Schwund in den Alpen

Die Russen fahren jetzt lieber zu Hause Ski

Von Christian Geinitz, Wien und Johannes Ritter, Zürich
07.12.2014
, 11:03
Wenn denn St. Moritz, diese kleine kalte Metropole des Konsums, überhaupt eine Seele haben sollte, dann läge sie wohl in „Badrutt’s Palace“.
Der Wintersport ist eine touristische Erfolgsgeschichte. Doch der Rubelverfall und die russische Propaganda führen dazu, dass die Russen zu Hause Ski fahren gehen. Das trifft besonders die österreichischen und schweizerischen Skiorte.

Am Samstag stieg in St. Moritz die ganz große Party. In dem Ort im schweizerischen Engadin ist vor 150 Jahren der Wintersport erfunden worden. Das zumindest behaupten sie dort. Keiner weiß genau, ob das wirklich so stimmt. Aber der Legende nach hat der Hotelier Johannes Badrutt 1864 erstmals englische Gäste, die bis dahin nur im Sommer in die Berge kamen, für einen Winterurlaub in seine Herberge gelockt. Das war der Beginn einer touristischen Erfolgsgeschichte, die einst ärmliche Bergregionen in blühende Wohlstandsoasen verwandelte.

Grund genug also, ordentlich zu feiern. Der Höhepunkt in der von Willy Bogner präsentierten Jubiläums-Show im Zentrum von St. Moritz war am Samstagabend das Open-Air-Konzert des Soul-Sängers Xavier Naidoo. Warum die Veranstalter aus dem lokalen Standort-Marketing ausgerechnet den Sohn Mannheims, also einer Stadt aus den tiefsten Niederungen der rheinischen Tiefebene, in die hohen Berge gelotst haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Aber für Auftrieb wird der bekannte Musiker schon gesorgt haben. Und den kann St. Moritz gut gebrauchen. Der mondäne und zugleich merkwürdig gesichtslose Skiort, der einst zu den wichtigsten Treffpunkten des internationalen Jetset zählte, hat an Anziehungskraft verloren.

Der Besucherschwund in den vergangenen Jahren wäre noch größer gewesen, wenn nicht Russen das Städtchen am Fuße des gut 3000 Meter hohen Piz Nair für sich entdeckt hätten. Ihr Anteil an den Übernachtungen in St. Moritz und Umgebung macht 4 Prozent aus, das ist doppelt so viel wie im gesamtschweizerischen Durchschnitt. Doch jetzt müssen die Hoteliers auch um diese zahlungskräftige und konsumfreudige Klientel fürchten. Der Ukraine-Konflikt und die damit zusammenhängenden Sanktionen gegen Russland schmälern den Reisestrom aus dem Osten. Wegen der Schwäche des Rubels, der seit dem vergangenen Dezember mehr als 30 Prozent an Wert verloren hat, und als Folge der antiwestlichen Propaganda in ihrem Land bleiben viele Russen lieber daheim.

Jetzt bleiben die Russen eben zu Hause

Das zeigen auch die Zahlen des Schweizerischen Bundesamtes für Statistik: Während die Übernachtungen von Russen in der Schweiz 2013 um 3 Prozent gestiegen waren, sind sie in der Zeit von Januar bis September 2014 um gut 7 Prozent gefallen. Bis zum Jahresende könnte das Minus auf bis zu 10 Prozent klettern, schätzt Véronique Kanel von der Marketingorganisation Schweiz Tourismus. „Der Aufruf, im eigenen Land Ferien zu machen und russische Produkte zu kaufen, findet im Nationalstolz vieler Russen einen guten Nährboden“, erklärt sie den Rückgang. Bevor der Rubel auf Talfahrt gegangen sei, habe der Tourismus in der Schweiz von der stark wachsenden russischen Mittelschicht profitiert. Diese halte sich nun besonders stark zurück.

Dies bestätigt auch Elena Gerber, Vizedirektorin von Open Up Travel, einer Reiseagentur, die auf Reiseangebote für russische Gäste in der Schweiz spezialisiert ist: „Die Zahl der vermittelten Pauschalreisen für Kunden aus der russischen Mittelschicht ist um rund 40 Prozent eingebrochen.“ Jetzt blieben die Russen eben zu Hause. Und wenn sie doch auf Reisen gingen, dann zögen sie die Olympia-Stätten von Sotschi vor oder allenfalls noch Ägypten und Thailand, nur in den Westen wollen sie nicht mehr. Dabei spiele neben den geringeren Kosten auch das Gefühl der Unsicherheit eine Rolle: Manche Russen fürchteten, in Westeuropa angefeindet zu werden. „Das ist sehr schade, denn unsere Gäste bleiben nicht nur überdurchschnittlich lang. Sie essen viel, trinken die Minibar leer und kaufen liebend gerne ein.“ Die Reiseagentin weiß aber auch zu berichten, dass sich die Ultrareichen unter den Russen bisher kaum von der verschlechterten Großwetterlage beeinflussen lassen. „Die teuersten Zimmer in den Fünf-Sterne-Häusern sind als Erstes verkauft“, sagt Gerber. Besonders beliebt seien das Badrutt’s Palace in St. Moritz und das Mont Cervin Palace in Zermatt. Ein Blick auf die Buchungsseite des Badrutt’s, einer alten Trutzburg am See, die zu einem Drittel dem russischen Industriellen Georg Bedjamow gehört, beweist: Freie Zimmer gibt es dort über Weihnachten und Silvester nicht. Erst am 10. Januar geht wieder etwas: Das Standard-Doppelzimmer ist für 1350 Franken zu haben, die Suite „St. Moritz“ für 6300 Franken die Nacht.

Auch in Österreich, dem wichtigsten Winterziel der Osteuropäer, sind die Luxusherbergen bisher noch am wenigsten von der neuen Reiseunlust der Russen betroffen. Aber auf den mittleren und unteren Rängen schlägt sie voll durch. Im Ötztal zum Beispiel sind die Buchungen russischer Gäste für den Winter um bis zu 30 Prozent gefallen, wie die staatliche Gesellschaft Österreich-Werbung ermittelt hat. Auf die Russen entfielen in dieser Region bisher immerhin 9 Prozent aller Übernachtungen, 130000 waren es je Saison.

„Von denen kommt praktisch niemand mehr“

Noch schlimmer sieht es bei den Ukrainern aus, die es 2013 auf immerhin 30000 Übernachtungen brachten. „Von denen kommt praktisch niemand mehr“, klagt Carmen Fender, die Marketingchefin des Ötztaler Fremdenverkehrsverbands. Schuld daran ist neben der wirtschaftlichen und politischen Verunsicherung auch in diesem Fall die starke Abwertung der Währung. Die Griwna hat binnen eines Jahres gegenüber dem Euro mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Viele osteuropäische Reiseveranstalter seien insolvent, ihre Kontingente würden über Nacht wieder frei, sagt Fender.

Die Schwierigkeiten sind freilich insgesamt beherrschbar. Im vergangenen Jahr machten die Russen in den österreichischen Schneeregionen nur 2 Prozent aller Gäste aus, womit sie an siebter Stelle rangierten; uneinholbar vorn liegen die Deutschen mit 46 Prozent. Was die Russen aber wie in der Schweiz auch in Österreich so interessant macht, ist ihre Spendierfreude. „Sie geben im Winter 50 Prozent mehr aus als der Durchschnittsreisende, etwa 170 bis 180 Euro am Tag“, berichtet Jürgen Weiß von Statistik Austria. Deshalb freut es die Gastwirte in Regionen wie Sölden, Ischgl oder Mayrhofen im Zillertal, dass in den vergangenen fünf Jahren kein anderer Herkunftsmarkt so schnell gewachsen ist wie der osteuropäische.

„Die Russen haben das Januar-Loch gefüllt“

Hinzu kommt, dass sich die Russen für die Hoteliers, Skilehrer und Händler im besten Sinne als Lückenbüßer erwiesen haben. Bevor sie auf den Plan traten, liefen die Geschäfte im Januar schlecht. Da das orthodoxe Weihnachten aber später gefeiert wird als das katholische, stürmten die neuen Gäste auch zu dieser Jahreszeit die Lifte, Restaurants und Dampfbäder. „Die Russen haben das Januar-Loch gefüllt“, sagt Fender. In diesen Wochen machten sie plötzlich 40 statt der üblichen 9 Prozent aller Gäste aus. „Damit dürfte es erst einmal vorbei sein.“ Der schwächere Zustrom hat indes auch etwas Gutes – jedenfalls für solche Urlauber, die sich durch die Gäste aus dem Osten gestört fühlten. „Es kann sein, dass wir jetzt einige Reisende zurückgewinnen, denen es mit den Russen etwas zu viel war“, sagt Fender. Tatsächlich hat sich schon so mancher neureiche Russe tüchtig danebenbenommen, Hoteliers verärgert und Stammgäste vergrault. Über einen erhöhten Renovierungsbedarf klagen die einen, über lärmendes Verhalten im Ruhebereich der Wellness-Oase und andere Varianten ärgerlichen Fehlverhaltens die anderen. Daher achten die Eigentümer einiger Hotels penibel darauf, nicht zu viele Gäste russischer Nationalität in ihr Haus zu holen. Offen darüber sprechen will aber niemand.

Für Lukas Scheiber, den Chef des Hotels „Edelweiß und Gurgl“ in Obergurgl im Ötztal, steht dieses Thema ohnehin nicht im Vordergrund. Er ärgert sich vor allem über Berichte in deutschen Boulevard-Medien, die den Eindruck erweckten, ganz Österreich sei frei von Schnee. „Das ist überhaupt nicht wahr“, sagt er. „Die Gäste können auf Skiern vor unsere Haustür fahren.“ Allerdings liegt Obergurgl auch auf fast 2000 Meter Höhe.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Geinitz, Christian
Christian Geinitz
Wirtschaftskorrespondent in Berlin
Autorenporträt / Ritter, Johannes
Johannes Ritter
Korrespondent für Politik und Wirtschaft in der Schweiz.
Twitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot