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Schneller Schlau

Ausgeweht

Von JESSICA VON BLAZEKOVIC, Grafiken: BERND HELFERT · 07.10.2019

Die Windkraft gilt als wichtigster Baustein der Energiewende. Ausgerechnet im Klima-Jahr 2019 aber ist der Ausbau zu Land in Deutschland dramatisch eingebrochen. Das gefährdet nicht nur die deutschen Klimaziele – sondern auch zehntausende Arbeitsplätze.

Das Jahr 2019 könnte als das Klima-Jahr in die Annalen eingehen. Noch nie beherrschte das Thema stärker die öffentliche Debatte, noch nie gingen so viele Menschen für den Klimaschutz auf die Straße. Zuletzt waren es mehr als eine Million rund um den Globus. Umso bitterer ist es, dass im selben Jahr ausgerechnet die deutsche Windkraft, die als Zugpferd der Energiewende gilt, in der schwersten Krise ihrer Geschichte steckt – zumindest was den Ausbau an Land anbetrifft. Fachleute sprechen von „Onshore“-Windenergie. Zwar hatte Deutschland im Jahr 2018 mit 53.010 Megawatt die höchste installierte Leistung von Onshore-Windenergieanalgen in Europa, deutlich vor Spanien auf Rang zwei mit 23.426 Megawatt und dem Nachbarland Frankreich mit 15.106 Megawatt.

Trotz Flaute: Deutschland bei Windkraft in Europa führend

Wichtigste Länder in Europa nach installierter Leistung der Onshore-Windenergieanlagen im Jahr 2018 (in Megawatt)

Grafik: Bernd Helfert / Datenrecherche: Matthias Janson (Statista) / Quelle: IRENA; Nationale statistische Ämter

Die meiste installierte Leistung kommt dabei im Bundesland Bremen auf 100 Quadratkilometer, 47,3 Megawatt. Dicht dahinter folgt Schleswig-Holstein mit 44,1 Megawatt. Weit abgeschlagen trotz seiner großen Fläche liegt Bayern (3,6 Megawatt), das Schlusslicht bildet Berlin (1,3 Megawatt).

Seit der Einführung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) ist die Bruttostromerzeugung aus Windkraft in Deutschland deutlich gestiegen, von 9,5 Terawattstunden im Jahr 2000 auf rund 113 Terawattstunden im vergangenen Jahr. Inzwischen ist Wind mit einem Anteil von 20 Prozent am Strommix hinter der Braunkohle der zweitwichtigste Energieträger und damit die wichtigste erneuerbare Quelle für die Stromproduktion.

Doch dieses Jahr ist der Ausbau der Windkraft in Deutschland fast zum Erliegen gekommen. Während die Branche in Asien und Südamerika boomt, gilt sie hierzulande als so gut wie tot. Ein Blick auf die Zahlen bestätigt das: Im ersten Halbjahr dieses Jahres gingen lediglich 86 neuen Windkraftanlagen zu Land mit einer Leistung von 287 Megawatt ans Netz und damit 82 Prozent weniger als im Vorjahr. Bis zum Jahresende soll das Zubauvolumen zwar noch auf insgesamt 1500 Megawatt steigen. Doch die Prognose ist unsicher. Selbst wenn dieses Ziel erreicht wird, wäre es eine enttäuschende Bilanz – zwischen den Jahren 2014 und 2017 kamen im Schnitt jährlich 4600 Megawatt dazu.

Ihre Ursache hat die „Ausbaukrise“ in einem fatalen Mix aus fehlenden Flächen und mangelnder Akzeptanz von Windrädern in der Bevölkerung. Zahlreiche Klagen von Windkraftgegnern sind vor Gerichten anhängig. Wartete ein Investor vor wenigen Jahren noch rund 300 Tage auf eine Genehmigung, kann es heute bis zu 900 Tage – fast drei Jahre – dauern. So hat sich die Leistung der nicht realisierten Anlagen aufgrund von langen Genehmigungsverfahren inzwischen auf 11.000 Megawatt angestaut. Umwelt- und Tierschützer sehen die Windkraft in einem Interessenskonflikt mit dem Artenschutz, weil die Stromübertragungsleitungen Vogelschutzgebiete kreuzen und immer wieder Vögel von den Rotorenblättern der Windräder getötet werden.

Alles in allem leuchten die Alarmsignale in der Industrie tiefrot. „Der Branche geht es schlecht“, warnte jüngst Hermann Albers, Chef des Bundesverband Windenergie (BWE). Der Verband der Maschinenbauer (VDMA) sieht sogar Deutschlands Vorreiterrolle in der Windkraft in Gefahr. Mit nur noch 2,5 Prozent des Weltmarktvolumens drohe Deutschland als Innovations- und Industriestandort den Anschluss zu verlieren. Das hat auch Auswirkungen auf den deutschen Arbeitsmarkt: Zwischen den Jahren 2016 und 2017 sind in der Windbranche rund 26.000 Arbeitsplätze verlorengegangen. Bis Ende dieses Jahres rechnet der BWE mit einem Rückgang von insgesamt 40.000 Beschäftigten.

Kein Wunder also, dass private und öffentliche Investoren zögern und Konzerne verunsichert sind. Bei der jüngsten Auktion der Bundesnetzagentur sollten eigentlich 500 Megawatt Zubauvolumen zu Land unter den Hammer kommen, geboten wurde lediglich für 187 Megawatt. Seit 2017 hat sich kein neues Unternehmen auf den Markt gewagt, die Zahl stagniert bei sieben Wettbewerbern. Das bereitet nicht nur den Verbänden zunehmend Sorge. Auch für die Regierung steht einiges auf dem Spiel: Die Windenergie ist ein zentraler Baustein der deutschen Klimapolitik und des Ziels, den Anteil erneuerbarer Quellen am deutschen Strommix bis zum Jahr 2030 von aktuell 40 auf 65 Prozent zu auszubauen. Nur so kann Deutschland seinen Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) senken und seine Klimaziele einhalten. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) beraumte Anfang September einen Krisengipfel für die Windenergie ein. Ob dieser etwas was gebracht hat, muss sich noch zeigen.


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Quelle: FAZ.NET