Illustration: Johannes Thielen
Schneller Schlau

Alles Bio – oder was?

Von BENJAMIN FISCHER, Grafiken: JOHANNES THIELEN und GABRIEL RINALDI · 3. Mai 2021

Die Pandemie hat der Bio-Branche einen weiteren Schub verpasst. Die Produktion kommt nicht immer hinterher.

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in Umsatzplus von 22,3 Prozent im vergangenen Jahr kann sich durchaus sehen lassen. Kein Wunder also, dass der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) die jüngste Wachstumsrate im Februar mit dem Vermerk „historisch“ versah. Stetig bergauf ging es indes schon vor der Corona-Pandemie. Von 2018 auf 2019 etwa betrug der Zuwachs rund 10 Prozent. Auch der Bio-Anteil am gesamten deutschen Lebensmittelmarkt wächst folglich, allerdings von einem niedrigen Niveau aus. Im vergangenen Jahr betrug er gerade mal 6,4 Prozent.

Der starke Anstieg im Jahr 2020 dürfte auch daran liegen, dass im vergangenen Jahr Kantinen weitaus weniger Gäste verzeichnet haben und der Außer-Haus-Verzehr nur bedingt möglich war. Vor allem regionale Direktvermarkter und Hofläden hätten 2020 dafür deutlich mehr Zulauf erhalten, bemerkte der Präsident des Anbauverbandes Bioland, Jan Plagge. Lieferdienste hätten teils gar Kunden abweisen müssen. 

Der bei weitem größte Anteil des Umsatzes wird derweil längst im klassischen Lebensmitteleinzelhandel erzielt. Rewe oder Edeka führen stattliche Bio-Sortimente, und die Discounter bieten ebenfalls eine große Produktpalette an. Dabei arbeiten die Lebensmittelriesen auch mit den Bioanbauverbänden wie Bioland, Naturland oder Demeter zusammen. Während das sehr präsente EU-Bio-Siegel gewissermaßen einen Mindeststandard definiert, machen die Verbände ihren Mitglieder mitunter deutlich strengere Vorgaben. Diese betreffen beispielsweise zulässige Düngemethoden, Futtermittel oder die Haltungsbedingungen der Tiere. Innerhalb der Bio-Branche wurde schon die Zusammenarbeit mit Rewe oder Edeka teils kontrovers diskutiert. „Bio lässt sich nicht kapern“, hieß es etwa Anfang 2018 vom Bundesverband Naturkost Naturwaren, der die kleineren Händler vertritt. Trotzdem ging Bioland im Herbst 2018 dann sogar eine Kooperation mit Lidl ein. 

Je mehr Bio, desto besser für alle, könnte man die pragmatische Haltung zusammenfassen. Bioland-Präsident Plagge beschrieb es zum 50-jährigen Jubiläum des Verbandes kürzlich so: Ziel sei es weiterhin, dass nicht Lidl Bioland, sondern Bioland Lidl verändere. Diverse Bio-Marken gibt es gleichwohl weiterhin nur im Fachhandel, zu dem auch Ketten wie Alnatura, Basic Bio oder Denns zählen. Alnatura ist zwar mit einem Umsatz von zuletzt erstmals mehr als einer Milliarde Euro von dem kleinen Dorfladen eines Ökopioniers weit entfernt. Ein reines Bio-Sortiment führen aber nun einmal beide.

Weniger Ertrag bei gleichzeitig höherem Aufwand etwa durch den Verzicht auf chemisch-synthetische Düngemittel oder mehr Platz für Tiere führen bei Bioprodukten naturgemäß zu einem bisweilen deutlichen Preisaufschlag im Vergleich zu konventionell erzeugten. Nicht zuletzt aufgrund von Preisschwankungen oder unterschiedlichen Standards – unter anderem bei den Bio-Verbänden – ist ein Vergleich schwierig. Die jüngste Auswertung des Branchendienstes Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) ermöglicht allerdings einen Eindruck. Bioeier waren 2020 mit einem Anteil von 15,4 Prozent an der Gesamtverkaufsmenge übrigens das Produkt mit dem höchsten Bio-Anteil. Es folgten Mehl (14,2 Prozent) und Milch (11 Prozent). Den größten Zuwachs mit Blick auf Produktgruppen verzeichnete laut BÖLW zuletzt Biofleisch. Jedoch liegt hier der Anteil der einzelnen Arten am jeweiligen Gesamtmarkt weiter unter fünf Prozent.

Abermals gewachsen ist derweil auch die Zahl der Bio-Betriebe. 13,4 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland arbeiten laut BÖLW nunmehr ökologisch. Fast die Hälfte ist Mitglied eines Anbauverbandes. Allein 8504 gehören dem größten, Bioland, an. 245 im Ecovin-Verband organisierte Weingüter zählen ebenfalls dazu. Insgesamt stellten in den vergangenen fünf Jahren mehr als 8000 Betriebe auf Bio um. 

Was die Bio-Fläche angeht, ist allerdings bis zum Jahr 2030 noch einiges zu tun. Zumindest mit Blick auf die deutsche Nachhaltigkeitsstrategie, laut der in knapp neun Jahren mindestens 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen hierzulande ökologisch bewirtschaftet werden sollen.

Zumindest bei einigen Lebensmitteln übersteigt der Bio-Hunger der Deutschen oft die Menge, die hiesige Landwirte produzieren können. Je nach Ernte schwankt diese natürlich, wie das Beispiel Äpfel unterstreicht. Im Erhebungszeitraum 2017/2018 wurden der AMI zufolge noch 60 Prozent importiert, nachdem zuvor die Ernten schlecht ausgefallen waren. Außerdem müssen manche Produkte wie etwa Südfrüchte oder Paprika sowie Tomaten schon aus klimatischen Gründen meist eingeführt werden. Je nach Region und Land kann die Einhaltung der Bio-Richtlinien beziehungsweise deren Kontrolle ein Problem darstellen. Zumal die Aussicht auf höhere Preise für Bioprodukte in der Vergangenheit immer wieder Betrüger anlockte. 

Wie auch bei Produkten aus konventioneller Landwirtschaft erwartet der Großteil der Kundschaft aber nun einmal volle Regale zu jeder Jahreszeit. So finden sich im Frühjahr durchaus Biokartoffeln aus Ägypten in den Läden, wenn die gelagerten heimischen Erzeugnisse zur Neige gehen und neue Frühkartoffeln noch nicht verfügbar sind.

Ganz ähnlich sieht es in den Ländern aus, wo noch mehr Geld für Bioprodukte ausgegeben wird als in Deutschland. Besonders hoch ist der Pro-Kopf-Umsatz in reichen westlichen Staaten. Bedeutende Bio-Produzenten wie Spanien, wo Paprika oder Zucchini auch in Bio-Qualität zuhauf angebaut werden, oder Italien sind unter den Top Ten nicht zu finden.

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03.05.2021
Quelle: F.A.Z.