Verreisen in der Pandemie

Wie geht Urlaub mit Umsicht?

Von Timo Kotowski
11.06.2021
, 15:01
Bald starten die Sommerferien. Der Urlaub mit Umsicht wird möglich sein. Doch Reisende müssen einiges beachten. Hier kommen Antworten auf die wichtigsten Fragen.

„Wir werden anders reisen, aber wir werden reisen“, sagt Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU). Was bedeutet das für Urlauber?

Mit dem Sinken von Inzidenzzahlen und dem Ende von Quarantänepflichten sind viele Länder Europas für Sommerurlauber wieder erreichbar. Allerdings bestehen Auflagen fort, die sich hauptsächlich auf zusätzlich nötige Dokumente beziehen. „Nicht nur an die Zahnbürste denken, sondern auch an die anderen Dinge auf der Checkliste“, formuliert Scheuer seine Mahnung etwas flapsig. Das Missachten dieses Rats kann aber Urlaubspläne durchkreuzen, wie Dirk Inger, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Reiseverbands (DRV) mahnte.

Inger ist gerade dienstlich in Griechenland. Auf seinem Hinflug hätten zehn Passagiere nicht mitfliegen dürfen, weil sie entweder keinen Nachweis über einen negativen Test beziehungsweise eine Impfung dabei hatten – oder die von Griechenland geforderte digitale Einreiseanmeldung nicht erledigt hatten. Damit das in den Ferien Urlaubern nicht passiert, haben der DRV und der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) eine Checkliste gestaltet, die Reisende online bei den Verbänden und beim Verkehrsministerium finden.

Es gibt mehr Formalitäten – dauert die Hinreise deshalb länger?

Darauf sollten sich Urlauber einstellen. Die dringende Empfehlung ist, dass Reisende den üblichen Ratschlag mindestens zwei Stunden vor dem Start des Urlaubsfliegers am Flughafen zu sein, in diesem Sommer besonders ernst nehmen. „Entlang der gesamten Reisekette sind die Sicherheitsanforderungen gestiegen“, sagt Inger. Das heißt: Urlauber müssen sich auch für Reisen im Schengen-Raum darauf einstellen, dass sie nur die Bordkarten- und die Sicherheitskontrolle zu passieren haben. Auch Test- und Impfnachweise – entweder in der App oder auf Papier – sowie gegebenenfalls Einreiseanmeldungen für ein Zielland werden geprüft – was Kontrollen verlängert.

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Wenn mehr kontrolliert wird, drohen dann Gedränge und lange Warteschlangen in Flughäfen?

Das spricht zwar niemand aus, doch diese Sorge treibt Politik und Unternehmen wohl um. Große Menschenaufläufe wären trotz aller Pflichten zum Abstandhalten in Terminals ein unwillkommenes Bild. Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Luftfahrtverbands BDL, sagt deshalb: „Unser Unternehmen tut alles Mögliche, um Reisen wieder zu vereinfachen, aber auch Kunden können etwas dafür tun.“ Sein Rat: Reisende sollen sich mehr vorbereiten.

Dazu zählt: Den Check-In, um die Bordkarte zu bekommen, möglichst online erledigen. Alle nötigen Dokumente vom Ausweis bis zum Impf- oder Testzertifikat stets griffbereit haben. Digitale Dokumente auf Smartphones stets so speichern, dass sie schnell aufgerufen werden können, damit Warteschlangen kurz bleiben. Am Frankfurter Flughafen öffnen die Deutsche Lufthansa, Fraport und der Testcenterbetreiber Centogene eine Drive-in-Station, an der Reisende bis zu 23 Stunden vor Abflug – und somit schon am Vorabend – vorfahren können, um ihr Gepäck aufzugeben und einen Corona-PCR-Test zu machen.

Seit Wochen wird viel über Urlaubsbuchungen geredet. Gibt es überhaupt noch Offerten für Flugpauschalreisen ins Ausland?

Ja. Für manchen Flug mag zwar kein Ticket mehr zu ergattern sein, insgesamt gibt es aber noch viel mehr Buchungsmöglichkeiten, als den Anbietern lieb ist. Der Buchungsstand der Reiseveranstalter liegt nach Marktdaten etwa bei einem Drittel des Niveaus aus dem Vorkrisenjahr 2019, für die Sommermonate planen die deutschen Fluggesellschaften laut Flugplandaten aber damit, im innereuropäischen Verkehr nur 34 Prozent weniger Starts anzubieten als 2019, also zwei Drittel der Flüge wieder durchzuführen. Auch Hotelzimmer sind noch verfügbar.

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Welche Länder sind für Urlauber wieder erreichbar?

In Europa fast alle. Von deutschen Flughäfen aus werden in der Ferienzeit wieder 217 Zielorte in Europa angesteuert, das sind nur neun weniger als im Jahr 2019. Allerdings werden viele Strecken seltener bedient. Einige Länder haben aber noch nicht wieder für Touristen geöffnet beziehungsweise verlangen von Ankommenden eine Quarantäne. Aktuell sind das Norwegen, Finnland, Großbritannien und Island. Am Mittelmeer sind indes Italien und weite Teile Spaniens – einschließlich der Balearen-Inseln mit Mallorca – keine Risikogebiete mehr.

Welche Ziele liegen 2021 im Trend?

Allgemein sind es Ziele, die schon vor der Pandemie populär waren. Ein großes Umdenken hat es trotz Corona und Klimaschutzdebatte in der Bevölkerung nicht gegeben. Nur die Zahl der Fernreisen außerhalb Europas bleibt zunächst gering. Bei Reiseveranstaltern entfallen jeweils etwa 40 Prozent der Buchungen auf den westlichen Mittelmeerraum mit Spanien und Portugal sowie auf den östlichen Mittelmeerraum mit Griechenland. Dabei steht Hellas besonders im Kurs. Laut Flugplandaten ist es möglich, dass das Land 2021 das einzige Ziel sein wird, für das im Juli und August die Zahl der Flüge das Niveau von 2019 erreicht.

Am Ende des Urlaubs steht die Heimkehr. Ist die Einreise nach Deutschland ohne Quarantäne möglich?

In sehr vielen Fällen ja. Mit der Corona-Einreiseverordnung hatte die Bundesregierung schon vor einigen Wochen Quarantänezwänge gelockert. Geimpfte und Genesene müssen sich nur noch dann für 14 Tage absondern, wenn sie aus Virusvariantengebieten zurückkehren. Als Virusvariantengebiete sind aktuell Großbritannien, Brasilien, Indien sowie mehrere afrikanische Staaten eingestuft. Nicht-Geimpfte können nach der Rückkehr aus einem Risikogebiet die Quarantäne durch einen negativen Test sofort abwenden, nach der Rückkehr aus einem Hochinzidenzgebiet die Isolation per Test am fünften Tag nach Heimkehr verkürzen. Hochinzidenzgebiete gibt es in Europa aber derzeit keine, unter Urlaubsländern zählen aktuell unter anderem Ägypten, Tunesien und die Malediven dazu.

Bislang gibt es eine Sonderregel für Flugreisende. Sie müssen zur Rückreise stets einen Test machen, wenn sie weder geimpft sind noch eine Infektion hinter sich haben. Bleibt das so?

Vorerst ja. Die deutsche Corona-Einreiseverordnung schreibt die Testpflicht für alle Flugpassagiere vor, unabhängig von der Inzidenz am Urlaubsort. Das führt dazu, dass Italien-Besucher, die mit dem Auto fahren, keinen Test machen müssen, während er für ungeimpfte Flugpassagiere vorgeschrieben ist – und zwar vor dem Heimflug im Ausland. Auch für Mallorca besteht diese Testpflicht noch, obwohl die Insel seit März kein Risikogebiet mehr ist.

Laut Verordnung gilt sie, solange in Deutschland eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ besteht. Der Bundestag hat am Freitag diesen Status bis zum 30. September verändert. Die Luftfahrtbranche drängt auf eine vorzeitige Änderung der Verordnung. „Wir gehen davon aus, dass die Bundesregierung im Lichte der weiteren Entwicklung weitere Lockerungen vornimmt“, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer von Randow. Verkehrsminister Scheuer stellt das in Aussicht. „Es werden nächste Schritte kommen.“

In der Corona-Krise haben Reiseanbieter Verluste gemacht, zahlreiche brauchten Staatshilfe. Müssen Urlauber die Insolvenz ihres Reiseveranstalters und den Verlust ihrer Zahlungen fürchten, da ein neuer Reisesicherungsfonds erst aber November greift?

Der neue Reisesicherungsfonds ist keine Reaktion auf die Corona-Pandemie, sondern auf den Zusammenbruch des Reisekonzerns Thomas Cook 2019. Damals hatte sich die deutsche gesetzliche Kundengeldabsicherung als ungenügend erwiesen, da ein – wahrscheinlich EU-rechtswidriger – Haftungsdeckel bei 110 Millionen Euro zu niedrig war, um allen Betroffenen ihr Geld zurückzuzahlen. Urlauber mussten teils mehr als ein Jahr auf ihr Geld warten, letztlich sprang der Bund mit Steuergeld ein, um Klagen abzuwenden. Die Neuregelung mit dem Fonds hat sich lange verzögert, der Bundestagsbeschluss aus der Nacht zum Freitag fällt nun mit dem Wiederanlaufen des Reisebetriebs zusammen.

Künftig besteht ein Haftungsrahmen über 750 Millionen Euro – der soll auch dann ausreichen, falls einer der großen Anbieter und ein Veranstalter mittlerer Größe gleichzeitig Insolvenz anmelden müsste. Allerdings greift das zur Gänze erst vom 1. November an. Der Deutsche Reiseverband (DRV) ist bemüht, Kundensorgen für den Sommer zu zerstreuen. „Es entsteht kein rechtsfreier Raum, das bestehende Absicherungssystem gilt fort“, sagt DRV-Hauptgeschäftsführer Inger. Letztlich bleibt für den Sommer, dass auch bei großen Unternehmen Staatshilfen nicht aufgebraucht sind. TUI hatte im Mai seine liquiden Mittel auf 1,7 Milliarden Euro beziffert und hat danach Immobilienverkäufe eingeleitet, die das Eigenkapital um bis zu 670 Millionen Euro aufbessern.

Quelle: FAZ.NET
Autorenporträt / Kotowski, Timo
Timo Kotowski
Redakteur in der Wirtschaft.
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