Illustration: Katharina Hofbauer
Schneller Schlau

Sollten Inlandsflüge verboten werden?

Von MARTIN FRANKE, Grafiken: OLIVER SCHLÖMER · 19. Juli 2021

Die Grünen fordern das Ende von innerdeutschen Kurzstreckenflügen. Die Bahn ist aber oft keine wirklich gute Alternative.


150 Kilometer Entfernung, 23 Minuten in der Luft: Der bislang kürzeste deutsche Kurzstreckenflug zwischen München und Nürnberg ist seit wenigen Wochen gestrichen. Auch zwischen Köln und Frankfurt sowie zwischen Berlin und Hamburg fliegt die Lufthansa nicht mehr. Die Begründung: Die Lufthansa habe Inlandsflüge immer dort aufgegeben, wo die Deutsche Bahn konkurrenzfähig sei. Das dürfte die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock freuen. Im Mai warb sie dafür, dass es Kurzstreckenflüge „perspektivisch nicht mehr geben“ solle. Die Debatte um Verbote folgte sogleich. Im Grundsatzprogramm der Grünen steht, dass „die europäischen Großstädte durch schnelle transnationale Bahnverbindungen, ein komfortables Nachtzugangebot und ein einheitliches europäisches Buchungssystem zu vernetzen“ sind. Wer nun aus Nürnberg den Flughafen in München nutzen will, muss jedoch feststellen, dass eine Reise mit der Bahn mitunter 2-3 Stunden dauern kann. Das zweitgrößte Drehkreuz Deutschlands für den Flugverkehr ist nicht an das ICE-Netz angebunden. Hierzulande gibt es lediglich drei Flughäfen mit einem ICE-Anschluss. 

Die Airports in Hamburg (25 Minuten bis Hbf) und München (40 Minuten bis Hbf) sind nur mit der S-Bahn erreichbar. Den Flughafen Leipzig/Halle fahren Intercitys an. Der neue BER-Hauptstadtflughafen wartet auf die Anbindung an das ICE-Netz. Stuttgart 21 ist noch im Bau. Wann, wie und wo ist die Bahn also konkurrenzfähig? Wir haben gerechnet: Wer von München nach Frankfurt fliegt, sitzt eine Stunde in der Luft. Die Fahrten mit der S-Bahn zum und vom Flughafen schlagen etwa 55 Minuten drauf, hinzu kommt eine Stunde für den Check-in. Die Strecke mit dem ICE von Innenstadt zu Innenstadt dauert 3:37 Stunden. Die Reise mit dem Flugzeug wäre also rund 40 Minuten schneller. Eine F.A.Z.-Abfrage bei Suchmaschinen für verschiedene Bahn- und Flugverbindungen hat ergeben, dass sich nur längere Strecken mit dem Flieger zeitlich lohnen; dagegen sind die Kosten teilweise deutlich höher als bei der Bahn.

Das macht sich auch bei den Gästezahlen bemerkbar. Hat sich die Zahl der Passagiere seit 2008 leicht rückgängig entwickelt, so ist die Zahl der Bahnfahrer im gleichen Zeitraum merklich gestiegen. Das liegt unter anderem am Ausbau von Schnellstrecken, hat aber auch mit dem größer werdenden Verkehrsaufkommen insgesamt zu tun. Inlandsflüge der Lufthansa nutzen zwei Drittel der Gäste, um zu längeren Verbindungen ins Ausland umzusteigen.

Leider sieht es so aus, dass die Deutschen im europäischen Vergleich eher Bahnmuffel sind. Das geht aus einer Umfrage von „Germanwatch“ hervor, an der Anfang dieses Jahres mehr als 6000 Personen teilgenommen haben. Demnach ist nur jeder Vierte hierzulande bereit, vom Flugzeug auf die Bahn umzusteigen, wenn die Fahrt länger als fünf Stunden dauert. Unter den befragten Spaniern, Franzosen, Polen und Niederländern ist es fast jeder Zweite. Von der hin und wieder diskutierten „Flugscham“ ist wenig zu sehen. Zwar verursachen auch Züge Lärm und teilweise auch Abgase.

Im CO2-Vergleich aber schlägt die Bahn das Flugzeug bei weitem. Insgesamt ist der Verkehr in Deutschland für etwa 20 Prozent der Treibhausgasemissionen verantwortlich. Auf einem Inlandsflug wird pro Kilometer deutlich mehr CO2 ausgestoßen als auf der Schiene. Dabei geht die Klimawirkung des Luftverkehrs deutlich über die reine Emission von CO2 hinaus. Verkehrsemissionen in der Luft wirken sich stärker aus als Abgase am Boden. Grund dafür sind sogenannte Nicht-CO2-Effekte wie etwa der Ausstoß von Partikeln, Wasserdampf, Schwefel- und Stickoxiden in Reiseflughöhe, die zur Erwärmung der Atmosphäre beitragen. 

Die Daten zeigen aber auch, dass Inlandsflüge in Deutschland nur einen sehr geringen Anteil an den CO2-Emissionen haben. Gerade einmal 1,4 Prozent aller Verkehrsemissionen gehen auf das Konto von Fliegern. Die Verbotsdebatte um Inlandsflüge hat daher auch einen symbolischen Charakter. Die Lufthansa warnt sogar im Namen des Klimas: Würden Verbote verhängt, erhöhten sich die Emissionen, weil Reisende auf Fluggesellschaften und Umsteigeflughäfen im Ausland umstiegen, wie Istanbul, Amsterdam oder Paris. Im Nachbarland Frankreich sind Kurzstreckenflüge verboten, wenn der TGV die Strecke in 2,5 Stunden schafft. Trotzdem ist es eine Tatsache, dass die meisten Abgase nach wir vor durch Autos verursacht werden. Auch die Bahn ist nicht überall umweltfreundlich. Nach eigenen Angaben sind gerade einmal 61 Prozent des Gleisnetzes elektrifiziert. Vielerorts fahren immer noch Dieselloks herum.

CO2-Anteile pro Verkehrsträger 2019
Gemessene CO2-Emissionen je Verkehrsträger1

1) Sonstige 0,6 %
Grafik: omer. / Quelle: Bundestagsdrucksache 19/25387

Das Zauberwort könnte „intermodaler Verkehr“ lauten – also der kombinierte Verkehr von mehreren Transportmitteln, um kurze Flüge überflüssig zu machen. Ein Problem dabei: Die Bundesregierung hat 2019 gerade einmal 76 Euro pro Kopf in die Schiene investiert . Für einen Flächenstaat ist das nicht viel, Deutschland könnte deutlich mehr Geld für den Ausbau und die Instandhaltung des Schienennetzes ausgeben. Verkehrsforscher bemängeln, dass sich das Schienennetz in einem schlechten Zustand befinde, Umleitungsmöglichkeiten bei wichtigen Verkehrsadern für den Fall eines Ausfalls fehlten. Sie sagen aber auch, dass viel Geld derzeit keine schnelle Heilung verspreche, da es schlichtweg an Ingenieuren mangele.

Ohne Zweifel ist die Bahn bei der Verkehrswende ein Teil der Lösung. Fraglich ist nach wie vor, wie viel sie dazu beitragen kann. Die Bahn konkurriert nämlich nicht nur mit Inlandsflügen, sondern auch mit sich selbst: der Schienengüterverkehr ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Um den Gütertransport noch klimafreundlicher zu machen, müsste noch mehr von der Straße auf die Schiene verlagert werden. Das würde aber sicherlich auch Auswirkungen auf den Personenverkehr haben. Sinnvoll könnten zudem mehr günstige Tickets sein, um Menschen vom Auto zur Bahn zu bewegen. Spaniens Bahnbetreiber RENFE bietet seit Ende Juni Schnäppchen-Zugfahrten an: Von Madrid nach Barcelona ab sieben Euro. Bei so einem Preis kann weder ein Flugzeug noch das Auto mithalten.


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