Schönheitschirurgie

Wenn Wanderärzte Botox spritzen

Von Christoph Ruhkamp
26.06.2012
, 09:48
Ein Schnitt mit dem Skalpell für einen straffen Bauch
Brustoperationen vom Hals-Nasen-Ohren-Arzt, Lidkorrekturen vom Dermatologen: Der Markt für Schönheitschirurgie ist stark umkämpft und kaum reguliert.
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Vor einiger Zeit machte in Köln ein aus Spanien angereister Wanderarzt von sich reden. In einem normalen Friseursalon veranstaltete Peter Dana aus Marbella für die Kundinnen Botox-Partys. In den Kellerräumen des Salons spritzte er den versammelten Damen gegen entsprechende Entlohnung das Medikament unter die Haut. Botulinumtoxin lähmt bekanntermaßen bei professioneller Verwendung jene Gesichtsmuskeln, die Falten verursachen. Für den spanischen Wanderarzt blieb die Arbeit im Friseursalon zwar nach einer Intervention der Ärztekammer nur ein Gastspiel, denn in Deutschland darf ein Arzt die Heilkunde nicht im Umherziehen ausüben.

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Der Vorfall zeigt jedoch, wie umkämpft das Geschäft mit der Schönheit ist. Neben den dafür ausgebildeten „plastischen und ästhetischen Chirurgen“ tummeln sich Tausende unter dem Begriff „Schönheitschirurg“, die in Wirklichkeit keine solchen sind. Denn mit ästhetischer Medizin lässt sich viel Geld verdienen. Am meisten gefragt sind Brustoperationen, Nasenkorrekturen, Fettabsaugungen und Bauchstraffungen sowie sogenannte „softe“ Behandlungen mit Botulinumtoxin und Faltenunterspritzungen mit Hyaluronsäure - insbesondere Letztere entwickeln sich zu einem riesigen Markt.

Keine Regulierung des Marktes

Nach Schätzungen der Vereinigung der Plastischen Chirurgen namens „DGPRÄC“ beläuft sich der Umsatz mit ästhetischer Medizin in Deutschland jährlich auf 5 Milliarden Euro, davon sollen 800 Millionen Euro auf plastische Operationen entfallen, die nicht primär medizinisch indiziert sind. Die Schätzung ist jedoch über fünf Jahre alt, eine neuere gibt es nicht. Und damit enden die Teilgewissheiten. Nicht einmal die Anzahl der Schönheitschirurgen in Deutschland kennt man genau, da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist. An ausgebildeten plastischen Chirurgen zählt deren Verband etwas mehr als achthundert. „Aber als sogenannte Schönheitschirurgen dürften sich etwa zehnmal so viele Ärzte betätigen“, sagt Klaus Hebold, plastischer Chirurg und Miteigentümer der Forum-Klinik in Köln.

Der Markt ist von heftigen Verteilungskämpfen gezeichnet und wird kaum reguliert. Hals-Nasen-Ohren-Ärzte führen Brustoperationen durch, Mund-Kiefer-Gesichtschirurgen kümmern sich um Bauchstraffungen, und Dermatologen bieten Schlupflidkorrekturen an. Zahllose Arten von weitergebildeten Fachärzten machen den eigentlichen plastischen Chirurgen zunehmend das Geschäft streitig - und treffen damit auf erste Widerstände: „Hin und wieder gibt es eine Abmahnung von der Ärztekammer. Aber da geht es ja nur um ein wenig Geldstrafe“, seufzt resigniert Kerstin van Ark, die Sprecherin der Vereinigung der Plastischen Chirurgen in Berlin. „Sorge bereitet uns die Berufsausübung von Ärzten ohne jede Facharztqualifikation in diesem Bereich.“

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Ringen um Kunden

Bemühungen, gewisse Qualitätsstandards strenger durchzusetzen; befinden sich noch im Anfangsstadium. So lehnte der 115. Deutsche Ärztetag 2012 irreführende und nicht geschützte Berufsbezeichnungen wie „Schönheitschirurg“, „Brustchirurg“ und „Nasenchirurg“ ab. Der korrekte Facharzttitel oder die Zusatzbezeichnung müsse sich an der Weiterbildungsordnung orientieren, hieß es. Denn es komme wiederholt vor, dass von nicht ausreichend qualifizierten Ärzten, Zahnärzten und nichtärztlichen medizinischen Berufen wie Heilpraktikern eigene Leistungen mit solchen Titeln beworben werden. Kein Wunder: Rund 2000 Euro bringt eine Korrektur der Oberlider ein, etwa 12.000 Euro eine komplettes Facelift.

Brustverkleinerung und Bruststraffung auf Platz Eins der Schönheits-OPs
Brustverkleinerung und Bruststraffung auf Platz Eins der Schönheits-OPs Bild: F.A.Z.

Das Ringen um die Kunden führt zu einem Unterbietungswettbewerb. So werben auf der Versteigerungsplattform Groupon im Internet sogar Heilpraktiker, die gar nicht dafür ausgebildet sind, für Faltenunterspritzungen. 50 Prozent Rabatt werden geboten - 145 Euro statt 290 Euro. Das Ergebnis der Behandlung - mehr Volumen für das alternde Gesicht - hält in der Regel gut ein Jahr. Ihr Recht zum Spritzen von Botox oder Hyaluronsäure leiten die Heilpraktiker aus dem Naturheilverfahren des „Quaddeln“ ab.

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Eine Spritze für 300 Euro

Inzwischen weit verbreitet ist in Deutschland die Faltenbekämpfung mit Botulinumtoxin. Obwohl sich im Volksmund der Name Botox etabliert hat, heißt das für die Schönheit zugelassene inhaltlich identische Medikament Vistabel und wird vom amerikanischen Pharmakonzern Allergan hergestellt. In Deutschland gibt es mehr Vorbehalte gegen das als Nervengift verschriene Medikament als in Amerika, wo Schauspieler sich oft verpflichten müssen, Botox kontinuierlich zu verwenden, damit sie nicht von Szene zu Szene anders aussehen. Rund 300 bis 500 Euro kostet die Spritze vom Profi, deren Wirkung drei bis vier Monate andauert. Hinter Botox allein steckt ein riesiger Markt. Die von Bakterien produzierte Substanz dürfte je Gewichtseinheit die teuerste der Welt sein - ein Gramm davon ist mehrere Milliarden Euro wert. Allerdings wird Botox in der ästhetischen Medizin nur in extrem starker Verdünnung verwendet.

So wird aus dem ursprünglich tödlichen Wurstgift, das in vergammelnden Konserven entstehen kann, ein Medikament. Erst die 50- bis 100fache Menge der in der ästhetischen Medizin verwendeten Dosis ist tödlich. Hergestellt wird Botox, das die Übertragung der Nervenerregung zum Muskel vorübergehend blockiert, nur von vier Unternehmen. Marktführer ist Allergan. Seit Jahren stetig steigt der Aktienkurs des breit aufgestellten Pharmaunternehmens aus Kalifornien mit seinen 5000 Beschäftigten. Binnen zehn Jahren hat sich der Börsenwert von Allergan vervierfacht. Botox fand erstmals in den achtziger Jahren Anwendung in der Augenheilkunde bei Schielpatienten und in der Neurologie bei Muskelkrampfzuständen.

Jünger und fitter

Unter den Patientinnen und Kundinnen für ästhetische Medizin - fast 90 Prozent sind Frauen - unterscheidet der Kölner Chirurg Hebold zwei große Gruppen: „Die einen wollen sich nur etwas jünger und fitter aussehen lassen. Das sind die Kunden für Botox und Hyaluronsäure. Die anderen haben aber meist hohen Leidensdruck, weil sie einen Teil ihres Körpers als Makel empfinden. Das sind die Patientinnen, die operative Eingriffe vornehmen lassen“, sagt Hebold.

Ganz allgemein gehe es meist darum, im sexuellen Sinne besser zu gefallen. Es seien fast alle Altersgruppen vertreten - von der Zwanzigjährigen bis zur Achtzigjährigen. Hebold erinnert sich an die Bruststraffung für eine 77 Jahre alte Motorradfahrerin. „Es gibt auch Manager, die einfach dank einer Vistabel-Spritze erholt aussehen wollen für die nächste Vorstandssitzung“, sagt Hebold. Auch die Einkommens- und Vermögensverteilung der Kundinnen entzieht sich Verallgemeinerungen: Es gibt die Millionärin unter den Patientinnen ebenso wie die Fleischwarenfachverkäuferin, die sich eine Operation vom Munde abspart.

Quelle: F.A.Z.
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