Corona-Nationalismus

„So können wir die Seuche nicht besiegen“

Von Sebastian Balzter
22.09.2021
, 13:48
John-Arne Røttingen von der Impfinitiative Covax.
Die reichen Länder haben viel zu viel Corona-Impfstoff, die armen sind unterversorgt. Das sagt John-Arne Røttingen von der Impfstoff-Initiative der Weltgesundheitsorganisation.
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Herr Røttingen, die Impfinitiative Covax hinter der die Weltgesundheitsorganisation und die private Gavi-Stiftung stehen, sollte für eine gerechte Verteilung des Corona-Impfstoffs auf der Welt sorgen. Woran ist sie gescheitert?

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Gescheitert sind wir nicht. Aber wir haben bisher nicht die Ziele erreicht, die wir uns gesetzt hatten. Bis zum Ende dieses Jahres wollten wir 2 Milliarden Menschen in den 92 ärmsten Ländern der Welt geimpft haben. Wir haben bis jetzt aber erst rund 260 Millionen Dosen Impfstoff verteilen können. Unser neues Ziel ist, bis zum Ende des Jahres auf 1,4 Milliarden Dosen zu kommen.

Warum klappt es nicht mit dem anfänglichen Ziel? Fehlt Ihnen das Geld?

Es gibt drei andere entscheidende Punkte. Erstens sollte das Serum Institute of India einer unserer wichtigsten Lieferanten sein. Das fing auch vielversprechend an. Abgemacht war, dass jeweils die Hälfte der Produktionsmenge in Indien bleiben und die andere Hälfte in die anderen Covax-Empfängerländer exportiert werden sollte. Dann aber hat Indien die Ausfuhr von Impfstoff gestoppt, um die einheimische Bevölkerung zu immunisieren. Der zweite Grund für die Verzögerung ist, dass einige Impfstoffkandidaten, auf die wir gesetzt hatten, nicht die erhofften Wirksamkeit gegen das Virus erreicht haben. Dazu gehören die Präparate von Novavax aus den Vereinigten Staaten, Clover aus China und Curevac aus Deutschland. Drittens erhalten wir die Lieferungen von anderen Impfstofffirmen zum Teil erheblich später als vereinbart.

Von den Firmen Moderna, Pfizer und BioNTech hören wir, die Produktionsziele würden übertroffen. In Deutschland stapelt sich der Impfstoff. Haben Sie auf die falschen Pferde gesetzt?

Sowohl Pfizer/BioNTech als auch Moderna zählen inzwischen auch zu unseren Lieferanten. Ihre sogenannten MRNA-Impfstoffe kommen wie abgemacht bei uns an. Aber insgesamt fehlt uns Transparenz über die Liefermengen und Produktionskapazitäten der verschiedenen Impfstoffhersteller. Einige Verspätungen scheinen mir nicht wirklich mit Produktionsausfällen zu erklären zu sein.

Wollen Sie sagen: Die reichen Staaten, die in der Öffentlichkeit hinter Covax stehen, kaufen hintenrum den ärmeren den Impfstoff weg?

Der Verdacht drängt sich jedenfalls auf, dass andere Kunden uns schlicht aus kommerziellen Gründen vorgezogen werden.

Und die Hersteller lassen sich darauf ein, weil sie damit mehr verdienen?

Die Vermutung liegt nahe. Dabei haben die Firmen mit uns Verträge geschlossen, an die sie sich halten sollten. Es dürfte sie nicht kümmern, wenn jemand anders einen Aufschlag zahlt.

Um welche Hersteller geht es dabei?

Dazu möchte ich nichts sagen.

Welche Impfstoffe treffen typischerweise verspätet bei Ihnen ein?

Es geht zum Beispiel um Lieferungen von Johnson & Johnson aus den Vereinigten Staaten sowie um Bestellungen beim schwedisch-britischen Konzern Astra-Zeneca.

Das könnte daran hängen, dass der Astra-Zeneca-Impfstoff in Indien hergestellt wird.

Den Effekt der indischen Exportsperre habe ich dabei schon berücksichtigt. Die Firma hat auch noch Fabriken in einer Reihe anderer Länder. Auch von dort werden uns Verspätungen gemeldet.

Fassen wir zusammen: Als Covax im Sommer 2020 unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation ins Leben gerufen wurde, gab es noch keinen einzigen zugelassenen Impfstoff. Das Versprechen war, arme und reiche Länder gleichermaßen damit zu versorgen, wenn es so weit ist. Stattdessen hat sich der Impfstoffnationalismus durchgesetzt – und in Afrika sind bis heute sehr wenige Menschen geimpft.

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Das ist frustrierend.

Haben Sie dabei den persönlichen Geltungs- und Gestaltungsdrang der Politiker unterschätzt?

Nein. Ich weiß, wie politische Entscheidungen zustande kommen. Aber unser Antrieb muss doch sein, diese Pandemie so bald wie möglich unter Kontrolle zu bekommen. Da sollten andere politische Interessen zurückstehen. Jeden Tag verliert die Weltwirtschaft sonst Milliarden von Euro. Ich habe den Eindruck, dass darüber in der Öffentlichkeit immer noch viel zu wenig debattiert wird.

In den Industriestaaten wird bald viel mehr Impfstoff als nötig da sein. Sinken dann die Preise? Und wird das die Versorgung der Armen nicht zwangsläufig leichter machen?

Bislang ist das nicht abzusehen. Wir bewegen uns auf einem Verkäufermarkt, im weltweiten Maßstab ist Corona-Impfstoff immer noch ein knappes Gut. Wie das Mitte 2022 aussieht, lässt sich kaum vorhersagen. Weil wir noch nicht wissen, wie viele Geimpfte eine Spritze zur Auffrischung brauchen und ob Virusvarianten vielleicht eine ganz neue Impfung nötig machen. Die Varianten sind der Grund, warum ich sage: Wir kommen nicht aus dieser Pandemie raus, solange nicht die ganze Welt aus ihr herauskommt. Das heißt aber auch: So wie es bisher läuft, werden wir die Seuche nicht besiegen.

Schaffen die ärmsten Länder es überhaupt, den Impfstoff, den sie bekommen, zu den Leuten zu bringen? Haben sie dafür das nötige Personal, die nötige Infrastruktur?

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Die Gesundheitsbehörden melden uns, dass sie viel mehr Menschen impfen könnten, wenn sie mehr Impfstoff hätten. Der Flaschenhals ist nicht die Verteilung in den Empfängerländern, es hapert dort nicht an Kühlschränken und Spritzen. Der Flaschenhals ist – immer noch – die Versorgung mit Impfstoff.

Würde es helfen, wenn der Patentschutz auf Corona-Impfstoffe aufgehoben würde, wie es zum Beispiel die Ärzte ohne Grenzen fordern?

Für den akuten Kampf gegen die Corona-Pandemie würde das nichts bringen. Es dauert einfach zu lange, eine Qualitätsproduktion aufzubauen, wenn man damit keine Erfahrung hat. Jetzt geht es darum, dass wir die Märkte besser koordinieren und dass die Patentinhaber ihre Produktion möglichst schnell ausbauen, auch indem sie Partnerunternehmen in anderen Ländern anleiten, die Impfstoffe herzustellen.

Tun die Pharmafirmen genug dafür?

Nein. Dieser Technologietransfer läuft zu langsam. Gerade bei den neuartigen MRNA-Impfstoffen halten sich die Hersteller zu sehr damit zurück. Dabei haben sie ihre Investitionen mit den Verkäufen in den vergangenen Monaten mehr als reingeholt. Jetzt sollten sie sich viel mehr für die weltweite Verfügbarkeit ihrer Impfstoffe einsetzen. Und der Weltverband der Pharmaindustrie sollte uns dabei helfen, Transparenz auf dem Impfstoffmarkt herzustellen.

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Wenn Sie bis zum Ende des Jahres auf 1,4 Milliarden Dosen kommen wollen, bleiben noch drei Monate für eine knappe Milliarde Dosen. Wie soll das gehen?

Wir haben inzwischen zusätzlich die beiden chinesischen Hersteller Sinovac und Sinofarm in unser Programm aufgenommen, das hilft uns. Außerdem setzen wir jetzt, als Ergänzung zu unserem eigenen Einkaufsprogramm, verstärkt auf Impfstoffspenden. Dass die EU-Kommission am Mittwoch 200 Millionen zusätzliche Dosen versprochen hat, sollten sich Regierungen zum Vorbild nehmen, die doppelt oder dreimal so viel Impfstoff geordert haben als nötig.

Haben sie das aus Raffgier getan?

Nein. Indem sie früh doppelt oder dreifach bestellten, haben sie eine Art Versicherungsprämie bezahlt für den Fall, dass einer der von ihnen ausgewählten Impfstoffkandidaten doch nicht wirken sollte. Jetzt sollten sie den Überschuss spenden. Und denen, die sich das aus politischen Gründen nicht leisten zu können glauben, wollen wir überzählige Dosen auf dem Zweitmarkt abkaufen. Idealerweise überweist uns das Entwicklungshilfeministerium dann den gleichen Betrag, den wir an das Gesundheitsministerium desselben Staats zahlen. Dann ist es ein Nullsummenspiel.

Warum sollte ein Regierungschef die eigene Impfstoff-Wohltätigkeit über ein Vehikel wie Covax laufen lassen, anstatt öffentlichkeitswirksam direkt zu spenden?

Weil wir den Impfstoff gerecht verteilen. Und weil wir darauf achten, dass er bei den besonders Gefährdeten ankommt. Falls das dem einen oder anderen Politiker nicht direkt genug ist: Wir markieren alle gespendeten Impfstoffe, das Geberland steht drauf. Dann sehen die Leute, aus welchem Land sie die ersehnte Hilfe bekommen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Balzter, Sebastian
Sebastian Balzter
Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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