Grafik: Bernd Helfert, Foto: AFP
Schneller Schlau

Das neue Jahrhundert der Religionen

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JENS GIESEL, BERND HELFERT · 27.10.2019

Die Religionen sind auf dem Rückzug, meint man in Deutschland. Doch das Gegenteil ist der Fall: Ein immer größerer Anteil der Weltbevölkerung ist religiös. Vor allem der Islam wächst schnell.

Gott ist tot, befand schon Nietzsche. Und tatsächlich hat man in Deutschland und auch sonst in Europa das Gefühl, die Religionen seien auf dem Rückzug, vor allem das Christentum. Gemeinden werden zusammengelegt, die Kirchen werden nur noch an Weihnachten richtig voll. Doch blickt man auf die Welt als Ganzes, ist das Christentum nach wie vor die Religion mit den meisten Anhängern. Fast jeder dritte Mensch auf Erden ist laut einer Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2012 Christ, knapp jeder Vierte ist Muslim. Das Pew Research Center ist eine Denkfabrik in der amerikanischen Hauptstadt Washington.







Die drittgrößte Gruppe der Welt sind die Religionslosen. Erst dahinter folgen der Hinduismus, der Buddhismus, Volksreligionen, das Judentum und andere Religionen, die zusammen weniger Anhänger haben als das Christentum alleine, wobei dort Katholiken, Protestanten, Orthodoxe und andere kleinere Ableger zusammengezählt werden. Der Blick auf die Weltkarte macht deutlich, wo die verschiedenen Religionen dominant sind. Der Großteil der Welt ist blau eingefärbt, also christlich. Allerdings verzerrt die eurozentrierte Weltkarte, auf der die Nordhalbkugel größer dargestellt wird, die Wahrnehmung etwas. Außerhalb Europas herrscht das Christentum vor allem in ehemaligen Kolonien europäischer Staaten in Amerika und im Süden Afrikas vor.







Dagegen ist der Islam vor allem auf der arabischen Halbinsel, in Nord- und Westafrika und in Zentralasien besonders verbreitet. Doch auch Indonesien ist mehrheitlich muslimisch. Indien ist bekanntlich hinduistisch, in Südostasien, in der Mongolei dominiert der Buddhismus und dann gibt es einige Länder, in denen keine Religion vorherrscht. Dazu zählen die ostasiatischen Länder China, Nord- und Südkorea und Japan, aber auch Tschechien und Estland. Volksreligionen dominieren laut Pew Research Center in Vietnam und Taiwan. Allerdings weichen die Angaben in einigen Ländern je nach Untersuchung stark voneinander ab. Daher dienen die Angaben eher der groben Orientierung. Ebenso verhält es sich immer mit Vorhersagen. Doch legt man Bevölkerungsprognosen, erhält man ein ganz gutes Bild davon, wie sich die Anhängerschaft der Weltreligionen voraussichtlich entwickelt. So dürfte die Zahl der Christen bis 2050 auf fast 3 Milliarden Menschen anwachsen. Damit wächst die Zahl der Christen deutlich, aber nur in etwa so stark wie die Weltbevölkerung als Ganzes. Der Anteil der Christen dürfte damit bis 2050 stabil bei knapp einem Drittel liegen. Die am schnellsten wachsende Religion ist nach aktuellen Prognosen der Islam. Im Jahr 2050 dürften 3 von 10 Menschen auf der Welt Muslime sein. Wenn sich die Prognosen bewahrheiten, wird es etwa im Jahr 2070 mehr Muslime als Christen auf der Welt geben. Die Zahl der Muslime hätte sich dann im Vergleich zum Jahr 2010 verdoppelt.




Welche Religionen wachsen

und welche schrumpfen

Prognose

Bevölkerung

2010-2050, in Mrd.

2,92 Mrd.

2,76

Christen

In den nächsten 40 Jahren

wird der Islam stärker als

jede andere Weltreligion

wachsen.

2,17

Muslime

1,6

1,38

keine

Religion

1,23

1,13

1,03

Die Bevölkerung ohne

Religionszugehörigkeit

wird leicht zunehmen,

allerdings wird ihr

Anteil an der Welt-

bevölkerung abnehmen.

Hindus

Buddhisten

0,49

0,49

0,45

0,40

Volksreligionen

Andere Religionen

0,06

0,06

0,02

Juden

0,01

2010

2050

Anteil an der Weltbevölkerung

2010-2050

Christen

31,4%

31,4%

29,7

Muslime

2050 werden Christen

und Muslime etwa gleich

große Anteile an der

Weltbevölkerung haben.

23,2

keine Religion

16,4

15,0

14,9

Hindus

13,2

Buddhisten

7,1

5,9

5,2

Volksreligionen

4,8

Andere Religionen

0,8

0,7

Juden

0,2

0,2

2010

2050

Grafik: Giesel, Pew Research / Quelle: Pew Research, The Future of World Religions (2015)

Welche Religionen wachsen und welche schrumpfen

Prognose

Bevölkerung

2010-2050, in Mrd.

Anteil an der Weltbevölkerung

2010-2050

2,92 Mrd.

2,76

Christen

31,4%

31,4%

29,7

Christen

In den nächsten 40 Jahren

wird der Islam stärker als

jede andere Weltreligion

wachsen.

Muslime

2050 werden Christen

und Muslime etwa gleich

große Anteile an der

Weltbevölkerung haben.

2,17

23,2

Muslime

1,6

keine Religion

16,4

1,38

keine

Religion

15,0

14,9

Hindus

1,23

1,13

13,2

1,03

Die Bevölkerung ohne

Religionszugehörigkeit

wird leicht zunehmen ...

allerdings wird ihr

Anteil an der Welt-

bevölkerung abnehmen.

Hindus

Buddhisten

7,1

Buddhisten

5,9

0,49

0,49

5,2

0,45

Volksreligionen

4,8

0,40

Volksreligionen

Andere Religionen

Andere Religionen

0,06

0,06

0,8

0,7

0,02

Juden

Juden

0,2

0,2

0,01

2010

2050

2010

2050

Grafik: Giesel, Pew Research / Quelle: Pew Research, The Future of World Religions (2015)




Der Hinduismus dürfte im Jahr 2050 einen ähnlichen Anteil an der Weltbevölkerung haben wie heute. Das liegt auch einfach daran, dass die Indiens Bevölkerung fast exakt genauso schnell wächst wie die der gesamten Welt. Vor allem aber zeigt der Blick ins Jahr 2050 eines: Die Religionen werden eher wichtiger als unwichtiger. Der Anteil der Menschen ohne Religion geht deutlich zurück. Im Jahr 2010 war ziemlich genau jeder sechste Erdenbürger ohne Religion, 2050 liegt der Wert bei einer Person je 7,5 Menschen. Auch das hängt vor allem damit zusammen, dass die Bevölkerung in den Regionen wächst, in denen Religion ein wichtige Rolle spielt, und die Menschen in den Ländern, in denen die Religion an Bedeutung verliert, weniger Kinder kriegen. So spielt der Glaube für weniger Menschen in der westlichen Welt eine große Rolle im täglichen Leben als in den meisten anderen Ländern der Welt. Und in eben diesen Ländern altert die Bevölkerung rasant. Für jeden fünften Menschen in Schweden oder Tschechien ist die Religion im Alltag wichtig. Im schnell alternden China trifft das sogar nur auf jeden Achten zu.







In vielen afrikanischen Ländern, aber auch auf der arabischen Halbinsel oder in Südostasien gibt es nur sehr wenige Menschen, für die Religion im Alltag keine Bedeutung hat. In Äthiopien, Niger und Somalia haben die Forscher dagegen offenbar gar keinen Menschen getroffen, dem der Glaube im täglichen Leben egal ist: Der Wert liegt in diesen Ländern bei 100 Prozent. Doch Glaskugeln können lügen. Und deshalb kann es gut sein, dass viele dieser Vorhersagen ziemlich weit daneben liegen. Diesen Eindruck erhält man zumindest, schaut man sich das „Arab Barometer“ an, eine regelmäßige Studie, die von Forschern von etlichen Universitäten durchgeführt wird, darunter die amerikanische Eliteuniversität Princeton. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass es im arabischen Raum mehr Menschen gibt, die nicht religiös sind. Zwischen 2013 und 2018 ist der Anteil von 8 auf 13 Prozent gestiegen, unter den Menschen unter 30 bezeichnet sich inzwischen fast jeder Fünfte als nicht religiös.







In einigen Ländern wie Libyen oder Tunesien hat sich der Anteil der Nicht-Religiösen verdoppelt, in Ägypten hat er sich mehr als verdreifacht und in Marokko ist er inzwischen sogar viermal so groß. Nur Im Jemen ist der Anteil deutlich gesunken. Dabei werden die Zahlen natürlich von Bevölkerungswanderungen beeinflusst. Auch in Europa wächst der Anteil der Atheisten und Agnostiker, allerdings stellen sie nur in Westeuropa eine größere gesellschaftliche Gruppe und würden als Partei bei einer 5-Prozent-Hürde den Einzug ins Parlament schaffen. In Rumänien liegt der Anteil laut Eurobarometer bei 0 Prozent, in Bulgarien und Griechenland sind 3 Prozent der Menschen Atheisten oder Agnostiker, auch in Polen wäre der Einzug ins Parlament ungewiss, in Italien, Portugal und Irland würde die Partei regelmäßig bibbern. Besonders niedrig ist der Anteil der Atheisten und Agnostikern im Vergleich zu den Nachbarländern in Österreich. Dagegen dürfte sich eine solche Partei in Großbritannien, Frankreich, Schweden oder Estland eine Volkspartei nennen. In den Niederlanden und in Tschechien wäre sogar eine absolute Mehrheit drin. In Deutschland käme die Partei dagegen auf etwa so viele Stimmen wie die CDU/CSU in den Umfragen zurzeit.








Nachrichten und Hintergründe, grafisch erklärt.
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26.10.2019
Quelle: F.A.Z.