die digitale Zukunft selbst in die Hand.

Mehr erfahren

Welchen Beitrag will die DLD leisten?

Die DLD soll Menschen zusammenbringen und Entfremdung aufheben. Wir haben in diesem Jahr zum Beispiel eine viel größere Delegation aus China eingeladen, um den deutsch-chinesischen Austausch zu fördern und besser verstehen zu können, wie die Chinesen ticken. Die DLD ist vor allem auch ein Netzwerk, in dem Teilnehmer und Redner sorgfältig danach ausgewählt werden, wer zu wem passt. Wenn sich auf der DLD Menschen kennenlernen und später gemeinsam eine Firma gründen, dann ist dies das Schönste für mich. Die Konferenz hat sogar schon Ehen gestiftet (lacht).

Sie leiten die DLD seit ihrer Gründung im Jahr 2005. Was hat sich seitdem verändert?

Als wir die DLD ins Leben riefen, gab es kein Wifi und kein Twitter. Facebook fing gerade erst an und alle redeten noch über Java. Was es aber schon damals gab: Gründerpersönlichkeiten, die besessen sind von ihrem Produkt und die Welt verändern wollen. Viele DLD-Teilnehmer kommen immer wieder, wie zum Beispiel Mark Samwer: Er war bereits beim ersten DLD dabei, da widmete er sich mit seinen Brüdern noch dem Thema Klingeltöne. Heute sind die Samwer-Brüder Vorbilder der deutschen Gründerszene. Auch Mark Braun von Wirecard ist ein Teilnehmer der ersten Stunde. Wir setzen früh auf noch unbekannte Gäste, denen wir großes Potential zuschreiben, weil wir ein Muster erkennen, das sich bei erfolgreichen Menschen immer wiederholt: Besessenheit, Optimismus und Mut.

Wie steht es um den Gründergeist in Deutschland?

Deutschland hat einen fantastischen Gründerspirit – schauen Sie nach München, Berlin oder Frankfurt. Auch die Politik hat das mittlerweile begriffen. Es braucht aber noch mehr Mut, junge Unternehmer früh zu unterstützen und sie angemessen zu fördern. Auch das tun wir auf der DLD. Wir laden junge Gründer ein und bringen sie mit den alten Hasen der Branche zusammen. Denn eines ist klar: Den klassischen Ausbildungsweg für erfolgreiche Unternehmer gibt es nicht mehr. Es braucht heute vielmehr Mut, auch mal zu scheitern und den Weg zu ändern, um sein Thema zu finden.

Auf welche Gäste der diesjährigen DLD freuen Sie sich besonders?

Natürlich freue ich mich auf alle unsere Teilnehmer. Aber es freut mich ganz besonders, dass wir die Konferenz zum ersten Mal dem Thema Afrika öffnen mit vielen tollen Unternehmern aus verschiedenen Regionen des Kontinents, die Vorbilder für ihre Heimat sind. Zu ihnen gehört Fatoumata Bâ, die das erste Einhorn Afrikas gegründet hat. Wir wollen zeigen, dass die junge Generation in Afrika klug ist und etwas für ihren Kontinent tun will. Aber natürlich freue ich mich auch sehr auf die Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Sie hat sicherlich Fehler gemacht, aber ich finde es toll, dass sie jetzt kämpft, um ihr Unternehmen wieder auf Vordermann zu bringen.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Sadeler, Jessica
Jessica von Blazekovic
Redakteurin in der Wirtschaft.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot