Phänomen „Shareconomy“

Geteiltes Glück als gutes Geschäft

Von Melanie Mühl
22.10.2013
, 10:31
Im Netz ist das Teilen von Kleidern, Büchern und Wohnungen leicht geworden. „Shareconomy“ boomt und ruft allseits große Begeisterung hervor. Doch es geht auch um Profit.

Es gibt Phänomene, die irgendwann offenbar jeder bejubelt. Die „Shareconomy“ ist so ein Phänomen. Evgeny Morozov stellte dazu unlängst in der „Financial Times“ ein interessantes Gedankenexperiment an: Er forderte seine Leser auf, sich vorzustellen, dass ihre kleine Buchhandlung gerade bankrottgegangen sei, weil sie gegen Amazon einfach keine Chance hatte. Doch es bestehe, so Morozov zynisch, kein Grund zur Sorge, das Silicon Valley sei Zerstörer und Tröster in einem - indem es dem Buchhändler gleich ein Anschlussgeschäft biete: „Sie können Ihre Wohnung vermieten, über Airbnb. Jeff Bezos, Amazon-Chef gewinnt so oder so: Er ist ein Investor von Airbnb.“

Airbnb ist ein Zimmervermittlungsservice, der mehr als 350 000 Gästezimmer in 192 Ländern anbietet. Von Privatpersonen selbstverständlich, die die eingenommene Miete wohl nur in den seltensten Fällen versteuern und außerdem keine Sicherheitsauflagen erfüllen müssen, wie etwa Hotels. Konkurrenz machen sie diesen trotzdem. Damit greifen sie gravierend in den Wirtschaftskreislauf ein.

Ähnliche Beispiele gibt es unzählige, und jeden Tag kommen neue hinzu. In der Regel rufen sie unreflektierte Begeisterung hervor, als wären die Tauscherei und Teilerei weitere Geschenke des Internetzeitalters, als hätte die Secondhandidee von Ebay tatsächlich gegen das Neuwarengeschäft gesiegt. Nur: Das ist Unsinn. Der einfache Vorgang des Verleihens und Teilens galt einmal als Freundschaftsbeweis. Man vertraute einer anderen Person etwas an, das einem selbst am Herzen lag, ein Buch, ein Kleidungsstück, eine Schallplatte, was auch immer. Man freute sich über die Freude des anderen, erwartete aber, den verliehenen Gegenstand auch unbeschadet zurückzuerhalten.

In einer Welt ständiger Verfügbarkeitsversprechungen sind Teilen und Tauschen in erster Linie ökonomisch motivierte Vorgänge, auch wenn davon selten die Rede ist, wenn es ums Sharing geht. Dessen Befürworter verschanzen sich lieber hinter dem umweltschonenden, weil ressourcenschützenden und sozialen Pseudoaspekt der Tausch- und Teilbewegung. Menschen vernetzen sich, rücken zusammen, teilen, anstatt zu besitzen, da sich teilen moralisch viel besser anfühlt. In diesem Jahr stand die Cebit passenderweise unter dem Leitgedanken „Shareconomy“.

Das gute Gefühl

Unbestritten bringt die Sharing-Kultur, an die wir uns durch das Internet gewöhnt haben, auf den ersten Blick ein paar Annehmlichkeiten mit sich. Nehmen wir zum Beispiel das sogenannte Carsharing. Das amerikanische Carsharing-Unternehmen Zipcar kam bei einer Umfrage im Februar dieses Jahres zu dem Ergebnis, dass eine Mehrheit der unter Fünfunddreißigjährigen lieber auf das Auto als auf das Smartphone verzichten würde. Auch hierzulande schauen einen Jugendliche irritiert an, wenn man ihnen erzählt, dass ein Auto einst als Statussymbol galt, für dessen Besitz viele Menschen bereit waren, auf vieles zu verzichten.

Carsharing ist selbstverständlich nicht neu. Es ist nichts anderes als die kleinere, günstigere und smartphonefreundlichere Variante von Firmen wie Sixt oder Avis. Auch bei den großen Autovermietungsunternehmen teilen sich Menschen ein Auto mit anderen Menschen und bezahlen dafür. Bislang kam nur noch niemand auf die Idee, dieses Geschäftsmodell umweltfreundlich zu nennen.

Betrachtet man die Sharing-Kultur also einmal fernab von dem Ressourcenschongerede und der ganzen „Wohlfühl-Utopie“, wie Morozov das nennt, dann kommt man ziemlich schnell zu dem Ergebnis, dass es sich um eine gigantische Bedürfnisbefriedigungsmaschine handelt. Der Einzelne ist innerhalb dieses Systems erst einmal auf seinen eigenen Vorteil bedacht, wogegen gar nichts einzuwenden ist. Er will Geld sparen oder Zeit oder beides. Manchmal will er sich auch einfach einen Wunsch erfüllen, der innerhalb seines finanziellen Spielraums bislang nicht vorgesehen war. So hat zum Beispiel das sogenannte „Gastfreundschaftsnetzwerk“ couchsurfing, mit dessen Hilfe sich Reisende auf der Couch fremder Leute niederlassen können, den Erlebnisradius vieler Menschen beträchtlich erweitert.

In welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt, lässt sich immer auch an ihrem Jargon ablesen. Manche Ausdrücke verschwinden aus der Umgangssprache, neue kommen hinzu. In Hinblick aufs Wohnen begegnen einem in letzter Zeit beispielsweise häufiger Begriffe wie „Collaborative Living“, „Conceptual Living“ (Möbel als flexibles Element) oder „floating rooms“. Sie alle haben eines gemein: Sie beschwören die Metamorphose als Dauerzustand. Wir arbeiten, lieben und wohnen auf Zeit. Den Lebensrahmen durch materielle Besitztümer abzustecken läuft dem Vorläufigkeitshype zuwider und erscheint deshalb unzeitgemäß. Sich festzulegen ist unmodern geworden. Wer weiß heute schon, worauf er morgen Lust hat? Oder eben keine mehr. Der Vorläufigkeitsgrundton der Sharing-Kultur ist genau derselbe. Deshalb wird sie so enthusiastisch beklatscht.

Lass deine Bücher frei

Alles lässt sich schließlich teilen. Bohrmaschinen. Essen. Autos. Kleidung. Haustiere. Oder Bücher. Auf der Website von „bookcrossing“ steht: „Sperr Deine Bücher nicht ein - lies sie und dann lass sie frei! Lass Dein registriertes und gekennzeichnetes Buch liegen - an einem Sommertag auf einer Parkbank, in einem Bahnhof, auf dem Tisch in Deinem Lieblingscafé - irgendwo, wo es von einem anderen erfreuten Leser gefunden werden kann.“ Falls kein Leser es findet, findet es vielleicht die Müllabfuhr.

Dass die vermeintlichen Konsumverweigerer einander gern auf die Schultern klopfen und ihre Besitzmüdigkeit gegenseitig loben, ist naiv. Durch die neuen Möglichkeiten wurden nur neue Bedürfnisse geschaffen und tief verankert. Sharing bedeutet nicht zwangsläufig weniger Konsum, es verändert nur die Art des Konsums. Genaugenommen befeuert es sogar die Lust darauf.

Seit vergangenem Jahr bieten die Mainzer Verkehrsbetriebe ein Fahrradvermietsystem an, das mehrere hundert Räder bereithält und den Mobilitätsspielraum der Bevölkerung erweitern soll. Solche Möglichkeiten existieren mittlerweile in vielen Städten weltweit, selbst in solchen, bei denen man nicht sofort auf die Idee kommen würde, sie eigneten sich als Fahrradstadt, wie etwa New York. Es ist noch nicht lange her, da verübten Unbekannte einen Anschlag auf „MeinRad“. Sie zerstörten den Schließmechanismus von zwölf Stationen und stahlen 26 Mieträder. Der Sachschaden lag bei mindestens 17 000 Euro. „Sollte die Sachbeschädigung in diesem Umfang weitergehen“, teilten die Verkehrsbetriebe mit, sei es möglich, dass die MVG den Betrieb des Fahrradvermietsystems reduzieren oder im Extremfall in Frage stellen müsse. Noch härter hat es das Pariser Pendant Paris Vélib im vergangenen Jahr getroffen: Etwa neuntausend Räder wurden beschädigt beziehungsweise gestohlen. Sein Fahrradangebot baut das Unternehmen im Moment nicht weiter aus.

Die „Shareconomy“ funktioniert nur so lange gut, solange der Einzelne für die Dinge, die er auf Zeit benutzt, Verantwortung übernimmt, sei es für ein Fahrrad, das nicht ihm gehört, oder für eine Bohrmaschine. Doch die Anonymität der Masse fördert offenbar die Asozialität Einzelner. Die Sozialität unter Fremden ist eine andere als unter Freunden. Das ist der größte Haken der Sharing-Kultur. So gesehen, liegt die wahre Beschränkung gerade im Besitz. Dessen Wert ist einem bewusst, weshalb man naturgemäß sorgfältig mit seinen Besitztümern umgeht.

Fest steht, dass Firmen wie Airbnb wie jedes andere Unternehmen auch Geld verdienen möchten. Jedenfalls, so Morozov, seien sie trotz aller Rhetorik nicht daran interessiert, die Weltwirtschaft dahingehend zu verändern, dass die Lebensqualität steigt. Am Ende ist eben auch Teilen ein Geschäft.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Melanie Mühl / Juli 2018
Melanie Mühl
Redakteurin im Feuilleton.
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