Finanzdienstleister

Die Göttinger Gruppe gibt auf

Von Joachim Jahn
09.06.2007
, 13:22
Zahlungsunfähig: Göttinger Gruppe
Der Finanzkonzern Göttinger Gruppe ist zahlungsunfähig. Die Hauptgesellschaft Securenta AG stellte einen Insolvenzantrag. Nun stellt sich die Frage: Ist das Geld von 100.000 Anlegern weg?
ANZEIGE

Der Finanzdienstleister Göttinger Gruppe scheint kaum noch zu retten zu sein. Das Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hat am Freitag einen vorläufigen Insolvenzverwalter eingesetzt, wie das Unternehmen am Nachmittag mitteilte. Dabei handele es sich um den Berliner Rechtsanwalt Rolf Rattunde von der Kanzlei Leonhardt Westhelle & Partner.

An Fronleichnam hatte schon das Amtsgericht Göttingen den Hamburger Steuerberater Peter Knöpfel von der Treugarant AG zum vorläufigen Insolvenzverwalter bestellt. Dieser Antrag aus Anlegerkreisen habe sich nunmehr „durch Rücknahme erledigt“, ließ die Göttinger Gruppe zudem erklären. Es fänden bereits erste Gespräche zur „Aufarbeitung der komplexen Vorgänge“ in der neuen Unternehmenszentrale in Berlin-Dahlem statt.

Unter Kontrolle

ANZEIGE

Damit darf das Unternehmen nur noch mit Zustimmung des Verwalters Geld auszahlen, Vermögenswerte verkaufen oder Forderungen einziehen. 100 000 Anlegern droht ein Schaden von womöglich insgesamt einer Milliarde Euro. Dies wäre einer der größten Anlageskandale der deutschen Nachkriegsgeschichte. Der Finanzkonzern konnte rund 20 Jahre lang Geld einsammeln, obwohl er durch Strafverfahren, Gerichtsurteile und Behördenverfügungen immer wieder ins Zwielicht geriet.

Das Insolvenzgericht muss in den kommenden Wochen prüfen, ob überhaupt genug Insolvenzmasse vorhanden ist, um ein förmliches Insolvenzverfahren zu eröffnen. Auch könnte die Securenta AG – die wichtigste Gesellschaft des Finanzkonzerns – theoretisch noch den Bonner Anleger auszahlen, der das Verfahren wegen seines Anspruchs auf 17 000 Euro beantragt hatte. Wahrscheinlich ist das angesichts der rund 200 Vollstreckungshaftbefehle, die das Gericht in jüngster Zeit schon gegen die beiden Vorstände Jürgen Rinnewitz und Mariana Götz erlassen hat (F.A.Z. vom 5. Juni), aber nicht.

ANZEIGE

Freistellung beantragen

„Die Schuldner der Antragsgegnerin (der Göttinger Gruppe – die Redaktion) werden aufgefordert, nur noch unter Beachtung dieser Anordnung zu leisten“, heißt es in der Verfügung des Göttinger Insolvenzrichters, mit der das Vermögen der Securenta eingefroren wurde (Az.: 74 IN 222/07). Sie dürfen also etwaige Zahlungen an die Firma nicht an deren offiziellem Konto, das der Insolvenzverwalter unter Kontrolle hat, vorbeifließen lassen. Der Göttinger Rechtsanwalt Jürgen Machunsky schätzt, dass noch immer rund 10 000 der insgesamt 100 000 Anleger regelmäßig die verabredeten Geldbeträge an die Göttinger Gruppe überweisen.

„Sie sollten jetzt sofort beim Unternehmen oder beim Insolvenzverwalter eine Beitragsfreistellung beantragen“, sagte Machunsky am Freitag dieser Zeitung. Sonst bestehe die Gefahr, dass der Verwalter die ausstehenden Raten bei den Kunden des Finanzkonzerns im Laufe des wohl jahrelangen Insolvenzverfahrens zwangsweise eintreibe. Doch es könnte noch schlimmer kommen: „Man kann nur hoffen, dass keine Nachschusspflichten auf die Investoren zukommen“, erläuterte Machunsky. Denn die Geldanlage bei dem Finanzdienstleister war als atypische stille Beteiligung ausgestaltet. In diesem Fall tragen Kunden neben der Gewinnchance häufig auch das unternehmerische Risiko eines Verlustes. Einem Teil der Anleger sei noch rechtzeitig der Ausstieg durch einen außergerichtlichen Vergleich oder durch gerichtliche Titel gelungen.

ANZEIGE

Leere Gebäude

Damit ist es nach Machunskys Schilderungen allerdings mittlerweile vorbei. „Das Geld kam nur noch über Treuhänder, die immer wieder gewechselt haben, damit wir nicht schnell deren Konten pfänden konnten“, sagt der Göttinger Advokat. Mittlerweile sei wohl kaum noch etwas zu holen: In der Firmenzentrale laufe nur noch ein Anrufbeantworter, und das Gebäude – Machunsky zufolge „eine prachtvolle Villa in bester Lage mit viel Pomp, den sich heute kaum noch jemand leisten mag“ – stehe schon leer.

Ein geplantes Schulungszentrum im Gewerbegebiet sei aus Finanzmangel eine Bauruine geblieben, die wohl in der Zwangsverwaltung ebenfalls kaum Kaufinteressenten finden werde. Die Versicherungsgesellschaft Gutingia sei längst verkauft. Machunsky warnt davor, dass sich sicher wieder Anwaltskanzleien finden würden, die erfolglose Musterklagen wegen Staatshaftung oder gegen die Vorstandsmitglieder persönlich einreichen würden.

Neues Strafverfahren

„Untergetaucht sind die Vorstände durchaus nicht“, hat Machunsky in der niedersächsischen Stadt beobachtet. „Die Familien leben noch hier, und die Kriminalpolizei steht auch nicht vor der Tür.“ Denn die Vollstreckungshaftbefehle dienten nur der Abnahme einer „eidesstattlichen Versicherung“ über die aktuellen Vermögensverhältnisse, erläutert der Anwalt. „Doch die Millionen liegen auch bei denen zu Hause nicht gerade so herum“, sagt Machunsky ironisch. „Oder es ist zu gut versteckt.“ Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat derweil ein neues Strafverfahren wegen des Verdachts auf Betrug und Kapitalanlagebetrug eingeleitet.

Kommentar

Die Hoffnung für Anleger bei dem Göttinger Finanzdienstleister Securenta schrumpft gegen null. Seit dem Fronleichnamstag wacht ein vorläufiger Insolvenzverwalter über die Firmenkasse. Das hat nach einer ersten Initiative aus den Kreisen der Anleger nun die Göttinger Gruppe sogar selbst beantragt. Damit ist klar, dass sie diesmal nicht mehr wie bisher im letzten Moment genug Geld zusammenkratzen kann, um wenigstens pro forma den Geschäftsbetrieb aufrechtzuerhalten. Und nach allem, was über den Finanzkonzern ersichtlich ist, werden dort auch keine Reichtümer mehr zu holen sein. Damit droht den Investoren - meist Privatleuten, von denen viele auf diese Weise für ihr Lebensalter vorsorgen wollten - am Ende eine Insolvenzquote im einstelligen Prozentbereich. An der Größenordnung gemessen, würde sich der Fall dann in eine Reihe fügen mit Anlageskandalen wie jüngst bei Phoenix oder Leipzig-West. Ob dies auch für die strafrechtliche Seite gilt, wird die Staatsanwaltschaft herausfinden müssen. Große Erwartungen sind da aber wohl nicht angebracht: Jahrelange Ermittlungen und Gutachter haben da schon bisher wenig zutage fördern können. Sparern bleibt nur die bittere Erkenntnis, dass der „graue Kapitalmarkt“, den der Staat kaum überwacht, ein äußerst heikles Pflaster ist.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Kapitalanalge
Erzielen Sie bis zu 5% Rendite
Sprachkurse
Lernen Sie Englisch
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Projektmanagement
SUV
Premium-SUVs zum Gebrauchtwagenpreis
Baufinanzierung
Erhalten Sie Ihren Bauzins in 3 Minuten
ANZEIGE