Neue Corona-Beschlüsse

Ein Stich ins Herz der Veranstalter

Von Benjamin Fischer, Jonas Jansen, Philipp Krohn, Johannes Pennekamp
Aktualisiert am 27.08.2020
 - 18:08
Ein Roland Kaiser-Konzert in der Berliner Waldbühne im September 2018
Der Bund bremst Weihnachtsmärkte und Großveranstaltungen aus. Die Folgen für die Wirtschaft insgesamt sind erst einmal verkraftbar – doch nicht nur für Festwirte oder die Konzertbranche wird die Lage immer schwieriger.

Für einige Festwirte und Schausteller war es die letzte Hoffnung, in diesem Jahr doch noch Einnahmen zu erzielen. Am Donnerstag wurde entschieden, dass der Kölner Weihnachtsmarkt am Dom in diesem Jahr aus Angst vor Ansteckungen in der Corona-Pandemie ausfällt. In der Adventszeit gehört der Markt auf der Domplatte zu den beliebtesten in der Stadt, bis zu fünf Millionen Besucher im Jahr locken die Stände mit Glühwein, gebratenen Mandeln und Kunsthandwerk an – in normalen Jahren kommen Touristen aus den Niederlanden in Reisebussen hierher.

In diesem Jahr ist das anders, die Betreibergesellschaft hat sich zu einer Absage entschieden und es den Standmietern in einem Brief mitgeteilt. „Wir haben wochenlang überlegt, ob wir den Markt so gestalten könnten, dass es nicht zu Ansteckungen kommt. Aber letztlich haben wir keine Lösung gefunden“, sagte die Geschäftsführerin der Kölner Weihnachtsgesellschaft, Monika Flocke. Auch bei begrenzten Zugängen seien Stausituationen kaum vermeidbar und deshalb die Verantwortung einfach zu groß.

Die weit verstreuten Festwirte werden durch die Absage vergleichbarer Volksfeste genauso wie durch die Arbeit von Bund und Ländern an schärferen Maßnahmen, mit denen die Pandemie eingedämmt werden soll, in existenzielle Not gestoßen. „Das ist ein Riesendrama, wenn im Winter nichts mehr geht“, sagt Andreas Korger, der vor einigen Jahren den Verband Deutscher Festwirte mitgegründet hat und ihm bis heute vorsitzt, um die Interessen des kleinteiligen Marktes zu bündeln.

Vorschlag für Sportveranstaltungen bis Ende Oktober

Selbst Veranstaltungen unter Auflagen hätten seiner Branche nicht unbedingt geholfen, weil der Ertrag schmelze. Ihm fehle angesichts der Lage eine Handlungsalternative. Man müsse aufpassen, dass die lange Tradition der Volksfeste nicht zerstört werde. „Wenn es einmal kaputt ist, kann man es nicht so leicht wieder aufbauen“, sagt Kogler.

All das war auch den Ministerpräsidenten der Länder bewusst, die am Donnerstag mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über schärfere Maßnahmen verhandelten. Einer der wichtigsten Beschlüsse betrifft Großveranstaltungen. Ist es nicht möglich, Kontakte zu verfolgen und Hygieneregeln einzuhalten, dürfen sie bis mindestens Ende dieses Jahres nicht stattfinden. Die Staatskanzleien der Bundesländer sollen bis Ende Oktober einen Vorschlag vorlegen, wie mit bundesweiten Sportveranstaltungen einheitlich vorzugehen ist.

„Die neuen Einschränkungen treffen die Branchen, die ohnehin schon stark leiden, Veranstalter, Tourismus und den kulturellen Bereich“, sagt Klaus Wohlrabe, Konjunkturforscher des Münchener Ifo-Instituts. Die Ernüchterung und das Gefühl, dass „bis Jahresende nichts mehr geht“ dürften sich jetzt verfestigen. Aus volkswirtschaftlicher Sicht beruhigt der Ökonom aber: Den wirtschaftlichen Aufwärtstrend, der im laufenden dritten Quartal Fahrt aufgenommen hat, sei durch die neuen Einschränkungen nicht gefährdet.

Begriff Großveranstaltung vage definiert

„Für den Maschinenbau und die Industrie insgesamt, sind keine größeren Folgen zu befürchten“, sagt er. Positiv hebt er hervor, dass Schulen und Kindergärten offenbar vorerst keine flächendeckenden Schließungen drohen. Befragungen von Unternehmen hätten beim letzten Mal gezeigt, dass Schulschließungen die Stimmung und die Aussichten in den Betrieben abrupt nach unten gezogen hätten. „Das war ein indirekter Shutdown, weil viele Menschen nicht mehr zur Arbeit kommen konnten“, sagt er.

In der Konzert- und Tourneebranche hat man sich schon im Vorfeld auf diese Beschlüsse eingestellt. „Trotz des Verständnisses für alle dem Infektionsschutz dienenden Maßnahmen muss klar sein, dass unter den gegebenen Voraussetzungen selbst mit Veranstaltungen bis zu 1000 Besuchern kein wirtschaftliches Ergebnis erzielt werden kann“, sagt Jens Michow, Geschäftsführender Präsident des Branchenverbands BDKV. Dafür müssten Hallen mindestens 5000 Zuhörer aufnehmen können.

Die Einnahmemöglichkeiten und die Kosten stünden in keinem vernünftigen Verhältnis. „Wenn uns nun aber nicht kurzfristig hinreichende staatliche Mittel zur Verfügung gestellt werden, wird es nach Ablauf der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für die meisten Unternehmen kaum noch eine Zukunftsperspektive geben“, sagt Michow. Ein halbes Jahr ohne Einnahmen lasse sich nicht kompensieren. Der Begriff der Großveranstaltungen ist vage definiert, daher ließen sich die Auswirkungen des Beschlusses nicht abschließend beurteilen, so Michow. Das Erfordernis von Abstand werde einen kommerziellen Veranstaltungsbetrieb aber weiter unmöglich machen.

Von 160 auf null Veranstaltungen

Bei Familienfeiern gibt es derweil nicht die Einschränkungen, die Kanzlerin Merkel vorgeschwebt hatten. Zu privaten Veranstaltungen im häuslichen Bereich sollten höchstens 25, außerhalb des Privatbereichs höchstens 50 Personen zusammenkommen. Der Beschluss von Bund und Ländern sieht nun lediglich vor, dass Bürger gebeten werden, in jedem Einzelfall kritisch abzuwägen, ob, wie und in welchem Umfang private Feierlichkeiten nötig und vertretbar seien.

Für die beliebten deutschen Hochzeits-Locations ändert das ohnehin nichts. „Private Feiern wie Hochzeiten und Geburtstage werden aufgrund der derzeitigen Situation ohnehin kaum angefragt“, sagt Jens Foerster von der Stiftung Kloster Eberbach im Rheingau. Die Einbußen will er durch ein verstärktes touristisches Angebot ausgleichen. Und Marit Meyer von der Eventlocation Waterfront am Hamburger Elbufer sagt: „Corona bedeutet für uns den absoluten Stillstand.“ Von 160 auf null Veranstaltungen. Das verwinkelte Haus könne die Quadratmetervorgaben nicht erfüllen. Der Weinfachhandel kompensiert einen Teil der Verluste.

Quelle: F.A.Z.
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