Digitalkonferenz DLD

„Gummibärchen schmecken im Weltall genau gleich“

Von Gustav Theile, München
19.01.2020
, 13:15
Astronautin Cady Coleman hat ein halbes Jahr auf der ISS gelebt. Im Interview erklärt sie, wie die Querflöte dort oben klingt, wie anstrengend es ist, im Weltall zu leben – und wie man Astronautin wird.

Frau Coleman, Sie haben auf der ISS Querflöte gespielt. Wie klingt die im Weltall?

Der Klang selbst ist nicht wirklich anders. Innerhalb der Querflöte vibriert es ja nach wie vor. Es hängt deshalb davon ab, wo man das spielt auf der ISS, wie es für Sie klingt – in der ISS-Cupola zum Beispiel, von wo ich auf die Welt gucken konnte, bricht es ein bisschen, weil viel Glas um dich herum ist. Wenn ich im japanischen Modul gespielt habe – dort oben, wo wir Sachen verstauen – da sind viele Kleidungsstücke, wurde der Ton ein bisschen verschluckt.

Sie hatten dort oben also genug Zeit, um richtig Querflöte zu üben?

Ich würde nicht sagen, dass ich viel Zeit hatte, um zu üben. Aber ich hatte genug Zeit, um zu spielen. Ich würde sagen, fast alles Kreative und Spannende, das wir oben im Weltall gemacht haben, haben wir nach 22 Uhr abends gemacht, als wir eigentlich schon schlafen sollten. Es gibt einige Sachen, die einfach menschlich sind, die man halt machen muss.

Wie viele Stunden haben Sie da oben denn am Tag gearbeitet?

Immer so 12 Stunden am Tag, häufig aber auch 14, 16, 18 Stunden am Tag.

Sie haben vorhin auf dem Podium gesagt: Sie wären gern noch sechs weitere Monate geblieben. Ist das körperlich nicht zu anstrengend, dort oben zu sein?

Es ist körperlich wundervoll, da oben zu sein. Ich habe es geliebt, zu fliegen und zu schweben. Man stößt sich ab mit dem kleinen Finger und kann durch die gesamte Weltraumstation fliegen. Es ist anstrengend, weil man so viel arbeiten muss. Der Grund dafür ist: Die Arbeit ist wirklich, wirklich wichtig. Und wenn man da oben ist, versteht man, warum die so wichtig ist. Und es dauert ungefähr einen Monat, darin auch gut zu werden. Wenn man da einmal durch ist, will man mehr und mehr erledigen, weil es klar ist: Das ist Forschung, die man hier unten auf der Erde nicht machen kann. Und wenn man dann der ist, der das oben im Weltall durchführt, will man halt sein Bestes geben.

Und wie anstrengend ist es mit nur einigen wenigen Leuten auf der ISS zu leben?

Ich hatte das Gefühl: Hier lebe ich jetzt. Ich war so begeistert, einer der ersten Menschen zu sein, der dort lebt. Ich habe es wirklich geliebt, dort oben zu sein. Und ich akzeptiere einfach: Wo immer ich bin, dort bin ich halt gerade. Ich denke dann nicht darüber nach: Wäre es nicht einfacher, woanders zu sein. Ich habe es geliebt, dort zu leben.

Sie sind noch in Kontakt mit den Leuten, mit denen Sie dort gelebt haben?

Ich glaube, man hat immer eine besondere Verbindung zu den Leuten, mit denen man geflogen ist – auch mit denen, mit denen man trainiert und gesprochen hat, das auch. Ich habe einen Freund, mit dem ich scherze ich immer, wenn wir uns treffen: ‚Weißt du was? Ich vermisse es, meine Zähne mit dir zu putzen‘.

Wie sind sie eigentlich Astronautin geworden?

Ich habe mich beworben. Und ich sage das nicht so dahin. Es ist wirklich gut, darüber nachzudenken, wie man sich auf Sachen bewirbt, dass man in einem bestimmten Team sein möchte. Man muss wirklich nachdenken und auf die Sachen schauen, die man im Leben gemacht hat, das bewerben und ein bisschen mehr angeben, als man eigentlich will - vor allem, wenn man ein Frau ist oder aus einer Minderheit kommt. Vielleicht war man zuhause und hat sich um seine Brüder und Schwestern gekümmert. Dann ist man eine häusliche Führungskraft, statt irgendwo Praktika zu machen. Jemand hat in seiner Astronautenbewerbung gesagt, dass er einige Sommer in Folge ein Ferienlager für einige hundert Kinder organisiert hat. Und ich habe gedacht: Wow, diese Person kennt sich in Sachen Sicherheit aus, die kennt sich mit Abläufen aus, die kann mit Eltern und Kindern umgehen. Diese Person hat all das unter großem Druck gemacht.

Was für Voraussetzungen braucht es, um Astronautin zu werden?

Man muss einen Abschluss in einem technischen Fach haben und drei Jahre Berufserfahrung. Das ist aber weniger, wenn man einen Master hat. Und mit einer Promotion braucht man gar keine Berufserfahrung.

Das ist ja gar nicht so schwierig. Wie viele Leute bewerben sich denn?

Anfang der neunziger Jahre haben sich 2400 Leute beworben. 20 Jahre später waren es schon 6500. Im Jahr 2017 dann etwa 18.500. Und das für nur etwa ein Dutzend Plätze. Ich glaube, das hängt mit einigen Filmen zusammen. Die haben das Weltall für die Leute real gemacht.

Und warum wurden Sie ausgewählt?

Ich bin Materialchemikerin von der Universität Massachusetts, das ist die beste Uni dafür auf der ganzen Welt. Meine Referenzen waren also exzellent. Dann hatte ich eine Pilotenlizenz und war Sporttaucherin. Heute wäre auch die Sprache noch wichtig: Wenn man nicht nachweisen kann, dass man eine neue Sprache lernen kann, hat man kaum Chancen. Jeder Astronaut muss sich auf Russisch verständigen können.

Sprechen Sie noch Russisch?

Ja, davon sollte ich noch genug behalten haben. Ich spreche auch Norwegisch, dort war ich als Austauschstudentin 1978/1979. Und ein bisschen Französisch spreche ich auch noch.

Wie fanden Ihre Eltern es, dass sie ins All fliegen?

Die waren unglaublich aufgeregt. Aber was auch toll war: Für meinen Vater hat sich eine neue Welt aufgetan. Er kommt aus der Marine und dem Tauchen. Alle dort waren Männer. Der ist dann zu den Leuten dort gegangen und hat gesagt: „Wisst Ihr was? Ich glaube, wir haben ein paar Leute vergessen.“ Er meinte die Frauen.

Sie haben vorhin gesagt, Sie hätten Angst gehabt, Sachen kaputt zu machen. Ist Ihnen das je passiert auf der ISS?

Einige Kleinigkeiten vielleicht. Aber das größere Problem sind Fehler, wenn man in Experimenten einen Schritt vergisst oder etwas falsch ausführt. Wir hatten einen Programm zum Testen von Wasser. Da bin ich die Schritte richtig durchgegangen. Aber da war ein Filter dabei, den man sehr einfach auch falsch herum einsetzen konnte. Das ist dann natürlich blöd, man muss das dann von vorn machen und wir hatten dort oben nicht so viele Fehler.

Wir haben am Anfang über Musik gesprochen. Man hört ganz normal, haben Sie gesagt. Sind denn andere Sinne dort oben beeinflusst?

Für mich nicht. Aber auf der ISS ist es laut. Und manche haben Probleme mit den Augen. Der Druck ist dort größer auf das Gehirn und die optischen Nerven. Manche sagen auch, der Geschmackssinn sei abgeschwächt, sie brauchen mehr Salz. Für mich galt das nicht. Ich hatte Haribo dabei. Ich liebe die: Bären, Würmer und Fische. Die haben so geschmeckt wie immer – großartig. Und es hat so viel Spaß gemacht, die zu essen.

Cady Coleman

Cady Coleman ist eine ehemalige Nasa-Astronautin. Sie war im Jahr 1995 knapp 16 Tage und im Jahr 1999 fünf Tage im All. Von Dezember 2010 bis Mai 2011 war sie ein halbes Jahr auf der ISS stationiert.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Theile, Gustav
Gustav Theile
Redakteur in der Wirtschaft.
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