Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

In der Pandemie greifen die Deutschen zur Teetasse

Von ULRICH FRIESE, Grafiken: GABRIEL RINALDI und JOHANNES THIELEN · 7. Juni 2021

Das Heißgetränk steht zwar im Schatten des Kaffees, wird aber immer beliebter. Fachleute vermuten dahinter auch psychologische Motive.

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ee hat in Corona-Zeiten Konjunktur. In einer Zeit, in der fast täglich vom Krankwerden die Rede ist, fühlen sich offenbar viele an jene Kindertage erinnert, in denen Tees noch als heilsam galten. Konsumforscher nennen als Gründe den Trend zum Homeoffice und zum Rückzug ins Private, der sich in Corona-Zeiten verstärkt hat. „Das steigende Bewusstsein für gesunde Ernährung sowie die Rückkehr in die häusliche Umgebung haben den Teekonsum in Deutschland begünstigt“, bestätigt Maximilian Wittig, Geschäftsführer des deutschen Teeverbands in Hamburg. Auch wenn branchenweite Daten für 2020 bislang nicht vorliegen, so lassen Hinweise aus den Häusern führender Anbieter doch den Schluss zu, dass Tee hierzulande von einem veränderten Konsumverhalten profitiert. 

Heilende Wirkung wird meist Kräuteraufgüssen oder Früchtetees zugeschrieben, obwohl beide nichts mit klassischem Tee zu tun haben. Denn nur aus den Bestandteilen der Urpflanze, die in Fachkreisen Camellia sinensis heißt, lässt sich „echter Tee“ gewinnen. Nicht von ungefähr führt das Mutterland dieses klassischen Tees seit Jahrzehnten die Hitliste der größten Teeproduzenten der Welt an. Die chinesische Literatur erwähnt die Teepflanze erstmals um 2700 vor Christus. Bis heute sind in China die sechs wichtigsten Sorten der Teefamilie zu finden: grüner, weißer, gelber, blauer, roter sowie schwarzer Tee. Der Löwenanteil des nationalen Genussmittels ist allerdings für den Eigenbedarf der heutigen Volksrepublik reserviert: Nur ein jährlich schwankender Anteil zwischen 10 und 20 Prozent der Produktion wird exportiert.

Zu den führenden Tee-Ausfuhrländern der Welt zählen Indien, Japan sowie diverse Staaten in Afrika, vor allem Nigeria und Kenia. Brasilien hat seinen Status als Großexporteur dem Matetee zu verdanken. Der koffeinhaltige Muntermacher gilt zwar als das bekannteste Heißgetränk des Landes, ist aber nicht den klassischen Teesorten zuzurechnen.

Schwarze und grüne Tees, die in Deutschland heiß begehrt sind, werden aus Indien, China sowie Japan bezogen. Dabei bereiten pandemiebedingte Ausfälle in Indien den deutschen Verarbeitern Sorgen: „Die Teeproduktion in Indien war in den Jahren zuvor schon durch ungünstige klimatische Bedingungen oder Streiks der Arbeiter beeinträchtigt“, berichtet Wittig. In welchem Umfang Corona auf die diesjährige Ernte Indiens durchschlage, sei noch nicht absehbar – zurzeit könnten die Verbandsmitglieder noch auf Lagerbestände zurückgreifen.

Den meisten Tee in Deutschland verkauft der klassische Lebensmittelhandel, was sich aus der Dominanz der Platzhirsche erklärt: Discounter wie Aldi oder Lidl sowie Supermarktketten wie Edeka oder Rewe beackern rund 80 Prozent des Marktes. Im Schatten der Großen haben sich zumindest Fachhändler etabliert. Dabei führen nationale Spezialisten wie TeeGschwendner, der landesweit 125 Filialen betreibt, vor allem höherwertige Teesorten in loser Form in ihrem Sortiment.

An der Dominanz der deutschen Handelsriesen liegt es, dass es vor allem Tee ihrer Eigenmarken ist, der in Deutschland getrunken wird. Handelsmarken von Aldi, Lidl & Co. bestreiten fast ein Drittel des Teegeschäfts. Markenartikler wie Teekanne oder Meßmer, die Tee vor allem in Beuteln verkaufen, rangieren dagegen mit deutlichem Abstand dahinter. Doch auch im Massensegment für Tee zog der Absatz in Corona-Zeiten kräftig an. Weil die Gastronomie und viele Büros während der Lockdowns geschlossen blieben und sich der Konsum von Getränken meist nach Hause verlagerte, sollen die Erlöse mit Tee außerhalb des Discounts um 11 Prozent gegenüber 2019 auf rund 550 Millionen Euro gestiegen sein, zitierte unlängst die Lebensmittel Zeitung aus Marktdaten.

Trotz der steigenden Beliebtheit von Tee bleibt Deutschland im Grunde eine Nation von Kaffeetrinkern. Gerhard Thamm sieht im Kontrast der beiden Heißgetränke keinen Nachteil: „So wie die Nachfrage nach hochwertigem Kaffee gestiegen ist, wird auch der Genuss von hochwertigem Tee immer wichtiger.“ Thamm muss es wissen, denn der ehemalige Luftfahrtmanager erfüllte sich vor zehn Jahren einen Lebenstraum, als er das Teehaus „Chá Dào“ gründete. Sein Betrieb versteht sich als Botschafter für Teekultur und bezieht seine Ware direkt von Teebauern in China und anderen asiatischen Ländern. Seine hochwertigen Teesorten kaufen inzwischen mehr als 2000 Stammkunden, im Geschäft oder online.

Dass der Direktverkauf per Internet auf einem niedrigen Niveau verharrt, hat laut Verbandsgeschäftsführer Wittig mit der Tatsache zu tun, dass für Tee persönliche Beratung und die Verkostung vor Ort wichtig seien. Ähnlich verhalten entwickelt sich hierzulande der Zuspruch für Biotees. „Für ein Getränk, das von Verbrauchern als gesund empfunden wird, ist eine umfassende Prüfung auf unerwünschte Stoffe selbstverständlich“, sagt Wittig. Für Fachmann Thamm gehen die branchenüblichen Prüfungen aber nicht weit genug. „Unberücksichtigt bleibt oft, inwieweit die Tee-Anbauflächen der Herkunftsländer von Schwermetallen in den Böden belastet sind“, moniert er.

Die höchsten Zuwächse beim deutschen Teeabsatz verbuchen im Corona-Jahr die nördlichen Regionen. Dabei stechen die Ostfriesen mit einem Verbrauch von 300 Liter Tee im Jahr im europäischen Vergleich klar hervor, während britische Teetrinker nur auf Platz drei zu finden sind. Passend dazu ist die Ostfriesische Tee Gesellschaft (OTG) der zweitgrößte Teeverarbeiter in Deutschland. Ihr Umsatz legte im Jahr 2020 um rund 9 Prozent auf etwa 130 Millionen Euro zu. „Die Einbußen in der Gastronomie haben wir 2020 durch deutliche Zugewinne im Supermarkt mehr als ausgeglichen“, heißt es aus dem Unternehmen.


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