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Foto: Engin Akyurt / Illustration: Jens Giesel
Schneller Schlau

Wie das Corona­virus die deutsche Wirtschaft trifft

Von BASTIAN BENRATH, Grafiken: JENS GIESEL, JOHANNES THIELEN · 29.06.2020

Die Corona-Krise setzt vielen deutschen Unternehmen hart zu. Doch es gibt nicht nur Verlierer. Unsere Serie „Schneller Schlau“ gibt einen Überblick – und einen Ausblick, wie es wahrscheinlich weitergeht.

Als das Coronavirus kam, verlor Benjamin Molzberger von einem auf den anderen Tag seine Arbeit. Er ist Koch und stellvertretender Küchenchef in einem beliebten Frankfurter Restaurant. Als Deutschland im März unvermittelt in den Lockdown wechselte, weil das Virus, das zu Anfang des Jahres nur die Nachrichten aus China bestimmt hatte, eben doch seinen Weg nach Europa gefunden hatte, wurden viele Arbeitnehmer ins Homeoffice geschickt. Für einen Koch aber ergäbe das keinen Sinn – für Molzberger hieß es: keine Gäste, keine Arbeit.  

Immerhin, so erzählte er es der F.A.Z. Woche, stand er nicht ohne Einkommen da, dank Kurzarbeit erhielt er weiterhin 60 Prozent seines Gehalts. Ein Freund, den er noch von der Berufsschule kannte, stellte einen Foodtruck auf ein Grundstück im Frankfurter Stadtteil Harheim. In ihm begannen Molzberger und sein Freund, Essen für die im Homeoffice arbeitenden Menschen zu machen, die mittags keine Zeit zum Kochen haben. „Wir können nur kochen, wir haben nichts anderes gelernt. Also kochen wir halt weiter“, sagte er.

Doch das änderte nichts daran, dass die Umsätze des Restaurants, in dem Molzberger eigentlich arbeitet, von einem Tag auf den anderen auf Null fielen. Das Gastgewerbe ist eine der Branchen, die vom amtlich verfügten Stillstand im März und April am stärksten getroffen wurden: Um fast 70 Prozent brach seine Wirtschaftsleistung durch den Shutdown ein, wie das Ifo-Institut berechnet hat. Noch schlimmer traf es nur die Luftfahrt, deren Wertschöpfung ging sogar um mehr als drei Viertel zurück. Die einzige Branche, die im April mehr umsetzte als im Januar, war die Pharmaindustrie.

Welche Auswirkungen die Zwangspause für die deutschen Unternehmen in Euro und Cent hat, hat sich in der Bilanzsaison für das erste Vierteljahr bereits angedeutet. Zum Beispiel bei der Lufthansa: Ihr Vorstandsvorsitzender Carsten Spohr sagte den denkwürdigen Satz, der Flugplan sei angesichts der Corona-Krise nun wieder auf der Größe des Jahres 1955. Der Konzern hatte schon in den ersten drei Monaten 2019 ein Defizit von 335 Millionen Euro verzeichnet – im ersten Quartal diesen Jahres stand ein Fehlbetrag von 2,1 Milliarden Euro unter dem Strich.

Außer Luftfahrtunternehmen litt auch die Autoindustrie: Daimlers Gewinn schrumpfte um 92 Prozent, Volkswagens um 83 Prozent. Für den nach Umsatz größten Autohersteller der Welt bedeutete das  2,5 Milliarden Euro weniger Gewinn als im Vorjahresquartal. Bis zum Redaktionsschluss hatten 26 Dax-Unternehmen ihre Quartalszahlen vorgelegt. Gerade einmal 8 konnten ihr Ergebnis verbessern – 18 mussten Rückgänge verkraften, die meisten um dreistellige Millionen- oder sogar Milliardensummen.

Allerdings müssen auch diverse Sondereffekte beachtet werden, welche die Zahlen beeinflussen. Das Ergebnis von SAP zum Beispiel verbesserte sich nicht vorrangig wegen Corona so stark, die Krise belastete den Softwarekonzern eher: Seine klassischen Lizenzumsätze sanken um 30 Prozent. Doch im Vorjahr hatte die Restrukturierung des Unternehmens das Ergebnis stark belastet, daher wirkte der Gewinn im ersten Quartal diesen Jahres wesentlich höher.

Die Digital- und die Pharmabranche gehören trotzdem eindeutig zu den Profiteuren der Viruskrise. Hätte sich das Unternehmen nicht im hausgemachten Bilanzskandal verfangen, hätte wahrscheinlich auch Wirecard von diesem Trend profitiert. Mit Fresenius, Fresenius Medical Care, Bayer und Merck finden sich auch alle Pharmakonzerne im Dax auf dessen überschaubarer Gewinnerseite wieder, Bayer und Merck waren mit ihren Gewinnzuwächsen sogar unter den Top 3.

Dieses Muster – Digitales und Pharma top, die meisten anderen Branchen flop – setzt sich fort, wenn man darauf schaut, welche Aktien an der Börse erfolgreich liefen und welche nicht. Die im M-Dax notierten deutschen Digitalunternehmen Teamviewer, Hellofresh und Zalando sind unter den Börsengewinnern des ersten Halbjahrs. Auch im Index der mittelgroßen Werte ist ebenso ein Unternehmen aus der Pharmabranche erfolgreich: Die Aktie des Labormaschinen-Herstellers Sartorius legte seit Jahresbeginn um rund die Hälfte zu. Über noch mehr können sich Anleger freuen, die Anfang des Jahres in den Videokonferenz-Anbieter Zoom investiert hatten. Mit einem Kursgewinn von fast 270 Prozent stellt er alle deutschen Werte in den Schatten.

Dass die Gewinneraktien deutlich stärker stiegen als die Verlier fielen, mag den einen oder anderen beruhigen. Doch inzwischen warnen viele Börsenbeobachter, dass am Aktienmarkt für die realwirtschaftliche Krise eigentlich eine viel zu positive Stimmung herrsche. Vor allem, weil die Geschäftszahlen des ersten Vierteljahres nicht mal die halbe Geschichte der Corona-Krise erzählen: Die schlimmsten Monate des Shutdowns waren in Deutschland März, April und der erste Teil des Mai – wovon nur der März zum ersten Quartal gehört. Folglich prophezeien Ökonomen, dass die Bilanzsaison nach dem zweiten Quartal, die Ende Juli beginnt, noch dramatischere Neuigkeiten bereithalten könnte.

Führende Wirtschaftsverbände erwarten zudem, dass Deutschlands Exporte im laufenden Jahr um 15 Prozent zurückgehen werden. Eine Volkswirtschaft, die so stark auf Exporte ausgerichtet ist wie die deutsche, trifft das schwer. Außerdem besteht noch die Gefahr, dass eine weitere Viruswelle Deutschland trifft, die Infiziertenzahlen noch einmal deutlich steigen und es zu einem weiteren Lockdown kommt. Es gibt also genug Quellen für mögliche Hiobsbotschaften, die der Wirtschaft und dem Aktienmarkt noch einen empfindlichen Schlag versetzen können.

Darüber, wie stark die Krise Deutschland zum Jahresende getroffen haben wird, herrscht entsprechend großes Rätselraten. In den Konjunkturprognosen ist aber eine interessante Bewegung zu sehen: Im Mai, nach zwei Monaten Lockdown, sahen die Fachleute die Entwicklung am negativsten, einige Prognosen rechneten damit, dass die deutsche Wirtschaft 2020 um mehr als 8 Prozent schrumpfen werde. Im Juni wurden die Voraussagen für das Jahr dann wieder besser. Vielleicht ist das ein Beleg dafür, dass Ökonomen auch von der aktuellen Stimmung beeinflusst sind.

Benjamin Molzberger arbeitet übrigens wieder in seinem Restaurant. Seit Mitte Mai dürfen diese in Hessen wieder öffnen, also kehrte er dem Foodtruck den Rücken und zurück in die Küche. Ganz Deutschland öffnete um diese Zeit zögerlich wieder. Zwei Indikatoren, die das allmähliche Wieder-Hochfahren gut illustrieren, sind die Fahrleistung von Lastwagen auf Autobahnen sowie die Fußgängerfrequenz in den Innenstädten: Beide Werte steigen seit gut einem Monat wieder.

Sollte keine weitere Corona-Welle kommen, könnte das Schlimmste überstanden sein. Molzberger jedenfalls bleibt optimistisch: „Es wird auch ein Leben nach Corona geben.“


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29.06.2020
Quelle: F.A.Z.

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