Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Bitcoin hat seinen Wert verhunderttausendfacht

Von MARK FEHR, Grafiken: JENS GIESEL · 15. März 2021

Es gab Zeiten, da kosteten zwei Pizzen 10.000 Bitcoin. Heute kostet ein einzelner fast 60.000 Dollar. Das zieht Spekulanten an – doch technisch gesehen ist die Digitalwährung sicher.

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icht nur in der Kommunikation und bei der Arbeit – auch finanziell funktioniert unser Alltag längst digital. Seit der flächendeckenden Verbreitung von Bankkarten und Onlinebanking steckt ein großer Teil des in Umlauf befindlichen Geldes in Bits und Bytes. Es fließt mit Lichtgeschwindigkeit durch Datenleitungen oder Mobilfunknetze vom Konto aufs Smartphone und verwandelt sich an Geldautomaten oder Ladenkassen auf Knopfdruck in analoge Form – also Scheine und Münzen. Warum also sind die tausenden Digitalwährungen wie Bitcoin und Ethereum überhaupt noch etwas Besonderes?

Besonders an ihnen ist vor allem, dass sie eine Alternative zu staatlichen Währungen wie Euro, Dollar oder Renminbi sein wollen – und sich bislang auch dem Einfluss staatlicher Institutionen wie Regierungen oder Notenbanken entziehen. Sie kommen auch ohne mächtige Finanzkonzerne aus. Weil der Zahler anonym bleiben kann, griff zunächst die internationale Kriminalität gern auf Bitcoin zurück. Doch seine Rolle hat sich gewandelt: Mittlerweile ist er in erster Linie als Spekulationsobjekt gefragt. Manche Anleger sehen ihn angesichts der drastisch wachsenden Geldmenge auch als Inflationsschutz.

Der Begriff Bitcoin bedeutet so viel wie digitale Münze. Zu Marketingzwecken werden gern Fotos von Münzen mit dem Bitcoin-Symbol gezeigt, der Buchstabe B durchzogen von zwei senkrechten Linien. Diese Symbolik unterstreicht den Anspruch, in einer Liga mit Weltwährungen wie dem Dollar spielen zu wollen, der als ebenfalls von ein oder zwei vertikalen Linien durchzogenes S dargestellt wird.
Von 6 Cent auf 60.000 Dollar
Bitcoin-Kurs in Dollar (logarithmische Darstellung)

Halving: Halbierung der Belohnung für geschürfte Blocks, reduziert das Angebot von neuen Bitcoins
Stand: 11.03.2021 / Grafik: Giesel / Quelle: Bloomberg

Ob Bitcoin diesem hohen Anspruch gerecht werden kann, lässt sich anhand der Funktionen prüfen, die Geld erfüllen muss, wenn es einen Nutzen für Bürger und Unternehmen haben soll. Geld erfüllt hauptsächlich drei Funktionen: Wertspeicher, Tausch- und Zahlungsmittel sowie Maßeinheit. Mit Blick auf diese drei Funktionen hat Bitcoin noch starke Defizite, denn der Bitcoin-Kurs schwankt unberechenbar – obwohl in der langfristigen Betrachtung eine überaus starke Wertsteigerung und damit eine steigende Kaufkraft zu verzeichnen war.  

Gegenüber den großen Währungen hat er sich noch nicht etabliert, denn Dollar & Co. genießen trotz politischer Unsicherheiten immer noch großes Vertrauen. Im Vergleich zu seinen direkten Konkurrenten wie Ethereum sieht das jedoch anders aus: Bitcoin ist unangefochtener Marktführer unter den Digitalwährungen und hat die meisten Nutzer, sodass er das größte Potential als allgemein akzeptiertes Tauschmittel hätte.  

Bisher gibt es aber nur wenige Unternehmen und Institutionen, die Bitcoin-Zahlungen annehmen. So hat der Elektroautohersteller Tesla angekündigt, dass seine Kunden bald einen Teil ihres E-Autos in Bitcoin bezahlen dürfen. Auch der Schweizer Kanton Zug akzeptiert neuerdings Steuerzahlungen von Bürgern und Unternehmen in Form von Bitcoin – allerdings nur im Gegenwert von bis zu 100.000 Franken.  

Für Anleger stellt sich die wichtige Frage, wie transparent und fälschungssicher Bitcoin und ähnliche Digitalwährungen sind. Fachleute geben dabei gute Noten. Daniel Münch ist Fachmann für neue Technologien der Unternehmensberatung Bearingpoint Regtech und erklärt die Grundlagen: „Die Programmierung von Bitcoin oder Ethereum ist öffentlich, jeder IT-Kundige kann sich den Quellcode anschauen.“ Obwohl der finanzielle Anreiz sehr hoch sei, Fehler oder Hintertüren zu finden, seien bislang keine solchen signifikanten Lücken im Code entdeckt worden.  

Die Eigenschaften einer Digitalwährung sind jedoch nicht für immer und ewig in Stein gemeißelt, sagt Münch. Sie können geändert werden, wenn sich die Mehrheit der Entwickler und Nutzer dafür entscheidet. Auf diese Weise können auch neue Varianten einer Digitalwährung entstehen: Ein Teil der Nutzer bleibt dann möglicherweise beim bewährten Konzept, während der andere mit einem geänderten Code arbeitet.  

Wer mehr als die Hälfte der Stimmrechte einer Digitalwährung hält, könne Änderungen auch gegen den Willen der anderen Nutzer durchsetzen. „Er würde aber sein eigenes Vermögen in Gefahr bringen, wenn er die Regeln so verzerrt, dass die Währung nur noch ihm selbst nutzt“, erklärt Münch. Dann würden die anderen Nutzer abspringen und der Kurs rapide sinken. 

Dank der dezentralen Speicherung von Guthaben und Transaktionen auf den Rechnern der Nutzergemeinschaft funktionieren Bitcoin-Zahlungen ohne zentrale Plattform. Jedoch gibt es Marktplätze, welche die Verbindung zwischen dem Bitcoin-Netzwerk und dem klassischen Finanzsystem herstellen.  

Die drei größten Bitcoin-Börsen haben ihren Ursprung in Amerika und China, auch wenn sie inzwischen teils in andere Länder gezogen sind. Die täglichen Umsätze dort sind höher als die gesamten Wertpapierumsätze an der Frankfurter Börse.  

Traditionelle Börsen spielen allerdings eine immer wichtigere Rolle für Investitionen in das Phänomen Bitcoin. Sie dienen vor allem als Handelsplätze für Wertpapiere mit der Digitalwährung als Basis. Dazu zählen Zertifikate, die den Bitcoin-Kurs künstlich nachbilden, ohne direkt in die Digitalwährung zu investieren. Anleger können solche Papiere über ihr herkömmliches Bankdepot kaufen und brauchen keine digitales Bitcoin-Portemonnaie. Es gibt auch Zertifikate, die so strukturiert sind, dass Anleger Gewinn machen, wenn der Bitcoin-Kurs sinkt. So lässt sich gegen die Währung wetten.  

Während Bitcion in Industrienationen wie Deutschland oder Amerika ein Nischendasein pflegt, ist er in anderen Ländern stärker verbreitet. Nigeria oder Vietnam sind wahre Bitcoin-Nationen. Auch in der Türkei ist er stark verbreitet.  

Das dürfte unterschiedliche Gründe haben: Einerseits könnte es daran liegen, dass in diesen Ländern kaum Onlinebanking zur Verfügung steht, sodass Bitcoin die einzige Möglichkeit für digitale Wertspeicherung darstellt. Sicher spielt aber auch das geringe Vertrauen in die Heimatwährung eine Rolle.  

„Miner“ sind Investoren, die Bitcoin oder andere Digitalwährungen auf eigens dafür eingerichteten Computeranlagen herstellen. Diese Herstellung ist aufwändig, weil das Bitcoin-Netzwerk nur echte digitale Münzen akzeptiert, die mit komplizierten Rechnungen entstanden und durch Verschlüsselung (Kryptografie) gesichert sind. Der für die Rechneranlagen nötige hohe Stromverbrauch gehört wohl zum Kalkül der Bitcoin-Erfinder, denn die Energiekosten machen die Herstellung teuer und die geschöpften Münzen wertvoll.  

Der Bitcoin ist ein großer Stromfresser, sein Energiebedarf hat sogar volkswirtschaftliche Dimensionen. Energieintensiv ist nicht nur die Herstellung, auch Zahlungen verbrauchen viel Strom und Daten. Wenn Bitcoin den Besitzer wechseln, wird die gesamte Transaktionshistorie auf die Rechner der Nutzer übertragen, was Fehler und Fälschungen verhindern soll. Diese dezentrale Speicherung und Verifizierung ist aufwändig, macht aber die Übertragung von einem Nutzer zum anderen ohne zentrale Plattform möglich. So dient Bitcoin als digitale Form von Bargeld. 


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Quelle: F.A.Z.