Die Chance Open Source

Wie Afrika das Licht der Software erblickt

Von Carsten Knop
Aktualisiert am 19.01.2020
 - 09:22
Senior Machine Learning Engineer der Open-Source-Plattform Github: Omoju Miller
Github ist die größte Plattform für Open-Source-Software. Rund um die Welt arbeiten Entwickler zusammen, um Ideen auszutauschen. Afrikaner entdecken die Chance, die auch Europa stärker nutzen sollte.

Es ist, als ob jemand das Licht eingeschaltet hätte: „Wer vor zehn Jahren auf eine Landkarte der Internetabdeckung der Welt geschaut hat, blickte auf Afrika und sah einen wirklich schwarzen Kontinent“, sagt Omoju Miller. „Das hat sich völlig verändert, und die Menschen dort nutzen ihre Chance. Sie werden zum Teil der weltumspannenden Gemeinschaft von Softwareentwicklern“, sagt die Managerin der Open-Source-Plattform Github. „Das funktioniert. Denn jeder kann mitmachen: Man kann voneinander lernen, mitlesen, Fortschritte dokumentieren, Fragen beantworten – und irgendwann auch selbst programmieren.“ Nötig sei eben nur das Licht, in diesem Fall in Form von Internetzugängen.

Und die haben inzwischen in immer größerer Zahl auch Afrika erreicht. Das Ergebnis: In Ländern wie Kenia, Ägypten, Südafrika oder Nigeria, stieg die Zahl derjenigen, die sich an Github-Projekten beteiligen, im vergangenen Jahr um hohe zweistellige Prozentsätze.

„Es ist eine riesige Chance“, sagt Miller am Rand der Digitalkonferenz DLD der F.A.Z. – und hat auch ein spannendes Beispiel parat. Ein Programm, das in Afrika entwickelt worden sei, um körperliche Übergriffe auf Wähler zu dokumentieren, sei später in Japan eingesetzt worden, um nach der Tsunami-Katastrophe Gebiete mit erhöhter radioaktiver Strahlung festzuhalten. Das sei an sich schon bemerkenswert, spannend sei aber auch gewesen, wie schnell die Gemeinschaft der gutwilligen Entwickler die Anleitung von Englisch in Japanisch übersetzt habe: „Das hat damals keine 24 Stunden gedauert“, sagt Miller.

Unterstützung aus Deutschland

Doch nicht nur für Afrika sei Open-Source eine gute Möglichkeit, Anschluss an die Welt der Software zu finden. Auch Europa sollte diese Chance besser nutzen, findet Miller. Open Source könne zwar lizenzpflichtige, proprietäre Software nicht völlig ersetzen („Sie können daheim auch heute ein Brot backen, werden aber doch immer wieder den Bäcker bevorzugen.“), wohl aber dafür sorgen, dass Ideen schneller zu einsatzfähiger Software reiften, die obendrein sehr sicher sei: „In einer Software, in der man jede Zeile Code kennt, kann es per Definition keine Hintertüren geben.“ Deshalb sei Open Source auch gut dazu geeignet, Transparenzanforderungen im Rahmen der ethischen Debatte rund um den Einsatz Künstlicher Intelligenz zu erfüllen.

Dem pflichtet zum Beispiel der deutsche Softwareunternehmer Peter Ganten schon lange bei: „Wir brauchen vor allem für das Identitätsmanagement offene Systeme, die wir selbst kontrollieren können, die wir dort betreiben können, wo wir es wollen, die wir frei an unsere Anforderungen anpassen können, und die wir völlig unabhängig daraufhin untersuchen können, ob sie Fehler oder Hintertüren enthalten“, fordert Ganten schon lange. Möglich sei dies nur mit dieser Community aus Open-Source-Entwicklern.

Miller betont noch einen weiteren Vorteil: „In der Gruppe der Entwickler fallen Fehler schneller auf und werden zügig kontrolliert.“ Das sei grundsätzlich mit der jederzeit nachvollziehbaren Selbstkorrektur eines Textes im Onlinelexikon Wikipedia vergleichbar. Unternehmen wiederum, die selbst die Entwicklungskapazitäten von Open Source nutzen, finden dort nach der Überzeugung von Miller genau die Talente, die besonders gut für Neueinstellungen in oft unterbesetzten Software-Entwicklungsabteilungen genutzt werden können.

Miller ist auf ihrem Gebiet eine gefragte Beraterin. Sie bewegt sich seit mehr als einem Jahrzehnt mit ihrer Arbeit im Spannungsfeld von Künstlicher Intelligenz und Themen des maschinellen Lernens. Zu diesem Themenkomplex war sie schon als ehrenamtliche Beraterin für die „Presidential Innovation Fellows“ der Regierung des amerikanischen Präsidenten Barack Obama tätig und leitete die gemeinnützigen Investitionen der „Computer Science Education“-Abteilung von Google.

Github wiederum ist ein Onlinedienst, der Software-Entwicklungsprojekte auf seinen Servern bereitstellt und seinen Hauptsitz in San Francisco hat. Seit dem Jahr 2018 gehört das Unternehmen zwar zum amerikanischen Softwarekonzern Microsoft, wird aber unabhängig weitergeführt. Zu den Kunden aus Deutschland zählen nach Angaben von Github die Deutsche Börse, Zalando, SAP oder Xing. Die Bedienung von Github gilt im Vergleich zu anderen Entwicklerplattformen auch für Anfänger als besonders einfach – möglicherweise ein Grund für die Attraktivität des Angebots auch in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Quelle: FAZ.NET
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