Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Anzeige
Pipelines und LNG

Das Erdgas droht Europa zu entzweien

Von Niklas Záboji und Christian Geinitz, Wien
 - 19:04
Auf diesem Rohr für die Pipeline „Nord Stream 2“ steht nicht umsonst groß „Russland“. Bild: dpa

Die Energiepolitik wird immer mehr zum weiteren Spaltpilz für die EU. Das wurde am Dienstag in Bukarest auf dem Treffen der Drei-Meere-Initiative von zwölf osteuropäischen Staaten deutlich. Mitglieder wie Polen und die Ukraine bekräftigten ihre Kritik am Bau der Ostseepipeline „Nord Stream 2“ zwischen Russland und Deutschland: So fielen ihre Transitgebühren weg und stiege die Erpressbarkeit durch Moskau.

Anzeige

Einige südosteuropäische Regierungen stießen ins selbe Horn. Sie seien im Zuge der Russland-Sanktionen gezwungen worden, das Alternativprojekt „South Stream“ aufzugeben. Darin zeige sich die „Doppelzüngigkeit“ Westeuropas. Der deutsche Außenminister Heiko Maas (SPD) bemühte sich sodann, diese Bedenken zerstreuen: Nord Stream 2 sei ein wirtschaftliches Projekt, politische Folgen versuche man im Dialog abzumildern. Für den ebenfalls anwesenden amerikanischen Energieminister Rick Perry bot sich ein Anlass, mit den eigenen energiepolitischen Interessen den innereuropäischen Streit zu befeuern. Mit Besorgnis registriere man die wachsende Abhängigkeit Osteuropas von russischem Erdgas. Eine „aggressive Haltung“ lege Moskau beim Ausbau seiner Energielieferungen vor, sagte Perry unter Beifall aus Polen. Deshalb müssten alternative Versorgungswege aufgebaut werden, allen voran Flüssiggaslieferungen (LNG) aus Amerika.

Merkel und Putin in Sotschi
Miteinander reden sei absolut wichtig

Steigende Gaspreise erwartet

Bislang ist das mehr Wunsch als Wirklichkeit. Mit 2,8 Milliarden Kubikmeter liegt der amerikanische Anteil am europäischen Gasverbrauch gegenwärtig unter 1 Prozent. Denn das in Containern verschiffte LNG ist bislang kaum konkurrenzfähig mit Pipelinegas aus Ländern wie Russland und Norwegen. In Deutschland decken diese beiden Ländern zusammen mit den Niederlanden den Gasverbrauch, der sich auf rund 100 Milliarden Kubikmeter im Jahr beläuft, zu mehr als 90 Prozent.

Doch nicht alle Länder in Europa haben eine derart gute Pipelineversorgung und dennoch wegen der Abkehr von Erdöl, Atomkraft und Kohle einen steigenden Erdgasbedarf; in der gesamten EU werden im Jahr annähernd 500 Milliarden Kubikmeter verbraucht. Zudem gehen die niederländischen Quellen schon in wenigen Jahren zuneige.

Anzeige

Einige Branchenvertreter erwarten mittelfristig also stark steigende Gaspreise – und damit große Chancen für LNG. Im Zuge dessen gab das deutsche Energieunternehmen Uniper nun bekannt, den Bau eines ersten deutschen LNG-Terminals am Standort Wilhelmshaven voranzutreiben, nachdem RWE vorige Woche ähnliche Pläne für Brunsbüttel angekündigt hatte.

Vervierfachte Liefermengen

Man erwarte mittelfristig steigende Gaspreise in Europa und eine Angleichung an das höhere, asiatische Niveau, sagte ein Uniper-Sprecher der F.A.Z. Das mache die Investition im Verbund mit Partnerunternehmen aus Qatar, dem global größten Exporteur von LNG, lohnenswert.

Welche Rolle dabei Finanzhilfen der EU-Kommission spielen, ließ Uniper offen. Sie fördert den Bau von LNG-Terminals derzeit in Höhe mit 640 Millionen Euro, etwa im polnischen Swinemünde. Das folgt einer zwischen dem amerikanischen Präsidenten Donald Trump und Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker im Juli ausgehandelten Vereinbarung, mithilfe derer der transatlantische Handelsstreit vorerst ad acta gelegt wurde. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) macht sich inzwischen für LNG als Mittel zur Diversifizierung und Erhöhung der Versorgungssicherheit stark.

Ob die Rechnung mit amerikanischem LNG wirklich aufgeht, ist allerdings völlig offen. Zwar steht das Land bei der Erdförderung dank Fracking mittlerweile weltweit an der Spitze (siehe Grafik), sodass die von der EU-Kommission erwartete Vervierfachung der amerikanischen Lieferkapazitäten bis 2023 nicht abwegig erscheint.

Doch spricht das norwegische Energieministerium davon, bislang erst ein Drittel der Erdgasvorräte gefördert zu haben und wird die für Ende des kommenden Jahres geplante Fertigstellung von Nord Stream 2 die russischen Liefermengen auf rund 100 Milliarden Kubikmeter verdoppeln – zumal Russland mit Abstand auf dem größten Erdgasschatz der Welt sitzt. Das Kölner Forschungsinstitut Ewi ER&S etwa erwartet deshalb sinkende, nicht steigende Gaspreise in Europa.

Quelle: FAZ.NET
Niklas Záboji
Redakteur in der Wirtschaft.
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.
  Zur Startseite
Anzeige