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Foto: dpa, Grafik: Bernd Helfert
Schneller Schlau

Die meisten Ehen enden im Grab

Von CHRISTOPH SCHÄFER, Grafiken: JENS GIESEL, BERND HELFERT · 29.11.2019

Bis dass der Tod euch scheidet: 69 von 100 Ehen dauern ein Leben lang und enden erst durch den Tod des Partners. Wenn es vorher auseinandergeht, reicht meist die Frau die Scheidung ein.

In der Bibel ist der Ehestand eindeutig, aber archaisch geregelt. Im Römerbrief heißt es in Kapitel 7, Vers 2: „Eine Ehefrau ist an ihren Mann gebunden durch das Gesetz, solange der Mann lebt; wenn aber der Mann gestorben ist, so ist sie frei von dem Gesetz, das sie an den Mann bindet.“ Ebenso deutlich äußerst sich Jesus selbst. Der Evangelist Markus zitiert den Erlöser mit den Worten: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen.“ (Mk, 10,9).

Obwohl der christliche Glaube in Deutschland auf dem Rückzug ist, obwohl in Zeiten der Globalisierung und Digitalisierung die Bindungen an Parteien und Vereine stark nachlassen: Das Eheversprechen wird erstaunlich oft eingelöst. Ob sich die Paare tatsächlich „lieben, achten und ehren alle Tage ihres Lebens“ können Statistiker zwar nicht prüfen. Formal aber gehen 69,1 Prozent der Ehen erst mit dem Tod eines Partners auseinander.

Im Jahr 2016 zählte das Statistische Bundesamt exakt 525.901 sogenannte Ehelösungen zwischen Männern und Frauen (die „Ehe für alle“ trat erst im Oktober 2017 in Kraft). Von diesen Ehelösungen endeten 363.386 Ehen erst im Grab (69,1 Prozent), 118 Ehen wurden aufgehoben oder für nichtig erklärt (0,02 Prozent) und 162.397 Ehen wurden von einem Familienrichter geschieden (30,88 Prozent). Gegenüber früheren Jahren ist das ein deutlicher Rückgang! Im Jahr 2004 lag der Anteil der Scheidungen an den Ehelösungen noch auf einem Rekordwert von 39,1 Prozent, also mehr als 8 Prozentpunkte höher.

Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass sich die Deutschen immer seltener scheiden lassen, weil sie treuer geworden sind oder sich in der Ehe mehr Mühe geben. Bisweilen ist auch davon zu lesen, dass Werte wie Treue und Beständigkeit eine gesellschaftliche Renaissance erfahren. „Warum die Scheidungsziffern zurückgehen, wissen aber selbst die Experten nicht genau“, erklärt Michaela Kreyenfeld, Soziologieprofessorin an der Hertie School in Berlin. Vielleicht liege es an einer steigenden Wertschätzung konservativer Werte, möglich sei aber auch eine gänzlich unromantische Erklärung. Tatsache ist, dass immer mehr Paare auch ohne Trauschein lange zusammenleben. „Denkbar ist deshalb, dass diejenigen, die überhaupt noch heiraten, es dann auch ernster meinen“, sagt Kreyenfeld.

Ein Blick auf die Deutschlandkarte zeigt, dass die Scheidungsquote vor allem in den Großstädten hoch ist, in ländlichen Gebieten deutlich niedriger. In Frankfurt am Main etwa kamen im vergangenen Jahr auf 100 Eheschließungen etwas mehr als 47 Scheidungen. In Nordfriesland waren es hingegen nur knapp 13 Scheidungen.

Warum das so ist, lässt sich nicht abschließend klären. Ein Grund dürfte Kreyenfeld zufolge sein, dass die Akzeptanz von Scheidungen in urbanen Gegenden höher ist als im ländlichen Raum.  Hinzu kommt, dass auf dem Land mehr ältere Menschen wohnen, die sich mit fortschreitender Ehedauer seltener scheiden lassen. Drittens heiraten viele Auswärtige gerne an der Küste oder an anderen malerischen Orten. Die Scheidungen finden dann in anderen, tristeren Kreisen statt.

Der Blick in die Statistik offenbart auch, dass es kein „verflixtes siebtes Jahr“ gibt, wie es der Volksmund kennt. Einer Redensart zufolge ist es das siebte Ehejahr, in dem sich die meisten Paare trennen. Doch das stimmt nicht.

Aus einer Übersicht des Statistischen Bundesamts geht hervor, dass es 2018 das sechste Ehejahr war, in dem es zu den meisten Scheidungen kam. Da bis zur rechtskräftigen Scheidung aus juristischen Gründen meist aber ein Trennungsjahr vergehen muss, scheitern diese Ehen de facto schon im fünften Jahr.

Die Grafik zeigt ferner, dass innerhalb der ersten zwei Jahre nur sehr wenige Scheidungen vollzogen werden, danach steigen die Zahlen an und fallen ab dem siebten Jahr wieder ab. Im zwanzigsten Ehejahr ist die Zahl der Scheidungen nur noch halb so hoch wie im sechsten Jahr, allerdings ist sie nach wie vor deutlich höher als null. In der Forschung ist das Phänomen, dass sich mehr Ältere scheiden lassen, unter dem Schlagwort „gray divorce“ (graue Scheidung) bekannt.

Susan Brown vom „National Center for Family & Marriage Research“ der Bowling-Green-Universität in Ohio veröffentlichte vor ein paar Jahren eine Studie dazu. Die Soziologieprofessorin verweist darin auf fünf Ursachen der „gray divorce revolution“: Zum einen ist eine Scheidung heute weniger sozial geächtet als früher. Zum anderen gehen immer mehr Frauen einer Erwerbstätigkeit nach. Weil dadurch die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Ehemann sinkt, können sich mehr Frauen eine Scheidung finanziell leisten. Darüber hinaus sinkt Brown zufolge die Bereitschaft, Eheprobleme zu akzeptieren und Abstriche vom eigenen „Lebensglück“ hinzunehmen. Auch gibt es unter den älteren Ehepaaren immer mehr Menschen, die schon eine Scheidung hinter sich haben. Diese haben fortan eine niedrigere Hemmschwelle und lassen sich statistisch gesehen eher noch einmal trennen. Nicht zuletzt sinkt durch die gestiegene Lebenserwartung die Wahrscheinlichkeit dafür, dass die Ehe durch den Tod des Partners endet. Lebenslang ist heute einfach länger.

Soziologin Kreyenfeld fasst die Entwicklung so zusammen: „Die Ehen werden seit einiger Zeit in den ersten Jahren stabiler, dafür lassen sich mehr Menschen nach 20 oder 25 Ehejahren scheiden.“

Seit mehr als 40 Jahren nicht geändert hat sich hingegen, dass die Scheidung in den meisten Fällen von der Partnerin beantragt wird. Frauen reichen in 51 Prozent der Fälle die Scheidung ein, Männer nur in 41 Prozent. In den restlichen 8 Prozent der Fälle reicht das Paar die Scheidung gemeinsam ein. „Frauen sind länger als Männer bereit, schwierige Situationen zu ertragen“, berichtet Paartherapeut Michael Mary aus seiner beruflichen Praxis. „Wenn sich ihre Wünsche und Bedürfnisse langfristig aber nicht erfüllen, ziehen sie irgendwann einen Schlussstrich und trennen sich – für viele Männer überraschend.“ Diese Frauen versprächen sich oft mehr von Beziehungen, sagt Mary, der mehr als 40 Bücher zum Thema geschrieben hat, darunter den „kleinen Paarberater“. Den langfristig unzufriedenen Frauen erscheine meist sogar das Alleinleben besser, als in einer unbefriedigenden Beziehung zu verharren.





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29.11.2019
Quelle: F.A.Z.

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