Illustration: Johannes Thielen, Foto: dpa
Schneller Schlau

Was Impfstoffe bringen

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 7. Dezember 2020

Das große Impfen kann in einigen Ländern schon bald beginnen. Doch welchen Nutzen haben Vakzine gegen Masern oder Keuchhusten eigentlich? Und wer sind die größten Unternehmen am Impfstoff-Markt?

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ie schönsten Weihnachtsgeschenke kommen in diesem Jahr wohl von einer Reihe von Pharmaunternehmen. In Rekordzeit haben sie nach Impfstoffen gegen Sars-Cov-2 gesucht, mögliche Stoffe gefunden, sie getestet und auf den Weg zur Zulassung gebracht. Welche Leistung das ist, zeigt der Vergleich mit anderen Impfstoffen: Etwa zwölf Jahre dauert es normalerweise, bis ein Impfstoff gefunden ist. Nur ungefähr jede zwanzigste erforschte Substanz erweist sich als wirksam. Auf der Suche nach einem Corona-Impfstoff durchlaufen nach Daten der Weltgesundheitsorganisation von Mitte November gerade 48 Kandidaten klinische Tests, 164 weitere sind in einem früheren Stadium.

Wenn es eine gibt, werden die Auswirkung einer Corona-Impfung maßgeblich davon abhängen, wie viele Menschen sich impfen lassen wollen. In Deutschland sind das verschiedenen Umfragen zufolge etwas mehr als 60 Prozent der Menschen. Mit dieser Impfbereitschaft liegen die Deutschen im Ländervergleich im Mittelfeld, etwa gleichauf mit den Amerikanern. Dagegen wollen sich 75 Prozent der Italiener impfen lassen; auch in Australien und Großbritannien ist die Bereitschaft höher. Deutlich geringer ist sie aber in Frankreich, dort sagt nur rund die Hälfte der Menschen, dass sie sich gegen das Coronavirus impfen lassen möchten.

Das lässt Impfraten erwarten, die deutlich unter denen anderer Impfungen liegen. Gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten zum Beispiel haben auf der Welt durchschnittlich 90 Prozent der Menschen, die laut WHO geimpft werden sollten, zumindest eine Erstimpfung erhalten. Die Zahl der Geimpften hat sich dort, ebenso wie bei Masern, innerhalb der vergangenen Jahrzehnte vervielfacht. Entsprechend deutlich sind die Fallzahlen zurückgegangen. Im Jahr 1980 erkrankten noch 4,2 Millionen Menschen an Masern, 2 Millionen an Keuchhusten und 100.000 an Diphtherie. Bis zum Jahr 2016 sind die Werte auf 132.000 für Masern, 175.000 Fälle für Keuchhusten und 7000 für Diphtherie zurückgegangen. Seitdem aber sind wieder mehr Menschen an Masern erkrankt. Der Wert stieg laut WHO auf 870.000.

Die Daten zeigen dennoch deutlich, dass Impfstoffe Leben retten. Im Durchschnitt des 20. Jahrhunderts sind jedes Jahr 530.000 Menschen an Masern gestorben, 2016 waren es mit 91.000 weniger als ein Fünftel davon. Noch deutlicher gingen die Todesfälle durch Keuchhusten und Diphtherie zurück.

Wie viele Menschenleben die Impfstoffe gegen das Corona-Virus retten werden, ist noch nicht abzusehen. Klar ist aber jetzt schon, dass sie der Weltwirtschaft viele Milliarden und wahrscheinlich sogar Billionen an weiteren Einbußen ersparen werden. Der Blick auf die Börsen zeigt zudem, dass allein die Aussicht auf einen Impfstoff viele Kurse schon wieder zurück auf ihren Stand vor der Krise gebracht hat. Doch Impfungen haben auch einen großen ökonomischen Nutzen, wenn sie nicht die Börsen bewegen. Das zeigt eine Untersuchung aus dem August. Demnach haben Impfprogramme in 94 Ländern mit niedrigem und mittlerem Wohlstandsniveau ein Vielfaches ihrer Kosten wieder eingebracht: Auf 1,3 Billionen Dollar beziffern die Forscher den Nutzen der Impfungen, verglichen mit Kosten von 25 Milliarden Dollar zwischen 2011 und 2020. Das ist nur etwa ein Fünfzigstel. Allein knapp 700 Milliarden Dollar wurden der Schätzung zufolge eingespart, weil keine Kranken behandelt oder transportiert werden mussten und die Menschen stattdessen weiter wertschöpfend arbeiten und Gehälter empfangen konnten. Einfacher ausgedrückt hat ein eingesetzter Dollar für die Impfprogramme im Durchschnitt 26 Dollar an Kosten eingespart. Es gibt wohl wenige Investments, die eine solche Rendite erzielen.

Auch die Pharmaunternehmen würden sich bestimmt freuen, wenn ihre Investitionen sich in diesem Maße auszahlen würden. Doch auch wenn ihre Rendite darunter liegt, ist der Weltmarkt für Impfstoffe nicht zu vernachlässigen. Beobachter schätzen den jährlichen Umsatz mit Impfstoffen auf der Welt auf knapp 34 Milliarden Dollar (etwa 28 Milliarden Euro). 90 Prozent davon entfallen auf vier große Pharmaunternehmen: Glaxo Smith Kline aus Großbritannien, Sanofi aus Frankreich sowie die amerikanischen Unternehmen Merck & Co und Pfizer. Merck & Co ging 1917 aus dem amerikanischen Arm des Darmstädter Unternehmens Merck hervor, Pfizer wurde im 19. Jahrhundert von zwei deutschen Immigranten in New York gegründet.

Dieser Impfstoff-Markt wird im laufenden und kommenden Jahr völlig anders aussehen. Die Umsätze dürften rasant steigen und kleine Unternehmen, die bisher nur Branchenkennern ein Begriff waren, werden einen bedeutenden Anteil des Weltmarktes übernehmen. Doch auch die großen Hersteller haben Impfstoff-Initiativen gestartet. Vor allem Pfizer war in den vergangenen Wochen sehr präsent, weil das Unternehmen zusammen mit Biontech aus Mainz einen der vielversprechendsten Impfstoffe gegen das Coronavirus produziert.

Die Aktienkurse der Unternehmen spiegeln das Rampenlicht, in dem sie stehen. Pfizer hat sich seit dem Kurseinbruch im März stark erholt, der Wert von Biontech hat sich im laufenden Jahr sogar mehr als verdoppelt. Auch der Börsengang von Curevac aus Tübingen im August übertraf alle Erwartungen. Wer Anfang des Jahres auf das amerikanische Unternehmen Moderna gesetzt hat, kann sich sogar über eine Versechsfachung seines Einsatzes freuen. Doch auch wenn das traumhaft wirkt: Die Rendite, die Anleger mit diesen Aktien erzielen, ist nur ein Bruchteil des ökonomischen und gesellschaftlichen Mehrwerts, den die Corona-Impfstoffe aller Voraussicht nach bringen werden.

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Quelle: F.A.Z.