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Niederlage für Salvini

Die reiche Emilia-Romagna bleibt rot

Von Tobias Piller, Bologna
Aktualisiert am 27.01.2020
 - 07:25
Die Altstadt von Bolognazur Bildergalerie
Die Unternehmer unterstützten die Linksregierung, die seit 70 Jahren an der Macht ist. Die Region hält also an ihrem Wirtschaftsmodell mit mehr sozialem Zusammenhalt fest. Dennoch warten viele Herausforderungen.

Der populistische italienische Parteichef der Lega, Matteo Salvini, hat zum ersten Mal nach vier Jahren ununterbrochenem Aufstiegs eine klare Niederlage erlitten. Fehlgeschlagen ist nicht nur der Versuch, bei den Regionalwahlen in der traditionell links orientierten Region Emilia-Romagna die Macht zu übernehmen. Oppositionsführer Salvini hatte sich dagegen gewünscht, mit einem Wahlsieg in dieser wohlhabenden „roten“ Region am gestrigen Sonntag das Ende der nationalen Regierung in Rom herbeiführen.

Doch nach allen Aussagen von Meinungsforschern war gerade die Emilia-Romagna schwer zu gewinnen. Selbst nach 70 Jahren mit „roten“ Regionalregierungen gilt die Unterstützung des Großteils der Unternehmerschaft, auf diskrete und dennoch entschiedene Art, immer noch der bisher regierenden Partei, den Mitte-Links orientierten Demokraten, und ihrem bisherigen Regionalpräsidenten, dem 53 Jahre alten Berufspolitiker Stefano Bonaccini. Zwar gab es in früheren Jahrzehnten auch Klagen, doch heute klingt das Urteil positiv:

„Die Region ist längst nicht mehr so rot, sondern wird sozusagen sozialdemokratisch regiert. Und zwischen den Unternehmern und der gegenwärtigen Regierung gibt es ein vertrauensvolles Verhältnis“, sagt der Vorsitzende des Unternehmerverbandes Emilia-Romagna, Pietro Ferrari, dessen unternehmerische Aktivität sich nicht wie bei den Namensvettern um Autos, sondern um Industriebauten dreht. Die linken Regionalregierungen in der Emilia-Romagna seien ungeheuer pragmatisch gewesen, urteilt der Kommentator Antonio Polito vom „Corriere della Sera“: „Als in Rom die Kommunisten noch Russland als Vorbild hatten, bestand die linke Politik rund um Bologna schon aus vernünftiger Anwendung guter Regierungspraxis und sozialen Bündnissen zwischen Landwirten, Arbeitern und unternehmerischem Bürgertum.“

Sozialer Zusammenhalt und Rücksicht auf die Gemeinschaft

Die Emilia-Romagna ist die einzige „rote“ Region unter den drei reichen Flächenregionen, die den Motor der italienischen Wirtschaft darstellen: Am Nordufer des Flusses Po beginnt das von der Lega regierte Territorium, mit der Lombardei im Nordwesten, dem Veneto im Nordosten. Die drei Regionen haben dabei sehr unterschiedlichen Charakter. Mailand und die Lombardei erlebten früher als der Großteil Italiens eine tiefgreifende Industrialisierung. Aus der Sicht von Bologna zelebrieren sich noch heute die lombardischen Unternehmer „zu sehr auf einem Thron“. Das Veneto im Nordosten ist dagegen in siebzig Jahren aufgestiegen vom Armenhaus zur Wohlstandsregion. Dort ist den Unternehmen immer noch der Stolz auf die Karriere als „Selfmademen“ anzumerken, gepaart mit einem kleinen Schuss Anarchie.

Die Emilia Romagna beschreibt Unternehmerpräsident Ferrari als eine Region, „in der es ein besseres Verhältnis und mehr Vertrauen zwischen Unternehmern und Mitarbeitern gibt“. Sozialer Zusammenhalt oder Rücksicht auf die Gemeinschaft sind Begriffe, die in der Welt der Unternehmer rund um Bologna gern benutzt werden. Giuseppe Lesce, Vorsitzender von Federmacchine, dem Dachverband der italienischen Maschinenbauer, arbeitet selbst als Direktor in einem Unternehmen, das es so nur in der Emilia-Romagna gibt: Der Maschinenbauer Sacmi, 2018 mit 1,4 Milliarden Euro Umsatz und 4500 Mitarbeitern, ist seit 100 Jahren eine Kooperative. Die Gegensätze zwischen Unternehmenspatron und Gewerkschaften, etwa bei Verhandlungen für Überstunden, gebe es bei Sacmi einfach nicht. In der Unternehmenszentrale in Imola mit 1100 Mitarbeitern seien die 400 Teilhaber über alle Abteilungen und Tätigkeiten verteilt, „und die reißen das ganze Unternehmen mit“.

„Food Valley“ rund um Parma

Stolz verzeichnet die Firmengeschichte die Einführung einer Kantine 1960, eines zusätzlichen Gesundheitschecks für die Mitarbeiter 1971 und einer Lebensversicherung 1980. Dem Erfolg stand das nicht im Wege. Sacmi rechnet sich einen Weltmarktanteil von 90 Prozent bei der Fertigung von Maschinen für die Herstellung von Kronkorken zu. Erfolgreich ist man auch mit Maschinen für Schraubverschlüsse aus Plastik sowie mit Anlagen zur Herstellung von Fliesen, etwa Pressen mit 8000 Tonnen Druck oder aber Wälzanlagen, die auch Platten von fünf Quadratmetern an künstlichen Marmor an einem Stück herstellen können. Gegründet wurde die Fabrik 1919 von neun Schmieden, die zunächst Hoftore produzierten, dann einfache Sortieranlagen für Zitrusfrüchte.

Die Landwirtschaft, sowohl mit den Produkten, aber auch als Vermögensgrundlage, steht oft an den Ursprüngen der Unternehmensgründungen. Auch Ferruccio Lamborghini baute Traktoren lange bevor er seine Sportwagenfirma gründete. Heute liefert das „Food Valley“ mit dem Zentrum rund um Parma und Reggio Emilia viele Nahrungsmittelspezialitäten, angefangen mit Parmaschinken und „Parmigiano Reggiano“-Käse, die wiederum eine international erfolgreiche Sparte für Verpackungsmaschinen entstehen ließ. Mit einem Gesamtumsatz von 7,9 Milliarden Euro hätten die Italiener 2018 die deutsche Konkurrenz knapp übertroffen, berichtet Luca Baraldi, Chefvolkswirt des Branchenverbandes Ucima. Über die Krise hinweg hat die Branche ihren Umsatz seit 2000 verdreifacht. Die Zeiten mit zweistelligen Zuwachsraten seien aber vorerst vorbei.

„Akt der Verzweiflung“ in Rom?

Ausgerechnet vor der Regionalwahl hat die römische Regierungskoalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und Demokraten für Aufruhr in der Verpackungsbranche gesorgt. Denn mit dem Vorwand der Umweltfreundlichkeit wurde im Haushalt 2020 eine Sondersteuer von 1 Euro je Kilogramm Plastik beschlossen, nur um nachher festzustellen, dass die demokratische Emilia-Romagna als Hochburg der Verpackungsindustrie davon besonders betroffen sei. Paolo Gambuli, Geschäftsführer des Branchenverbands Ucima, findet, damit habe sich die römische Regierung selbst in den Fuß geschossen. Die Plastiksteuer wurde dann halbiert und sie startet nun erst im Juli. Doch es gibt weiter Kopfschütteln über diese neue Steuer als „Akt der Verzweiflung“ in Rom. Mit einer Exportquote von 80 Prozent seien die Hersteller von Verpackungsmaschinen zwar nicht anfällig für Schwankungen auf dem italienischen Markt. Mancher Kunde in Italien habe seine Investitionen aber erst einmal verschoben.

Die Ingredienzien für den wirtschaftlichen Erfolg der Emilia-Romagna sind sehr vielfältig, meint Alessandra Lanza vom Bologneser Wirtschaftsinstitut und Beratungsunternehmen Prometeia: die Vielfalt der Wirtschaftszweige, die Spezialisierung der Unternehmen sowie die Entwicklung lokaler Lieferketten, daneben auch die gute Grundversorgung mit öffentlichen Dienstleistungen etwa im Gesundheitswesen. Zugleich warnt Prometeia vor einer Politik des „Weiter so“. Die Region gehöre zu den am meisten überalterten in Italien. Um weiter genügend qualifizierte Arbeitskräfte zu haben, müsse die Berufsausbildung verbessert werden.

Für junge Italiener ist zwar gerade Bologna eine attraktive Universität, dennoch registriert man Abwanderung von Hochqualifizierten ins Ausland, und viel zu wenige Studenten in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern. Schließlich urteilt Alessandra Lanza, große Teile der Emilia-Romagna mit ihrem Schwerpunkt auf Mechanik und Maschinenbau seien noch zu weit entfernt von der intelligenten Vernetzung der Unternehmen, wie sie in Deutschland mit „Industrie 4.0“ propagiert wurde. Das Resümee klingt dennoch hoffnungsvoll: „Diese Region hat alle Ingredienzien, um sich auch in Zukunft zu behaupten, es wäre schade, sie zu verschwenden.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Piller, Tobias
Tobias Piller
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland mit Sitz in Rom.
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