Steve Jobs tritt ab

Das Ende einer Ära

Von Roland Lindner, New York
25.08.2011
, 19:42
Durch den Rücktritt seiner Gallionsfigur dürfte das Bild von Apple nach außen um einiges weniger glamourös werden
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Der Mann mit dem goldenen Händchen tritt ab: Steve Jobs hat mit Produkten wie dem iPhone die Märkte aufgemischt. Apple wird auf Erfolgskurs bleiben.
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Es war ein klassischer Steve-Jobs-Moment: Bei der Vorstellung des Tabletcomputers iPad im vergangenen Jahr wurde der Mitgründer und Vorstandsvorsitzende von Apple gefragt, welche Art von Marktforschung das Unternehmen vorher betrieben hatte. Es schien eine legitime Frage, schließlich wunderten sich viele in der Branche, wozu genau die Menschheit so ein Gerät braucht, das als eine Art Mischung aus Laptop und internetfähigem Handy (Smartphone) daherkommt. Aber Steve Jobs gab sich von der Frage brüskiert: Marktforschung sei etwas Überflüssiges, dozierte er. „Es ist nicht die Aufgabe der Verbraucher, zu wissen, was sie wollen.“ Die darin enthaltene Botschaft: Niemand hat einen Riecher wie ich, was bei den Leuten ankommt.

Das mag keine sonderlich sympathische Haltung sein. Aber diese Hybris, die Jobs um sich selbst und sein Unternehmen schürt, ist ein wesentlicher Grund für die atemberaubende Erfolgsgeschichte der vergangenen Jahre. Jobs geht richtig große Wetten ein. Er verlässt sich nicht darauf, was ihm andere sagen, schon gar nicht seine Kunden selbst. Denn das führt nach seiner Auffassung nur zu Innovation in kleinen Schritten: Produkte, die vielleicht ein bisschen besser sind, aber nicht bahnbrechend. Jobs verfolgt die Ambition, aus dem Stand neue Märkte zu schaffen oder sie zumindest radikal umzudefinieren, und dies ist ihm in den vergangenen Jahren ein ums andere Mal geglückt: mit dem digitalen Musikspieler iPod, dem iPhone-Handy und zuletzt dem iPad. Mit seinem goldenen Händchen hat Jobs Apple in den vergangenen zehn Jahren zu einem völlig neuen Unternehmen gemacht: Personalcomputer, das einstige Kerngeschäft, stehen heute für nicht einmal mehr ein Fünftel des Konzernumsatzes – wobei Apple anders als der Rest der PC-Branche mit seinen Macintosh-Rechnern noch immer stattliches Wachstum schafft. Dafür werden iPhone und iPad mehr und mehr zu den tragenden Säulen des Geschäfts. Im abgelaufenen Quartal brachten die iPads schon höhere Umsätze als die Macintosh-Computer. Seit der Einführung des iPad im April 2010 hat Apple mehr als 15 Milliarden Dollar mit dem iPad umgesetzt.

„Tablet-Effekt“ hinterlässt Spuren

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Die Fähigkeit von Steve Jobs, mit Apple ganze Märkte aufzumischen, bringt Wettbewerber regelmäßig ins Straucheln. Jüngstes Beispiel war die Ankündigung des Technologiekonzerns Hewlett-Packard (HP), seine Personalcomputersparte zur Disposition zu stellen. HP ist in dem Geschäft immerhin Weltmarktführer, sieht es aber im Niedergang. Vorstandschef Léo Apotheker sagte, der „Tablet-Effekt“ hinterlasse seine Spuren im PC-Markt. Er hätte auch „iPad-Effekt“ sagen können, schließlich dominiert Apple das Segment bislang. HP selbst ist mit seinem iPad-Klon „Touchpad“ kläglich gescheitert und nahm es nach nicht einmal zwei Monaten vom Markt. Auch mit dem iPhone und dem iPod änderte Jobs Machtverhältnisse. Das iPhone, das den Durchbruch von Smartphones in der breiten Masse bedeutete, brachte Unternehmen wie Nokia und den Blackberry-Hersteller Research-in-Motion in Bedrängnis, der iPod stellte den japanischen Sony-Konzern bloß, der einst mit seinem Walkman eine Pionierrolle bei tragbaren Musikgeräten hatte.

Viele prominente Namen aus der Technologiebranche nahmen die Rücktrittsankündigung von Jobs zum Anlass, seine Leistung zu würdigen. Steve Wozniak, der Apple mit Jobs gegründet hat, sagte dem Fernsehsender „Bloomberg“: „Man wird ihn vielleicht für die nächsten 100 Jahre als die großartigste Führungsfigur der Technologiebranche unserer Zeit in Erinnerung behalten.“ Marc Benioff, der Vorstandsvorsitzende des Softwarekonzerns Salesforce.com, sagte: „Es ist das Ende einer Ära.“

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Karrieretief und Wiederaufstieg

Jobs hat Apple zusammen mit Wozniak im Jahr 1976 gegründet. Die beiden Freunde brachten schon bald den „Apple II“ auf den Markt, einen der ersten erfolgreichen Personalcomputer. 1984 kam der revolutionäre Macintosh, der erste Computer mit einer grafischen Benutzeroberfläche, die später zum Standard wurde. Trotz der Pionierrolle hat Apple im Laufe der Jahre Marktanteile an billigere Personalcomputer mit dem Windows-Betriebssystem von Microsoft verloren. Windows-Rechner dominierten bald den Computermarkt, während Apple sich mit der Rolle als Nischenanbieter zufriedengeben musste. 1985 erlebte Jobs sein Karrieretief, als er vom Aufsichtsrat aus dem Unternehmen gedrängt wurde. Jobs gab später zu, nach dem Rauswurf sei er „am Boden zerstört“ gewesen und habe monatelang nichts mit sich anzufangen gewusst. Er gründete dann das Computerunternehmen Next, das aber kein Erfolg wurde.

Apple machte derweil unter seinem Nachfolger John Sculley den Macintosh zu einem massentauglichen Rechner, verzettelte sich aber später mit zu vielen Produkten und rutschte in eine existenzbedrohliche Krise. In seiner Not holte Apple Jobs 1997 ins Unternehmen zurück, und bald begann der Wiederaufstieg, zunächst im Computergeschäft mit den bunten iMac-Computern und den iBook-Laptops. In den Jahren danach führte Jobs Apple in neue Segmente, und es begann die Ära von iPod, iPhone und iPad. „Die zweite Amtszeit von Steve Jobs brachte eine atemberaubende Erholung und dann den Aufstieg zur Dominanz, durch den Aufbau einer Welt von mobilen Geräten und überall verfügbaren Inhalten“, schrieben die Analysten von J.P. Morgan nach dem Rücktritt.

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Erfolgsgeschichte fortzuschreiben

So glänzend Apple heute dasteht, das Unternehmen kämpft auch mit einigen Herausforderungen: Im Smartphone-Geschäft ist der Internetkonzern Google mit seinem Betriebssystem Android für Apple zu einem ernsthaften Rivalen geworden. Es werden heute bereits mehr Android-Handys verkauft als iPhones. Der vor wenigen Monaten zum Vorstandsvorsitzenden aufgerückte Google-Mitgründer Larry Page verfolgt einen aggressiven Kurs in dem Geschäft, wie er gerade mit der Ankündigung unterstrichen hat, den Handyhersteller Motorola Mobility für 12,5 Milliarden Dollar kaufen zu wollen.

Nun liegt es in der Hand von Timothy Cook, die Erfolgsgeschichte von Apple fortzuschreiben. Er hat Steve Jobs während seiner drei krankheitsbedingten Zwangspausen bereits vertreten und dafür in der Branche gute Noten bekommen, jetzt übernimmt er das Ruder auf Dauer. Kaum jemand in der Branche fürchtet, dass Apple bald von seinem Kurs abkommen könnte, zumal die Produktpläne für die nähere Zukunft weitgehend festgezurrt sein dürften. In Kürze wird die fünfte Generation des iPhone erwartet, und auch das nächste iPad dürfte nicht lange auf sich warten lassen. Auch Produktoffensiven in neuen Segmenten wie Fernsehen sind womöglich schon eingetütet.

Cook ist sachlicher, nüchterner

Sorgen machen sich Analysten eher auf längere Sicht. Können Apple auch ohne den Instinkt von Steve Jobs künftig noch die ganz großen Würfe gelingen? Ohne Zweifel wird im Unternehmen eine neue Zeitrechnung beginnen. Tim Cook ist bei allen seinen Qualitäten nicht die inspirierende Galionsfigur, wie sie Jobs war. Es wird daher auch zu seinen Herausforderungen gehören, das Managementteam von Apple hinter sich zu bringen und zusammenzuhalten.

Das Bild von Apple nach außen hin dürfte sich jedenfalls ändern und ohne Jobs um einiges weniger glamourös werden. Jobs hat den Rang eines Superstars, seine Auftritte bei den Vorstellungen neuer Produkte waren wie Popkonzerte und ein wesentliches Element für den Sex-Appeal von Apple. Tim Cook repräsentiert dagegen einen sachlich-nüchternen Stil. Von ihm würde man wohl kaum so dick aufgetragene Sätze hören, wie sie Jobs im März bei der Vorstellung des iPad 2 gesagt hat: „Es liegt Apple im Blut, dass Technologie allein nicht genug ist. Es geht um Technologie, verbunden mit freien Künsten und Geisteswissenschaften.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Lindner, Roland
Roland Lindner
Wirtschaftskorrespondent in New York.
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