Illustration: Johannes Thielen / Fotos: dpa
Schneller Schlau

Als fast jeder dritte Mensch auf Erden starb

Von GUSTAV THEILE, Grafiken: JENS GIESEL · 12. Oktober 2020

Corona hat uns fest im Griff. Doch die Menschheit hat dazugelernt: In der Weltgeschichte gab es weit gravierendere Seuchen – mit heftigen wirtschaftlichen Spätfolgen.

Irgendwann im Januar gab es die ersten Berichte über eine neue, unbekannte Krankheit. An ihr erkrankten und starben in Wuhan – man musste die Stadt erst einmal googlen – viele Menschen. All das war lange sehr weit weg. Irgendwann aber kam es bedrohlich nah, schließlich erreichte die Pandemie auch Deutschland. Der Rest ist Weltgeschichte, die wir alle miterlebt haben: Die alte Erkenntnis, dass Menschen dazu neigen, die Gegenwart überzubewerten, scheint diesmal tatsächlich fehl am Platz.

In der zweiten Oktoberwoche, ein Dreivierteljahr nach Ausbruch der Pandemie, zählte die Johns-Hopkins-Universität knapp 1,1 Millionen Tote in Verbindung mit dem Coronavirus. Das ist mehr, als Köln Einwohner hat. Doch so hoch diese Zahl auch ist: Der Blick in die Geschichte zeigt, dass es viele Pandemien gegeben hat, die weit mehr Menschen dahingerafft haben, als die aktuelle.

Welches Ausmaß Pandemien annehmen können, wenn nicht schnell wirksame Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, haben zwei Forscher in der Fachzeitschrift Nature Physics anschaulich dargestellt: So hat die nach dem damaligen oströmischen Kaiser benannte Justinianische Pest in den Jahren 541 und 542 nach Christus vermutlich zwischen 25 und 100 Millionen Menschen das Leben gekostet. Nimmt man den Mittelwert zwischen der minimalen und der maximalen Schätzung – Statistiken aus jener Zeit sind eher löchrig – kann man von 62,5 Millionen Toten ausgehen.

Auch wenn die genauen Werte umstritten sind und ungewiss bleiben werden, geben sie doch einen Eindruck von der Größenordnung. Damals lebten nur schätzungsweise 213 Millionen Menschen auf der Erde, wovon die Pandemie fast 30 Prozent tötete. Rechnet man diese Sterberate auf die heutige Weltbevölkerung hoch, ergibt das ein Äquivalent von 2,2 Milliarden Toten. 

Zu den tödlichsten Epidemien der Neuzeit zählen die Spanische Grippe und Aids. Die Spanische Grippe, auf die seit dem Ausbruch des Coronavirus wieder verstärkt geblickt wird, hat Anfang des 20. Jahrhunderts je nach Studie zwischen 17 und 100 Millionen Menschen das Leben gekostet, ein großer Teil davon in Asien. Die Zahl der Aids-Opfer wird auf 25 bis 35 Millionen geschätzt.

Vor allem die Infektionskrankheit Pest aber hat immer wieder einen großen Teil der Weltbevölkerung umgebracht. Im 14. Jahrhundert, als sie als „Schwarzer Tod“ bekannt wurde, war es etwa ein Drittel innerhalb von zwei Jahrzehnten. Für das 17. Jahrhundert schätzen Forscher den gestorbenen Anteil in vielen europäischen Ländern auf etwa ein Fünftel, wenn man die verschiedenen Ausbrüche zusammenzählt.

Es dauerte viele Jahrhunderte, bis verstanden wurde, wie sich die Pest verbreitet und welche Rolle Ratten und Flöhe dabei spielen. Ungleich schneller ist das der Menschheit beim Coronavirus gelungen. Innerhalb weniger Wochen lagen wissenschaftliche Untersuchungen über Ansteckungswege vor, etwa zur Rolle von Aerosolen. Zugleich wurden Maßnahmen zur Eindämmung ergriffen, ob Lockdowns, Quarantäne-Vorschriften oder das Tragen von Masken. Erste Medikamente haben sich als wirksam erwiesen, manche Länder haben sogar schon Impfstoffe vorgelegt, auch wenn bislang noch keiner international anerkannt wurde.

Auch deshalb sind die Todeszahlen viel geringer als in früheren Pandemien. Das Land mit der höchsten Zahl von Toten je 100.000 Einwohner ist laut Johns-Hopkins-Universität Peru, die Rate liegt dort bei mehr als 100. Sie liegt aber nicht bei mehreren Zehntausend, wie es bei der Pest der Fall war. Hinter Peru folgen mit jeweils etwa 70 Toten auf 100 000 Einwohner Brasilien, Chile und Spanien.

Wie anders der Verlauf der Pandemie auch in Deutschland hätte sein können, zeigt etwa der Blick auf Spanien: Dort ist die sogenannte Übersterblichkeit, also das Sterben von mehr Menschen als im langjährigen Mittel üblich, ab März rapide in die Höhe geschossen. Etwa anderthalb Mal so viele Menschen wie gewöhnlich sind dort im Frühjahr innerhalb einer Woche gestorben. Auch in Italien waren es ungefähr doppelt so viele. Seitdem sind die Zahlen wieder gesunken – wobei allerdings gut möglich ist, dass durch den Anstieg der Infektionszahlen in vielen Ländern bald auch die Todesfälle wieder zunehmen werden.

Selbst wenn das Virus bald besiegt wäre, würden aber langfristige Folgen bleiben. Das zeigt ein Blick auf die Entwicklung der Wirtschaft: Der für das laufende Jahr prognostizierte Rückgang der Wirtschaftsleistung ist einer der heftigsten in der Geschichte der Bundesrepublik – um mehr als 5 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt zurückgehen.

In manchen Ländern wird sogar ein Rückgang um 10 Prozent erwartet. Für ähnlich groß halten Wirtschaftshistoriker den Einfluss, den etwa die Spanische Grippe auf das Wirtschaftswachstum hatte. Ein Team um einen Harvard-Ökonom schätzt, dass diese in einem Land mit der durchschnittlichen Mortalitätsrate das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um etwa 6 Prozent verringerte. Besonders hart getroffene Länder mit mehr Toten in den Jahren ab 1918 hätten dagegen Einbußen von 10 Prozent und mehr erlitten. Die Forscher haben in ihrer Studie versucht sicherzustellen, dass ihre Ergebnisse nicht von Folgen des Ersten Weltkrieges verzerrt werden.

Die Unterschiede in den Spätfolgen zeigten sich auch innerhalb von Ländern. So haben Forscher aus Neapel kürzlich berechnet, dass die Wirtschaftsleistung je Einwohner im Süden Italiens drei Jahre nach der Seuche etwa 8 Prozent niedriger gelegen habe, weil in Regionen im Süden etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung an der Spanischen Grippe starben – und nicht wie weiter nördlich nur 1 Prozent.

Weniger Tote, weniger Wirtschaftskrise
Die vertikale Achse zeigt die Anzahl der Covid-19-Todesfälle pro Million Einwohner*. Die horizontale Achse zeigt den prozentualen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal im Jahr 2019 (inflationsbereinigt).

Skalierung der Kreise proportional zur Bevölkerungszahl
*) Stand: 06.10.2020 / Grafik: Giesel / Quelle: Our World in Data, Eurostat, OECD, Johns Hopkins CSSE

Für das Coronavirus ist die Beziehung zwischen Mortalitätsraten und Wirtschaftseinbußen dagegen bislang nicht eindeutig. Wirtschaftliche Interessen und der Schutz der Bevölkerung werden häufig als Gegensätze dargestellt. Beim Blick auf internationale Datenzeigt sich aber eher, dass Todesfälle und Wirtschafteinbußen zu korrelieren scheinen: Länder mit einem großen Wirtschaftseinbruch wie Peru, Spanien oder das Vereinigte Königreich haben eher hohe Todeszahlen. In Ländern mit geringeren Todeszahlen kommt die Wirtschaft hingegen besser durch die Krise.

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