FAZ plus ArtikelBeschäftigungsquote

Die Lücken der Arbeitslosenstatistik

Von Britta Beeger, Philip Plickert, London, Winand von Petersdorff, Washington
Aktualisiert am 26.09.2020
 - 20:46
Es ist fünf vor zwölf: Agentur für Arbeit in Hamburg
Viel mehr Menschen, als es die offizielle Quote zeigt, haben derzeit nichts zu tun. Das gilt auch für Deutschland, wo viele Menschen in Kurzarbeit gehen mussten.

Kann das wirklich sein? Die Wirtschaft stürzt wegen Corona in die tiefste Rezession seit langem – doch die offiziell erfasste Arbeitslosigkeit steigt nur wenig, fast wie im Schneckentempo? In der Eurozone lag die Arbeitslosenquote laut dem Statistikamt Eurostat im März bei 7,2 Prozent, inzwischen soll sie den jüngsten Zahlen für Juli zufolge auf 7,9 Prozent zugelegt haben. Laut dieser Statistik stehen seit März bislang nur rund eine Million mehr Menschen, insgesamt 12,8 Millionen, auf der Straße. Diese Zahlen zeigen aber nur einen Teil der Wahrheit. Gleichzeitig haben Millionen Menschen ihren Job gezwungenermaßen auf Kurzarbeit reduziert; andere haben ihre Beschäftigung verloren, tauchen aber nicht als arbeitslos in der offiziellen Statistik auf.

Ökonomen der Schweizer Großbank UBS haben daher eine Berechnung der „Schattenarbeitslosigkeit“ durchgeführt. Ihr Ergebnis: Im Frühjahrsquartal lag die tatsächliche Arbeitslosigkeit in der Eurozone bei 20 Prozent und jetzt, im dritten Quartal, beträgt sie wohl 15 Prozent. Das ist doppelt so viel wie im Eurostat-Zahlenwerk. In Spanien vermutet die UBS-Ökonomin Anna Titareva trotz des jüngsten Rückgangs der Kurzarbeit noch immer deutlich mehr als 20 Prozent Nichtarbeitende, in Italien fast 20 Prozent, in Frankreich etwa 13 Prozent und in Deutschland etwa 12 Prozent.

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Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) zu Kurzarbeitergeld-Missbrauch

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat den Missbrauch von Kurzarbeitergeld in der Corona-Krise verurteilt. „Jede Form von Leistungsmissbrauch ist natürlich eine Sauerei, um das mal klar zu sagen, weil es unsolidarisch ist gegenüber denen, die die Hilfe brauchen“, sagte Heil dem Bayerischen Rundfunk am Freitag. Nach Angaben der Bundesregierung ist durch Leistungsmissbrauch von Kurzarbeitergeld in diesem Jahr bisher ein Schaden von mehr als 6 Millionen Euro entstanden. Man könne nicht von einem massenhaften Missbrauch sprechen, sagte Heil. Hinweisen der Bundesagentur für Arbeit zufolge gebe es bei rund 2100 Unternehmen einen Verdacht auf Missbrauch. „Wenn man aber dagegenstellt, dass wir insgesamt 6,3 Millionen Menschen insgesamt in Kurzarbeit haben, ist das ein relativ kleiner Prozentsatz“, sagte Heil. Er liege ungefähr bei 0,3 Prozent. Jeder Fall sei aber zu viel. (dpa)

Quelle: F.A.Z.
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Philip Plickert
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Winand von Petersdorff-Campen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitun
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Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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