Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Anzeige
Vom Advokaten zum Rechtskaufmann

Anwälte hatten schon immer Angst vor der „Anwaltsschwemme“

Von Joachim Jahn
 - 17:20

Wer sich deutsche Gerichtsshows oder amerikanische Fernsehkrimis ansieht, muss die fulminanten Auftritte eines Robenträgers vor Gericht für den Höhepunkt seines Anwaltslebens halten. Im Mittelalter war das noch genau umgekehrt: Als eigentlicher Kämpfer galt der „Produzent von Schriftsätzen“, wogegen das Auftreten in der Verhandlung als etwas „völlig Schnödes“ betrachtet wurde. So beschreibt der Freiburger Hochschullehrer Bernd Kannowski – zuvor Rechtsanwalt in Frankfurt – die Lage von Streithelfern im ausgehenden Mittelalter. Studierte Juristen gewannen die Oberhand; der „gemeine Vorsprecher“, der sich nur allgemein auf die Kunst rhetorisch geschickter Reden verstand, verlor an Bedeutung.

Anzeige

„Proletarisierung des Anwaltsstandes“

Welch ein Unterschied zu der heutigen Anwaltszunft, deren mehr als 150 000 Angehörige in Deutschland wahlweise als abgehobene „Paragraphenreiter“ oder als dem Kommerz verfallene „Rechtskaufleute“ gescholten werden. Der „Verein Moderne Anwaltsgeschichte“ hat jetzt den Wandel dieses Berufsstandes untersucht. Dabei verblüfft, wie konstant sich zugleich manche Themen durch die Historie der Anwaltsgilde ziehen. So sorgten sich die Rechtsvertreter schon in der Weimarer Republik um eine Überfüllung ihres Berufsstandes.

Die „Notlage der Anwaltschaft“ mit ihren damals rund 15 000 Mitgliedern beunruhigte etwa die Anwaltstage in den Jahren 1927 und 1929, wie der Mainzer Anwalt Tillmann Krach ausführt. Not verderbe den Charakter, warnten Redner; wer „faule Sachen“ übernehme, schade letztlich dem Ruf des gesamten Standes. Der wirtschaftliche Niedergang bedeute gar eine „Gefahr für die Volksgesamtheit“. Der Celler Anwalt Hodo Freiherr von Hodenberg – rund 20 Jahre später Präsident des dortigen Oberlandesgerichts – fürchtete einen „proletarisierten und radikalisierten Anwaltsstand“.

Anzeige

Weniger Abiturienten und schärfere Examina, vor allem aber eine mindestens zweijährige Wartezeit nach dem Assessorexamen sowie eine Beschränkung der Referendarsstellen sollten deshalb den Freiberuflern ihr Einkommen sichern. Auch über die Einführung von Erfolgshonoraren und Fachanwaltstiteln wurde schon damals lebhaft gestritten. Ein Numerus Clausus sollte – trotz des Grundprinzips der freien Advokatur nach dem Abstreifen der Fesseln des königlich-kaiserlichen Obrigkeitsstaates – der „Anwaltsschwemme“ entgegenwirken. Wobei ein Zeitgenosse schon 1928 darauf hinwies, dass zahlreiche Anwälte auch in Berliner Luxusbars oder in eleganten Autos auf dem Kurfürstendamm anzutreffen seien.

Gleichschaltung und Anpassung

Über „Gleichschaltung und Anpassung“ im Nationalsozialismus ist bei der Frankfurter Hochschullehrerin Barbara Dölemeyer zu lesen. Den Boden dafür sieht Dölemeyer allerdings durch die eigenen Rufe von großen Teilen der Anwaltschaft nach Zulassungsbeschränkungen bereitet. „Durch alle diese Diskussionen war bereits ein Klima geschaffen, in dem die Frage, wer bei ,Überfüllung‘ des Standes ausscheiden müsse, von den neuen Machthabern leicht in ihrem Sinne beeinflusst werden konnte.“ Starker Widerstand gegen die Ausschaltung von Juden, Frauen und politisch „Unzuverlässigen“ sei da nicht zu erwarten gewesen.

Akribisch beschreibt Dölemeyer, wie sich auch Anwaltsvereine und Anwaltskammern auf den Kurs der „Säuberung“ bringen ließen. „Nichtarier“ und Kommunisten wurden Schritt für Schritt aus dem Berufsleben ausgeschlossen, viele nach Pogromen in Konzentrationslager verschleppt. Nachgerade überzogen liest sich angesichts dessen der Satz Dölemeyers: „Unter den zahlreichen Diskriminierungen durch das NS-Regime waren die Maßnahmen gegen berufstätige Frauen, insbesondere Juristinnen, durch besondere Konsequenz und Härte gekennzeichnet.“

Zweimal Verdrängung statt Verführung

Ob die „Entnazifizierung“ nach 1945 wirklich einen Neuanfang brachte, untersucht der hannoversche Anwalt Hinrich Rüping. Der frühere Strafrechtslehrer hat zahlreiche Akten aus der britischen Besatzungszone durchgearbeitet. Rüping spricht von „deprimierenden Erkenntnissen“: Die personelle Kontinuität sei bemerkenswert gewesen. Was der Forscher als Begründungen für Mitgliedschaft oder Betätigung in NSDAP, SA oder SS vorgefunden hat, liest sich meist als bloße Ausrede. Statt des nach dem Krieg gern gezeichneten Bildes von einer „Verführung“ der Anwaltschaft durch die Nazis sieht Rüping eher eine spätere „Verdrängung“ am Werk. Dabei hat er durchaus Beispiele entdeckt, in denen einzelne Anwälte sich dem Regime entzogen – und dennoch nicht in Gefahr gerieten. So gelang einem Juristen, ohne Nachteile zu erleiden, der Austritt aus der SA, indem er sich unter Berufung auf sein Gewissen weigerte, eine Synagoge anzuzünden.

Mit Anwälten, die an Geheim- und Schauprozessen in der DDR mitgewirkt hatten, wurde nach dem Mauerfall Bernhard Dombek – damals Präsident der Berliner Anwaltskammer und später der Bundesrechtsanwaltskammer – konfrontiert. Sogar frühere Richter waren dabei, die unter dem SED-Regime „Republikflüchtlinge“ bestraft hatten und nach der Wende schnell in den Anwaltsberuf geflüchtet waren. Dank des Einigungsvertrags durften sie dort auch bleiben. Er kenne unter den früheren Ost-Anwälten „fast nur Gewinner der Einheit“, stellt Dombek fest.

Macht des Europarechts

Einige Autoren werfen überdies einen Blick auf Anwälte im Ausland und in internationalen Einrichtungen. Welche neuen Chancen das Europarecht Strafverteidigern bietet, verdeutlicht Christian Schröder, Strafrechtsprofessor an der Universität Halle. „Die Macht des Unionsrechts äußert sich darin, dass die Rechtsanwendung der Mitgliedstaaten gegen ein nach Unionsrecht statthaftes Verhalten keine strafrechtlichen Vorschriften ins Feld führen darf“, schreibt Schröder zur Verzahnung von Gemeinschaftsrecht und nationalem Strafrecht: „Diese scheinbar schlichte Feststellung hat es in sich.“

So schildert Schröder einen Fall, in dem der Bundesgerichtshof die Verurteilung eines Kreditvermittlers aufhob, der keine Umsatzsteuer abgeführt hatte. Denn eine EU-Richtlinie sah dafür eine Befreiung vor, auch wenn sie hierzulande noch nicht umgesetzt worden war. Der Wissenschaftler bedauert allerdings zugleich den Verlust an Rechtssicherheit, den das Vordringen des Europarechts mit sich gebracht habe. Schon jetzt gebe Deutschland im Zuge der Europäisierung schleichend rechtsstaatliche Grundsätze preis, beklagt er.

Deutscher Anwaltverein (Hg.), „Anwälte und ihre Geschichte“, Verlag Mohr Siebeck, Tübingen, 1242 Seiten, 2011, 144 Euro.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDeutschlandMittelalter
Anzeige