Illustration: Gabriel Rinaldi, Bild: Math / Unsplash
Schneller Schlau

Wachmacher und Umsatzbringer

Von SVEA JUNGE, Grafiken: GABRIEL RINALDI · 29. März 2021

Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen. Das macht den hiesigen Markt nicht nur wertvoll, Deutschland ist auch Exportweltmeister von Röstkaffee. Für Verbraucher zählt vor allem der Preis.

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or dem ersten Kaffee geht für viele morgens nichts: „But first coffee“, aber zuerst Kaffee, heißt es oft. Bis der Wachmacher in unseren Tassen landet, hat er einen weiten Weg hinter sich. Die Bohnen stammen aus Anbauländern des sogenannten Kaffeegürtels, der rund um den Äquator verläuft. Das ausgeglichene Klima in der Region ohne extreme Hitze und Kälte mit regelmäßigem Niederschlag ist ideal für die empfindlichen Kaffeepflanzen.

Nach Erdöl ist Kaffee das zweitwichtigste Handelsgut der Welt – und der Kaffeedurst derselben nimmt immer weiter zu. Allein im Jahr 2019 ernteten die Kaffeebauern auf der Welt insgesamt rund 170 Millionen Säcke zu je 60 Kilogramm. Der mit Abstand größte Kaffeeproduzent und -exporteur ist Brasilien, mehr als ein Drittel der globalen Rohkaffeeproduktion stammt aus dem südamerikanischen Land. Auch für Deutschland ist Brasilien der wichtigste Rohkaffeelieferant, gefolgt von Vietnam und Honduras.

In den meisten Kaffeesäcken, die über den Seeweg nach Europa kommen, befinden sich Arabica- und Robusta-Bohnen. Obwohl es mehr als 100 verschiedene Kaffeepflanzenarten gibt, werden nur diese beiden Sorten wirtschaftlich genutzt. Arabica-Bohnen mit ihrer charakteristischen S-förmigen Einkerbung gelten als hochwertiger und sind wegen ihres aromatischen und milden Geschmacks beliebt. Die im Vergleich deutlich günstigeren, aber auch bitterer schmeckenden Robusta-Bohnen werden aufgrund ihres hohen Koffeingehaltes oft für die Herstellung von löslichem Instantkaffee genutzt.

Weiterverarbeitet werden die Bohnen hierzulande überwiegend zu Röstkaffee. Dass dies nicht schon in den Anbauländern passiert, liegt daran, dass sich Röstkaffee nicht ohne Qualitätseinbußen über lange Strecken transportieren lässt. Nach Schätzungen des Deutschen Kaffeeverbands gibt es in Deutschland rund 900 Röstereien. Zu den größten und bekanntesten zählen Tchibo, Jacobs, Dallmayr und Melitta, aber auch der Discounter Aldi besitzt eine eigene Kaffeerösterei. Damit hat die deutsche Kaffeeindustrie international Gewicht: Im Jahr 2017 war Deutschland Röstkaffee-Exportweltmeister, dicht gefolgt von Europas inoffizieller Kaffeenation Nummer eins, Italien.

Kaffee ist ein wichtiger Bestandteil des Arbeitsalltags, ob als Konzentrationskick oder Pausenentspannung. Ein großer Teil der 166 Liter, die jeder Deutsche durchschnittlich jedes Jahr konsumiert, wird bei der Arbeit getrunken. Dass statt im Büro zur Zeit vor allem im Homeoffice gearbeitet wird, hat den Konsum nicht gesenkt. Im Gegenteil: Laut einer Untersuchung des Deutschen Kaffeeverbands stieg der Kaffeekonsum in den heimischen vier Wänden 2020 um 10 Prozent, was den Rückgang im Außer-Haus-Verbrauch mehr als ausglich. 

Bestehende Trends hat die Corona-Krise dabei weiter verstärkt. Sie verpasste nicht nur der Nachfrage nach ganzen Bohnen einen kräftigen Schub, auch der Verkauf von Kaffeevollautomaten mit eigenem Mahlwerk legte in der Pandemie im zweistelligen Prozentbereich zu. Die Filterkaffeemaschine ist zwar noch immer die beliebteste Zubereitungsart der Deutschen, doch der Anspruch steigt. Dabei sind vor allem Schnelligkeit und Bequemlichkeit gefragt. Etwa Kapselmaschinen waren in den vergangenen Jahren sehr beliebt. Ihnen schadete allerdings zuletzt, dass bei der Zubereitung jeder Tasse Kaffee Plastik- und Aluminiummüll entsteht. Zwar gibt es inzwischen auch Mehrweg- und kompostierbare Kapseln, doch das Wachstum der Kapselautomaten hat sich deutlich abgeschwächt.

Dass das Bewusstsein für einen umweltverträglichen Kaffeekonsum wächst, zeigt sich auch an der Diskussion um Einwegbecher für den „Coffee to go“. In die Schlagzeilen kam das Thema, nachdem die Stadt Tübingen im Jahr 2018 angekündigt hatte, eine Sondersteuer auf Einwegverpackungen zu erheben. Seither ist der Anteil derer, die ihren Kaffee zum Mitnehmen ausschließlich aus einem Einwegbecher trinken, stark gesunken. Das zeigt eine Umfrage für den Tchibo-Kaffeereport 2020. Demnach verwenden rund 29 Prozent der Befragten mittlerweile nur noch einen Mehrwegbecher und immerhin fast ein Drittel nutzt zumindest manchmal einen wiederverwertbaren Becher.

Wem ökologische und soziale Nachhaltigkeit auch in den Anbauländern wichtig ist, dem bieten mittlerweile zahlreiche Siegel Orientierung. Diese sollen für ein gutes Gewissen bei den Verbrauchern sorgen, doch nicht alle von ihnen garantieren die gleichen Standards. Das wohl bekannteste ist das Fairtrade-Siegel: Das Zertifizierungssystem sichert den teilnehmenden Kaffeebauern in den Anbauländer einen Mindestpreis, unabhängig von den schwankenden Weltmarktpreisen.

Auch umfasst es weitreichende Regeln zum Umweltschutz. Auch die Siegel von Rainforest Alliance und UTZ, die seit 2018 zusammengehören, finden sich auf vielen Produkten. Bei einer Untersuchung der Stiftung Warentest im Jahr 2016 schnitten sie jedoch im Vergleich weniger gut ab. Ihre Kriterien seien weniger anspruchsvoll. Ziel sei es, den Massenmarkt zu erreichen, urteilten die Tester.

Wenngleich der Absatz von Fairtrade-Kaffee seit Jahren steigt, ist er auf dem deutschen Markt noch immer eine Nische. Vielen ist er schlicht zu teuer. Umfragen zeigen: Neben dem Geschmack bestimmt nach wie vor der Preis maßgeblich die Kaufentscheidung im Supermarkt. Ihr Lieblingsgetränk lassen sich die Deutschen im Jahr dennoch einiges kosten. Der Umsatz des hiesigen Kaffeemarktes beläuft sich 2021 Prognosen zufolge auf 18,5 Milliarden Euro – Tendenz steigend. Damit zählt Deutschland zu den wichtigsten Kaffeemärkten der Welt. Nur in Amerika und Brasilien wird mehr Kaffee verkauft.
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29.03.2021
Quelle: F.A.Z.