Rache für die Sanktionen

Russland verstaatlicht das Erdgasprojekt Sachalin II

Von Marie Katharina Wagner, Patrick Welter und Philip Plickert
01.07.2022
, 19:42
Ein Tanker bei der Entladung von Flüssigerdgas aus dem Sachalin-II-Projekt.
Russland macht seine Drohungen einer zwangsweisen Verstaatlichung wahr - die Folgen für Anteilseigner sind unklar.
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Mehrfach hat der Kreml seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine mit der Verstaatlichung von Unternehmen gedroht, an denen ausländische Investoren beteiligt sind. Nun geht Russland diesen Schritt tatsächlich. Präsident Wladimir Putin hat mit einem Dekret faktisch die staatliche Kontrolle über das Öl- und Erdgasprojekt Sachalin II auf der russischen Pazifikinsel Sachalin übernommen. Der Schritt trifft vor allem Japan, das Flüssiggas von Sachalin als wichtigen Bestandteil seiner Energieversorgung ansieht. Unklar ist, ob und unter welchen Bedingungen die bisherigen westlichen Anteilseigner sich weiter an dem Projekt beteiligen dürfen. Neben Russlands Gazprom, das 50 Prozent und eine Aktie hält, sind an Sachalin II die britische Shell und die japanischen Handelshäuser Mitsui & Co. und Mitsubishi beteiligt.

Das Dekret ist eine neue Eskalationsstufe im Ringen der russischen Regierung mit ausländischen Unternehmen. Russland wird ein neues Unternehmen gründen, auf das alle Rechte und Pflichten der bisherigen Gesellschaft Sakhalin Energy Investment übertragen werden. Die ausländischen Anteilseigner haben vier Wochen Zeit, um ihr Interesse an einer Beteiligung an dem neuen Unternehmen zu von Russland gesetzten Bedingungen anzumelden. Falls sie dies ablehnen, soll ihr Anteil verkauft werden. Dabei ist unklar, ob sie entschädigt werden. Das Geld aus dem Verkauf ihrer Anteile soll zwar auf Konten der Anteilseigner gehen, allerdings in Russland, wo es nach Angaben der Zeitung „Kommersant“ eingefroren würde. Die Auszahlung kann reduziert werden, falls der ausländische Investor für Schäden an Sachalin II verantwortlich ist.

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Shell, das 27,5 Prozent minus eine Aktie an Sachalin II hält, hatte schon Ende Februar seinen Rückzug angekündigt und sucht einen Käufer für seine Anteile. Mitsui (12,5 Prozent) und Mitsubishi (10 Prozent) wollten aber bislang im Einklang mit der japanischen Regierung das Projekt nicht aufgeben. Jetzt kommt in Japan die Sorge auf, dass das rohstoffarme Land aus Sachalin II herausgeworfen wird.

Sachalin II liefert seit 2009 Flüssiggas (LNG) und trägt etwa 2,5 Prozent zum globalen Angebot bei. Von den rund 10 Millionen Tonnen Flüssiggas aus der Förderstätte werden rund 6 Millionen Tonnen nach Japan geliefert. Für Japan sind das fast 10 Prozent des jährlichen Verbrauchs von LNG.

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Die Reaktionen in Japan waren bestimmt von Erstaunen und Abwiegeln. „Es ist schwer zu glauben, dass ein Land ohne Grund ein Projekt nationalisiert, in dem Ausländer mit Verträgen investiert sind“, sagte Akio Mimura, der Vorsitzende der Japanischen Handels- und Indus­triekammer. In der Zukunft werde schwerlich noch ein privates Unternehmen in Russland investieren. Ministerpräsident Fumio Kishida betonte, dass die Versorgung mit LNG aus Sachalin nicht unmittelbar eingestellt werde. Mitsui, Mitsubishi und Shell erklärten, die Auswirkungen des Dekrets zu prüfen. Die Aktienkurse der japanischen Handelshäuser gaben um mehr als 5 Prozent nach. Shell legte gut 1 Prozent zu.

Die russische Führung hatte ähnliche Schritte der Verstaatlichung zuletzt für den Fall angedroht, dass ausländische Unternehmen ihren rechtlichen Verpflichtungen in Russland nicht nachkämen, etwa wenn sie ihren Mitarbeitern kein Gehalt mehr zahlten. Auf diese Weise hatte der Kreml auf den Rückzug etlicher westlicher Unternehmen vom russischen Markt reagiert. Die staatliche Propaganda ist bemüht, diesen Prozess als Chance darzustellen: So soll im früheren Moskauer Renault-Werk, das nun im Besitz der Hauptstadt ist, künftig wieder die in der Sowjetunion verbreitete Automarke Moskwitsch gebaut werden. Der französische Autokonzern Renault hatte seine Anteile an dem russischen Autohersteller Avtovaz, dem Besitzer der Marke Lada, für einen symbolischen Preis an den russischen Staat verkauft. Die Nationalisierung von Aktiva weckt in Russland Erinnerungen an die sowjetische Planwirtschaft, die bei vielen Russen einen guten Ruf hat, weil die Sowjetunion im Staatsfernsehen verherrlicht wird.

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Als Grund für den Schritt gibt der Kreml in dem Erlass die Sanktionen der USA und „sich ihnen angeschlossener Länder“ an. Zudem hätten ausländische Geschäftspartner durch Verstoß gegen Vereinbarungen zu den Förderstätten von Sachalin II die „Gefahr eines ökologischen und technologischen Notfalls“ hervorgerufen.

Der russische Energiefachmann Michail Krutichin bezeichnete das Kreml-Dekret als „Rache für die Sanktionen“. Gazprom könne die Anlage zwar auch ohne westliche Partner am Laufen halten, sagte Krutichin der F.A.Z. Aber ohne den Import von Ersatzbauteilen werde das nicht lange gut gehen. Auch der geplante Ausbau von Sachalin II werde nicht gelingen.

Quelle: F.A.Z.
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Katharina Wagner
Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.
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Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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