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Grafik: F.A.Z.; Foto: dpa
Schneller Schlau

Mehr Stress, mehr Pillen, mehr Kranke

Von CHRISTOPH SCHÄFER, Grafiken: LAURA SCHLAGOWSKI, JENS GIESEL

26.02.2019 · Das psychische Leiden nimmt alarmierend zu: Jeder zweite Deutsche empfindet auf der Arbeit starken Leistungsdruck. Der Gebrauch von Antidepressiva schießt in die Höhe, der Krankenstand hat sich binnen zwanzig Jahren verdreifacht.

Der zunehmende Stress am Arbeitsplatz schlägt sich in teils dramatischen Statistiken nieder. In den vergangenen zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Arbeitnehmer verdreifacht, die wegen psychischer Leiden oder Verhaltensstörungen krankgeschrieben werden. Dem aktuellen DAK-Gesundheitsreport zufolge fiel im Jahr 1997 eine volljährig versicherte Frau lediglich 0,94 Arbeitstage wegen eines psychischen Leidens aus. Zwanzig Jahre später sind es mit 3,19 Fehltagen mehr als drei Mal so viele. Bei den Männern steigen die Zahlen ebenso stark, allerdings fehlen sie insgesamt etwas seltener: Ein volljährig versicherter Mann kam vor zwanzig Jahren auf knapp 0,62 Arbeitsunfähigkeitstage wegen psychischer Leiden, nun sind es bereits 1,91.

Ein ganz ähnliches Bild zeichnet der umfangreiche Bericht „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“, den die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dortmund erstellt hat. Demnach hat sich die Zahl der wegen psychischer Leiden krankgeschriebenen Arbeitnehmer in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Dem Report zufolge fielen im Jahr 2007 in Deutschland insgesamt 48 Millionen Krankheitstage wegen seelischer Leiden an. Zehn Jahre später waren es bereits 107 Millionen Tage. Über den Daumen gepeilt fällt jeder Erwerbstätige in Deutschland jedes Jahr also zweieinhalb Tage wegen psychischer Leiden aus. Damit sind Krankheiten wie ein Burnout oder eine Depression mittlerweile der zweithäufigste Grund, weshalb Arbeitnehmer vorübergehend nicht zur Arbeit kommen.

Der OECD zufolge ist allerdings noch nicht abschließend geklärt, ob psychische Erkrankungen heute häufiger diagnostiziert werden, weil sie weiter verbreitet sind als noch vor ein paar Jahren oder ob die gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz es leichter macht, über die Krankheiten zu sprechen.

Im Gegensatz zu einer Erkältung oder einer Grippe, wo die Betroffenen ein paar Tage oder höchstens zwei Wochen ausfallen, halten sich psychische Leiden besonders lange. Teilweise sogar so lange, dass eine Heilung in naher Zukunft nicht absehbar ist und der Erkrankte wegen dauerhaft verminderter Erwerbsfähigkeit vorzeitig in Rente geht. Wie die unten stehende Grafik zeigt, sind psychische Leiden und Verhaltensstörungen daher der mit Abstand häufigste Grund, weshalb Deutsche frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

Obwohl psychische Leiden den Erkrankten, seine Familie und seine Freunde meist zutiefst belasten, sind Therapieplätze oft noch schwieriger zu bekommen als ein Termin beim Orthopäden. Zwar wurde im April 2017 eine neue Richtlinie für Psychotherapien in Deutschland eingeführt, die den Missstand lindern soll. Wer an einer psychischen Krankheit leidet, bekommt seitdem nach etwa sechs Wochen einen ersten Sprechstundentermin und unter Umständen eine Akutbehandlung. Auf eine richtige Therapie müssen Hilfesuchende laut der Bundes-Psychotherapeuten-Kammer allerdings im Schnitt noch immer fünf lange Monate warten.

„Die Wartezeiten sind noch erheblich zu lang“, erklärt die Psychotherapeutenkammer dazu. Besonders kritisch sei die Lage außerhalb der Großstädte und im Ruhrgebiet. Lange Wartezeiten verschlimmerten psychische Erkrankungen, die dann chronisch werden könnten. Manche Patienten würden die Suche irgendwann auch aufgeben und in der Konsequenz nie behandelt. Die Psychotherapeuten fordern deshalb 7000 zusätzliche Praxen in Deutschland, zumal „eine weiter steigende Nachfrage nach psychotherapeutischer Behandlung zu erwarten“ sei. Hinzu kommt, dass den Ärzten zufolge bisher erst 20 Prozent der psychisch kranken Menschen professionelle Hilfe nachfragen. Sollten die anderen 80 Prozent auch Bedarf anmelden, wären die Praxen endgültig überlaufen und die Versorgung würde vermutlich zusammenbrechen.

Schon jetzt steigt die Zahl der verordneten Antidepressiva beachtlich. So wurden im vorletzten Jahr 1500 Millionen definierte Tagesdosen in Deutschland verordnet, etwa 50 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor. Ob eine derartige Steigerung wirklich notwendig war, diskutieren die Fachleute kontrovers. Dem Arzneimittelverordnungsreport 2017 zufolge wird zunehmend bezweifelt, „ob das über lange Zeit steigende Verordnungsvolumen von neueren Antidepressiva rationalen Kriterien gehorchte“.

Unabhängig davon kritisieren das Deutsche Ärzteblatt und die Psychotherapeutenkammer: „Viele Patienten werden einseitig nur medikamentös versorgt.“ Das entspreche nicht den Leitlinien und sei zudem teurer: Die Ausgaben für Psychopharmaka betrugen 2010 demnach etwa 2,6 Milliarden Euro, für ambulante Psychotherapien wurden hingegen nur 1,5 Milliarden Euro ausgegeben.

Jenseits der Pillen wäre es auch sinnvoll, bei den Arbeitsbedingungen anzusetzen. Wie eine Umfrage im großangelegten Report „Sicherheit und Gesundheit bei der Arbeit“ ergibt, geben sechs von zehn Erwerbstätigen in Deutschland an, verschiedene Arbeiten gleichzeitig zu betreuen. Jeder zweite spricht von „starkem Termin- oder Leistungsdruck“ und immerhin jeder sechste arbeitet nach eigenem Dafürhalten an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit.

Im Vergleich zu den Vorjahren gibt es zwar etwas weniger Betroffene, aber – und das ist für psychische Leiden entscheidend – die Zahl derer, die sich durch diese sogenannten Stressoren belastet fühlen, nimmt stark zu. Woran das liegt, geht aus dem Bericht nicht hervor. Möglich wäre, dass die deutschen Arbeitnehmer empfindlicher geworden sind. Denkbar ist aber auch, dass der Leistungsdruck bei denjenigen, die ihn empfinden, tatsächlich zugenommen hat.

Zu jenen Mitarbeitern, die am häufigsten von Burnout betroffen sind, zählen seit jeher die Angestellten in Callcentern („Dialogmarketing“) sowie Aufsichts- und Führungskräfte im Verkauf. Auch Erziehern und Altenpflegern setzt ihr Beruf überproportional häufig zu.

Datenrecherche: Matthias Janson (Statista)
Quellen: DAK, Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, Bundes Psychotherapeuten Kammer, Arzneiverordnungsreport 2018 – Deutsches Ärzteblatt

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Quelle: FAZ.NET