Illustration: Johannes Thielen, Foto: dpa
Schneller Schlau

Jeder Fünfzigste vererbt mehr als eine Million

Von CHRISTOPH SCHÄFER, Grafiken: JOHANNES THIELEN · 14. Dezember 2020

Zwischen 200 und 400 Milliarden Euro werden jedes Jahr in Deutschland geerbt. Steuern werden darauf kaum gezahlt.

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ie Deutschen sind reich. Natürlich nicht jeder einzelne – doch addiert man die Nettovermögen der privaten Haushalte, ergibt sich für das Jahr 2018 die sagenhafte Summe von 14,1 Billionen Euro. Ein Teil davon wechselt jedes Jahr den Besitzer, entweder in Form einer Erbschaft oder einer Schenkung. Wie viel genau in Deutschland vererbt oder verschenkt wird, weiß leider niemand genau. Das Statistische Bundesamt erhebt zwar Zahlen, diese umfassen aber nur steuerpflichtige Erbschaften und Schenkungen. Wer unter den üppigen Freibeträgen bleibt, taucht in der Statistik nicht auf. Diverse Schätzungen kommen allerdings zum Ergebnis, dass in Deutschland jedes Jahr 200 bis 400 Milliarden Euro an Erben gehen.

Eine der meistzitierten Arbeiten zur Thematik stammt vom Deutschen Institut für Altersvorsorge. Demnach werden in den zehn Jahren von 2015 bis 2024 insgesamt 3067 Milliarden Euro vererbt. Etwas mehr als 1400 Milliarden wechseln der Studie zufolge als Bargeld, Bankguthaben und Wertpapiere den Besitzer, knapp 1300 Milliarden in Form einer Immobilie. Ein kleinerer Betrag von rund 340 Milliarden kommt als Sachvermögen, vom Teppich über die Goldkette bis zum Schaukelstuhl. Allerdings ist die Höhe der jeweiligen Erbschaft höchst unterschiedlich.

„Insgesamt lässt sich für Erbschaften, wie auch schon für die Vermögen, eine starke Ungleichverteilung feststellen“, schreibt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Das ärmste Fünftel der Deutschen vererbt den Forschern zufolge im Mittel etwa 10.000 Euro, das reichste Fünftel hingegen 220.000 Euro.

Generell geht das DIW von geringeren Erbschaften aus als das Institut für Altersvorsorge. Im Durchschnitt hinterlässt dem DIW zufolge ein Toter in Deutschland 71.500 Euro. Bei dieser Angabe handelt es sich um den Median-Wert, das heißt, die eine Hälfte der Deutschen vererbt mehr, die andere Hälfte weniger. Allerdings geht diese Summe oft nicht vollständig an eine Person, vielmehr wird das Erbe unter allen Berechtigten verteilt. Erben beispielsweise zwei Kinder zu gleichen Teilen, erhält jeder nur noch 35.750 Euro. Geht ein Teil des Geldes an wohltätige Organisationen, eine für die Hauskatze gegründete Stiftung oder an den einen oder anderen Erbschleicher, bleibt noch weniger. Angesichts der Ungleichheit der Erbschaften dürften sich viele Menschen in Deutschland selbst über die Hälfte der Summe aber noch freuen.

Das gilt insbesondere, da laut Deutschem Institut für Altersvorsorge jede achte generationenübergreifende Erbschaft aus nichts als heißer Luft oder sogar Schulden besteht. Ein weiteres Viertel der Erblasser vermacht höchstens 25.000 Euro. Die gesamte ärmere Hälfte der Verstorbenen hinterlässt höchstens 75.000 Euro. Das reichste Fünftel dagegen gibt zwischen 250.000 Euro und einer Million weiter. Beträge jenseits der Millionenmarke gehen gerade mal bei jeder 50. Testamentseröffnung oder sonstigen Erbschaft auf die nächste Generation über.

In der Frage, was genau vererbt wird, sind die Deutschen bodenständig. In einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach erklären drei von vier Menschen, die schon einmal geerbt haben, dass sie unter anderem Geld erhielten. Etwa jeder Zweite sicherte sich ein Erinnerungsstück ohne großen materiellen Wert, vier von zehn Erben bekamen eine Immobilie. Nur jeder achte erbte ein Auto, nur jeder Fünfundzwanzigste ein Unternehmen.

Die meisten Hinterbliebenen geben ihr Erbe nicht aus, sondern legen es an. Der Umfrage zufolge sucht der Großteil eine Anlagemöglichkeit oder nutzt das Kapital zur Altersvorsorge. Nur 45 Prozent wollen sich einen besonderen Wunsch erfüllen, 22 Prozent einen Angehörigen unterstützen. Eine Spende kommt gerade mal 11 Prozent der Erben in den Sinn, tatsächlich spenden werden der Erfahrung nach dann noch deutlich weniger.

Zum Bild gehört auch, wie die potentiellen Erblasser zum Ende ihres irdischen Besitzes stehen. Etwas mehr als jeder Zweite (52 Prozent) erklärt, er plane zwar, etwas zu vererben, schränke sich bei seinen Ausgaben aber nicht ein. Knapp jeder Vierte will lieber schenken statt vererben. Drei Prozent verstehen sich mit ihren Nachkommen gar so schlecht, dass sie möglichst wenig zurücklassen wollen.

Möglichst wenig erhalten soll nach Meinung der Erben auch der Staat – und das tut er auch. Im vergangenen Jahr brachte die Erbschaftssteuer gerade mal 7 Milliarden Euro ein. Das waren zwar drei Milliarden mehr als im Jahr 2005, vor allem weil Hauspreise und Aktienkurse seitdem extrem gestiegen sind. Trotzdem verhält sich der Staat gegenüber den Erben so bescheiden, dass die Erbschaftssteuer nur 0,87 Prozent des gesamten Steuereinkommens ausmacht.

Für die sehr niedrigen Einnahmen gibt es drei Gründe. Erstens gewährt der Fiskus den Hinterbliebenen hohe Freibeträge: Der verbliebene Ehepartner kann bis zu 500.000 Euro steuerfrei erben, jedes Kind 400.000 Euro. Zusätzlich haben beide Gruppen Anspruch auf einen Versorgungsfreibetrag von bis zu 256.000 Euro. Zweitens gelten die Freibeträge auch für Schenkungen. Alle zehn Jahre lassen sich die genannten Summen steuerfrei übertragen, nach zehn Jahren zählt das Geschenk nicht mehr als Erbmasse. Wer den Vermögensübergang rechtzeitig angeht, kann so auch große Summen vermachen, ohne den Fiskus zu beteiligen. Drittens verschont der Staat die Erben von Unternehmen weitgehend.

Die Regeln sind äußerst kompliziert, vom Grundsatz her aber gilt: Wer als Erbe einen Betrieb sieben Jahre weiterführt und die Lohnsumme mindestens konstant hält, muss keinen Cent Erbschaftssteuer zahlen. Die Befürworter dieser Regel argumentieren, dass nur so die Firma und ihre Arbeitsplätze in Deutschland erhalten blieben. Viele andere finden sie trotzdem höchst ungerecht.

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Quelle: F.A.Z.