FAZ plus ArtikelLohnzuwachs hilft nicht

Spargelstechen ohne die Deutschen

Von Christoph Schäfer
07.05.2018
, 21:31
Erntehelfer auf einem Spargelfeld des Tannenhofs Meinhardt bei Darmstadt.
Spargelstecher verdienen heute fast doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren. Deutsche Arbeitslose bekommen die Landwirte trotzdem nicht auf den Acker. Wollen oder können sie nicht?

Der liebe Gott meint es an diesem Tag Anfang Mai gut mit den Arbeitern auf Spargelfeld Nummer acht. Die Sonne versteckt sich hinter dichten Wolken, deshalb ist es weder zu kalt noch zu warm. Erntehelfer Ferariu – auf dem Feld sind alle per du – trägt, was fast alle hier tragen: alte Turnschuhe, alte Jeans, einen Pulli, eine Mütze und Handschuhe. Der junge Mann aus Rumänien ist einer von 450 Saisonarbeitskräften auf dem „Tannenhof Meinhardt“ bei Darmstadt, wo auf mehr als 150 Hektar Spargel und Erdbeeren angebaut werden. Seine Arbeit ist nicht kompliziert, erfordert aber ein bisschen Geschick: Ferariu fährt mit zwei Fingern an einer Spargelstange entlang ins Erdreich und gräbt sie an einer Seite frei. Anschließend rammt er seinen Spargelstecher weit unten in den Boden, teilt dadurch die Stange und wirft den oberen Teil in den Erntekorb. Mit seiner Kelle macht er das Loch wieder zu und klopft zwei Mal fest auf den Damm. Dann geht er einen Schritt weiter zum nächsten Spargel.

Das größte Problem beim Spargelstechen ist, dass man die Arbeit nur in gebückter Haltung verrichten kann. Es ist ein Knochenjob, der ins Kreuz geht, da sind sich alle einig. Wie schlimm er genau ist, da gehen die Meinungen auseinander. Landwirt Rolf Meinhardt vergleicht die Arbeit mit neun Stunden im Fitnessstudio. Andere halten sie für kaum erträglich. Erntehelfer Ferariu sagt: „Es ist nicht einfach, aber es lohnt sich.“ Zu Hause in Rumänien habe er keine Arbeit. „Und von dem, was ich hier in 70 Tagen verdiene, kann ich mich in meiner Heimat noch vier bis fünf Monate über Wasser halten.“ Deshalb wollen die meisten ausländischen Erntehelfer in den drei Monaten, die sie in Deutschland sein dürfen, ohne Sozialabgaben zu zahlen, so viele Stunden wie möglich auf dem Feld arbeiten.

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Quelle: F.A.S.
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Christoph Schäfer
Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und Finanzen Online.
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