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Leere Skigebiete in Österreich

„Als ginge es nur ums Geld“

Von Michaela Seiser
09.02.2021
, 21:48
Busse in Tirol warten auf Touristen. Bild: AFP
Die Saison ist für die österreichischen Skigebiete gelaufen. Hoteliers und Betreibern jagen die leeren Pisten Angst ein. Manche haben schon aufgegeben.
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Jakob Platzer beobachtet seinen Vater dieser Tage sorgenvoll. Der Senior räumt Weine von einer Ecke in die andere. „Er kann nicht anders“, sagt sein Sohn. Die Familie betreibt das gleichnamige Viersternehotel in Gerlos im Zillertal. Sein Vater hätte zum 54. Mal eine Wintersaison erlebt. Jetzt beschäftigen den Hotelier Existenzfragen rund um sein Lebenswerk. Der alte Mann erinnert sich noch an seine ärmliche Kindheit. Der Familienbetrieb in dritter Generation mit fast drei Dutzend Zimmern steht derzeit still.

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Normalerweise sind die Unterkünfte ausgelastet. Viele Stammgäste aus Deutschland und den Niederlanden konnten nicht anreisen. So ruhig, fast gespenstisch still, ist es in dem beliebten Skiort nie um diese Zeit. Österreichs Hoteliers dürfen nicht aufsperren. Für sie hat die Saison trotz erheblicher Anstrengungen nicht begonnen. Denn seit November unterliegt Österreichs Tourismuswirtschaft strengen Beschränkungen. Normalerweise erwirtschaftet die Familie viereinhalb Millionen Euro Umsatz im Jahr. Seit Ausbruch der Pandemie in der vergangenen Wintersaison wurde viel in Sicherheit investiert. Trotzdem bleiben die Betriebe geschlossen.

Um eine Ausbreitung der in Südafrika nachgewiesenen Virusvariante zu unterbinden, versucht die österreichische Bundesregierung aus ÖVP und Grünen Tirol zu isolieren. Aus dem Bundesland sei vom kommenden Freitag an für zehn Tage eine Ausreise nur noch mit negativem Corona-Test möglich, sagte Kanzler Sebastian Kurz am Dienstag in Wien. Die Benutzung von Seilbahnen wird nur noch mit negativem Antigen-Test erlaubt. Die Einhaltung der Covid-19-Schutzmaßnahmen wird nun strenger überwacht – das betrifft Ausgangsbeschränkungen, Abstands- und Maskenpflicht und auch die Überprüfung von Zweitwohnsitzen.

„Für uns hat die Krise mit der Wintersaison erst richtig eingeschlagen“, sagt Platzer. Diese betrifft auch die Handwerker der Region. Noch ein halbes Jahr gibt es für sie Aufträge aus dem Investitionsstau heraus. Und was ist dann? Das 800-Seelen-Dorf lebt vom Tourismus und beherbergt in seuchenfreien Zeiten im Winter 5.000 Menschen täglich.

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„Wir werden dargestellt, als ginge es nur ums Geld.“

Neben dem Hotel ist der Übungshang für den Nachwuchs. „Michi’s Schischule“ hat sich neben mehreren anderen Anbietern in Gerlos als Platzhirsch etabliert und ist eine der größten in Tirol. Vor der Pandemie beschäftigte sie in der Saison 150 Skilehrer, davon mehr als die Hälfte als Stammpersonal. In diesem Jahr sind es ein halbes Dutzend, wie Betreiber Michael Staudacher traurig einräumt. Ohne Beherbergung für Gäste gibt es für ihn keine Perspektiven. Er spricht mit Verbitterung davon, dass man gut vorbereitet in die Saison gegangen sei. „Wir werden dargestellt, als ginge es nur ums Geld. Wir sind auch Gastgeber, sorgen für Entspannung und Unterhaltung. Bereiten den Gästen schöne Stunden und Erinnerungen.“

Der Tourismus ist für Österreichs Wohlstand enorm wichtig. Investiert hat Staudacher 50.000 Euro für Sicherheit. Dafür wurden Tausende schicke Schlauchtücher beschafft. Nun herrscht jedoch FFP2-Maskenpflicht. Vergebene Liebesmüh, wie es Staudacher, der auch die Fremdenverkehrswirtschaft der Region vertritt, ausdrückt: „Langsam fühlen wir uns verarscht. Wir sind mittlerweile alle Corona-Beauftragte geworden.“ Die Liftgesellschaft hat ihre Gastrobetriebe freiwillig einem Präventionskonzept des TÜV unterworfen. Auch gibt es eine rasche Möglichkeit zum Testen beim örtlichen Arzt Arnold Stöckl. In dessen Praxis steht jetzt ein Gerät für 25.000 Euro, mit dem sich die Bevölkerung und Gäste unkompliziert einem PCR-Test unterziehen können.

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Einheimische müssen umdenken

Stöckl behandelt normalerweise zwei Dutzend verletzte Alpinsportler am Tag. Jetzt besteht seine Hauptaufgabe darin, zu testen. Mehr Zeit als sonst hat auch Daniel Schweigert. Normalerweise hat der gelernte Elektriker als Skilehrer und Musiker genug zu tun. Mit seiner Band „Grenzgängersound“ kommt er im Jahr auf 200 Auftritte, darunter zahlreiche im benachbarten Ausland – auch beim Oktoberfest in München. Das gab ein gutes Zubrot. Jetzt ist seine Partymusik nicht gefragt. Schweigert, der neun Instrumente spielt, muss jetzt zu Hause musizieren. Wann er wieder aufspielen kann, ist ungewiss.

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Normalerweise kommt fast eine halbe Million Urlauber im Winter nach Gerlos und im Sommer beinahe eine Viertelmillion. Jetzt sind die Straßen leer und die frisch beschneiten Hänge kaum befahren. Der Ort und die umliegenden Berge gehören praktisch den Einheimischen, was diese jedoch ängstigt. Nicht alle Seilbahnen sind ständig geöffnet. Zahlreiche rot- und blaulackierte Skibusse stehen auf dem Parkplatz im Ort. Deren Betreiberin hat das Handtuch geworfen. Jetzt überlegt die Bergbahngesellschaft eine Fortführung. Doch auch für sie passiert das unter ungünstigen Vorzeichen. Normalerweise werden in der Saison 15 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet. Bisher bilanziert Prokurist Hubert Stöckl mit einem Erlösminus von 93 Prozent.

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„Wir haben so hart gearbeitet, um Stammgäste zu haben“, betont Staudacher. „Jetzt haben wir Angst, einen Imageschaden zu erleiden“. Schließlich wurde Tirol in den zurückliegenden Monaten immer wieder wegen eines zu legeren Umgangs mit der Pandemie gebrandmarkt und ist mit Reisewarnungen konfrontiert. „Wir müssen um Hilfen kämpfen, um zu überleben.“

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Zwar sind alle Beteiligten froh, dass es staatliche Hilfen gibt. Doch decken diese oftmals nur 10 bis 15 Prozent des entgangenen Vorjahresumsatzes ab. „Es ist besser als nichts“, sagt der Hotelier Platzer. Aber wenn man nicht Rücklagen hätte, wäre es zu wenig. Und viele Betriebe hätten zu wenig davon. Ebenso die intensiv beanspruchte Kurzarbeit im Land sehen Unternehmer skeptisch: Es würden sich noch viele wundern, was das kostet, glaubt der Vertreter der Seilbahngesellschaft Hubert Stöckl. Gemessen an der Arbeitsleistung seien die Kosten für den Arbeitgeber doppelt so hoch wie vorher.

Einig sind sich alle, dass die Saison gelaufen ist. Selbst wenn die Beherbergungsbranche im März wieder aufsperren dürfte, ist unklar, wer die Unterkünfte füllen soll angesichts der Reisewarnungen in Deutschland und den Niederlanden. Politiker trügen keine finanzielle Verantwortung und wüssten nicht, welchen Flurschaden sie auslösten. Jedes geöffnete Land macht es besser, findet Staudacher und schielt in die Schweiz.

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Platzer gefällt der schwedische liberale Weg. Franz Hörl, Hotelier in Gerlos und Branchensprecher der österreichischen Seilbahnwirtschaft, zweifelt ebenso an der Verhältnismäßigkeit der Mittel im Kampf gegen die Pandemie. Zwar ärgert er sich über schwarze Schafe. Doch empört ihn ebenso, dass über ihn in sozialen Medien Gerüchte über einen angeblichen Aufenthalt in Südafrika vor kurzem und die vermeintliche Teilnahme an einer Silvesterparty gestreut wurden. Er weist derlei Anwürfe zurück. Im Hinblick auf die zukünftige Gestaltung von Wintertourismus sagt er: „Das wird nicht spurlos vorbeigehen.“ Er meint damit den Umgang mit Après-Ski. Die Halli-Galli-Bar ist verwaist wie alles in Gerlos. Das sorglose Treiben, das dort einst geherrscht hat, wird es nicht mehr geben.

Quelle: F.A.Z.
Michaela Seiser
Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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