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Star-Ökonom Paul Romer

Der Rebell

Von Winand von Petersdorff
 - 17:46
Der Mann hat kein Problem damit, sich Feinde zu machen: Star-Ökonom Paul Romer. Bild: Getty

Die Weltbank hat einen Mann, der keine Scheu kennt, zum Chefökonomen gemacht. Er heißt Paul Romer, ist 60 Jahre alt, reich, und er sucht keine Freunde in seinem alten Metier, der Universitätsökonomie. Das zeigen seine jüngeren Schriften, die die Methoden der wirkungsmächtigsten Gruppe der Wirtschaftswissenschaft als unwissenschaftlich anprangern.

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Aktuell wabern Gerüchte durch die Medienlandschaft, dass er an diesem Montag den Wirtschafts-Nobelpreis bekommen könnte. „Edle Geräusche“, so kommentiert er auf Twitter: „Noble Noise“. Viele seiner alten, von ihm kritisierten Kollegen drücken, das darf man unterstellen, ganz fest die Daumen, dass Romer leer ausgeht Die Führung der Weltbank aber fiebert mit. Hat sie da zufällig gerade einen Superstar angestellt und nicht nur einen originellen Ökonomen? Das wäre ja was.

Ohnehin war es schon ein Coup, dass Jim Yong Kim, der agile Präsident der Entwicklungsinstitution, Romer überzeugen konnte, sich anheuern zu lassen. Nicht, dass die Weltbank wenig zu bieten hätte: prima Bezahlung, sicherer Arbeitsplatz, großzügige Parkplatzregelungen. Auch inhaltlich ist es nicht schlecht, gilt es doch, Menschen aus bitterster Armut zu reißen, und sei es mit eleganten Aufsätzen und smarten Kongressen. Nur: Paul Romers Lebenslauf zeigt, dass er sich in engen bürokratischen Strukturen unwohl fühlt und Gelaber schlecht erträgt. Geld braucht er auch nicht, er hat eine eigene Internetfirma gut verkaufen können.

Der Ruf des Aktivisten

Über den Mann fällt manchmal der Begriff Aktivist. Ganz wohl fühlt er sich nicht mit dieser Zuschreibung, wie er im Gespräch verrät. Aber ganz unpassend scheint sie auch nicht zu sein. Vor knapp zehn Jahren entwickelte Paul Romer eine Idee, wie sich dysfunktionale Länder aus der Armut befreien könnten: mit neuen Start-up-Städten, die einer eigenen Verfassung folgen, den „Charter Cities“. Die Idee war erfrischend unkonventionell, hatte aber eine politische inkorrekte Komponente: Arme Länder reservieren Land für so eine neue Stadt, aufgeklärte und erfolgreiche Industrieländer helfen dann bei der Entwicklung des Regelwerks und dessen Überwachung. Das schmeckt in der Welt der Entwicklungsarbeit, wo sich einige Gesinnungsethiker tummeln, nach Neokolonialismus. Doch Romer sucht den Vorwurf durch den Hinweis zu entkräften, dass die Städte von Freiwilligkeit lebten. Niemand werde gezwungen in seiner Modellwelt.

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Mutig wird die Idee gelegentlich genannt, was oft nur die höfliche Variante von durchgeknallt ist. Dann erzählt Romer von Hongkong, das überragend erfolgreiche Beispiel einer Charter City. Die Metropole gedieh am Rande Chinas zu einem Powerhaus der Weltwirtschaft – dank einer von den Briten entwickelten Verfassung. Chinas großer Führer Deng Xiaoping erlaubte die Gründung von Shenzen und weiteren autonomen Städten im Umfeld Hongkongs mit eigenen marktwirtschaftlichen Verfassungen. Dann, nach großem Erfolg, durften sich 14 weitere Städte entlang der Küste entwickeln. Das Ende von Lied war, dass China eine Variante der Marktwirtschaft einführte und Hunderte Millionen Menschen aus der Armut riss. Nie war ein Land erfolgreicher in dieser Übung.

Der Aktivist Romer trat in Erscheinung, als er persönlich versuchte, Länder wie Madagaskar und Honduras zu überzeugen, Land für eine Charter City frei zu machen. Er fühlte sich damals wie ein Entrepreneur, der glaubte, seine Idee müsse Wirklichkeit werden. Doch die Projekte blieben stecken. Ein blutiger Putsch in Madagaskar beendete das Projekt, in Honduras degenerierte die Idee im politischen Prozess zu einer Stadt, von der er sich nicht wünschen würde, dass seine Kinder dort leben. Letzteres ist Romers Lackmustest.

Praktische Fragen der Urbanisierung

Nach den Rückschlägen wendete sich der Ökonom und Physiker anderen praktischen Fragen der Urbanisierung zu, die ihn an die New York University führten. Dort sammeln Wissenschaftler empirische Daten über 200 Städte in aller Welt für eine Datenbank der Urbanisierung und helfen diesen bei ganz handfesten Fragen. Das Motiv für Romer, sich Städten zuzuwenden und zur Weltbank zu gehen, ist identisch: Größe. In Städten lebt die Hälfte der Weltbevölkerung, und der Trend der Urbanisierung geht weiter. Neue Millionenstädte bilden Zentren für Wirtschaftswachstum, weil Produkte hier Märkte und Ideen Verbreitung finden. Die Größe der Weltbank, ihre Finanzmittel und ihr Entwicklungs-Knowhow haben Romer gelockt.

Das Forschungsprogramm der New York University gibt Hinweise darauf, wie er sich die Arbeit in seinem neuen Apparat vermutlich vorstellt: Es muss etwas praktisch Verwertbares für die Menschheit herauskommen. Das ist ein zentraler Satz für Romer. Er ist mit einer Vorgeschichte verbunden und mit einer ethischen Frage, die ihn umtreibt: Wie sieht wahrhaftige Wissenschaft aus?

Der Ökonom hat zuletzt viel Zeit darauf verwendet, sich in seiner Zunft unbeliebt zu machen. Er findet, dass vor allem die Wissenschaftler, die sich der Makroökonomie verschieben haben, eine Gemeinde gläubiger Dogmatiker bilden, welche alten Stars wie Robert Lucas, Edward Prescott und Thomas Sargent fromm folgt. Ohne Rücksicht auf empirische Daten und die Realität. Schlimmer noch: Die Fakten seien verbogen worden, um die Theorien zu retten. 30 Jahre Makroökonomie und kein Fortschritt, resümiert Romer. Robert Lucas war übrigens einer der Betreuer seiner Doktorarbeit.

Attacke gegen mathematische Modelle

So eine Kritik hört keiner gerne, der gemeint ist. Romers Attacke richtet sich vor allem gegen mathematische Modelle, wie sie in nahezu allen volkswirtschaftlichen Fakultäten verwendet werden, um die Wirtschaft abzubilden. Sein Problem mit den speziellen Gleichgewichtskonzeptionen der Zunft – bekannt als „dynamische stochastische allgemeine Gleichgewichtsmodelle“, kurz DSGE – ist nicht nur, dass sie eben Modelle sind und damit zwangsläufig extrem vereinfachend. Vielmehr arbeiteten sie mit unrealistischen Annahmen, die mit komplizierter Mathematik versteckt würden, damit niemand erkenne, wie dumm sie seien.

Das sagt Romer. Er sagt auch Blablabla zu den Ergebnissen, die solche Modelle produzierten. Nichts gegen Mathematik, doch diese Mathematik diene der Immunisierung von Modellen, die einen Realitätstest nie überstehen würden. So werde etwa immer noch mit Modellen gearbeitet, die der Geldpolitik Wirkungslosigkeit unterstellen. Dabei wisse doch jeder, dass etwa die amerikanische Notenbank unter Paul Volcker mit ihrer Geldpolitik eine Rezession ausgelöst habe. In dieser Vorgehensweise offenbare sich ein Verhältnis zur wissenschaftlichen Wahrheit, das mit „postmoderner Ironie“ nur unzureichend beschrieben sei. Romer nennt es mit satirischer Brutalität „post-real“. Er habe sich „für die Waffe der Satire entschieden, um meine Verachtung für die Drohungen der post-realen Makroökonomen zu zeigen“. Es sei als Signal an junge Wissenschaftler gedacht, mutig neu zu denken. „Spott ist das beste Gegengift für Einschüchterung.“

Romer sagt, er suche einen freundschaftlichen Umgang mit Kollegen; die attackierten Wissenschaftler schätze er persönlich. Zugleich verspüre er aber den Impuls, B zu sagen, wenn alle A sagen. Eine „Ihr könnt mich mal“-Haltung wird deutlich, eine Unbeugsamkeit.

Integration von Ideen und Technologien

Was ist bloß mit Paul Romer passiert?, mag sich mancher Kollege damals gefragt haben. Er war doch einer von ihnen. Romer war tatsächlich ein außergewöhnlich vielversprechender Professor an der Stanford Universität in Kalifornien. Nicht, dass er viel publiziert hätte. Aber das Wenige sei stets eingeschlagen wie eine Bombe, sagt Alex Tabarrok, Professor an der George Mason Universität und ein bekannter Blogger.

Der Höhepunkt in Romers wissenschaftlichem Wirken war ein Aufsatz über Wirtschaftswachstum, genau gesagt ging es um „endogene Wachstumstheorie“. Er hat geschafft, worin viele große Vorgänger, etwa das Genie Paul Samuelson, gescheitert sind: Ideen und Technologie in die ökonomischen Modelle zu integrieren. In Romers Theorie entstehen Ideen, wenn Unternehmen in Forschung und Entwicklung oder in die Verbesserung von Technologien investieren. Auf diese Weise entstehen Innovationen, die quasi in den Rest der Volkswirtschaft überschwappen und für Wachstum sorgen. Selbst wenn es heute nicht mehr so klingt: Aber das war groß.

Und es hatte Auswirkungen. Die Ökonomie begann, sich neuen Fragen zuzuwenden. Wie entstehen Innovationen? Welchen Einfluss hat Bildung? Welche Rolle spielen Regeln bei der Verbreitung und der Verhinderung von Ideen? Romer war auf dem Weg zum Nobelpreis – bis er plötzlich verschwand, wie es sein Kollege Tabarrok beschreibt. Frustration über den akademischen Betrieb spielte eine große Rolle. „Wissenschaftlicher Fortschritt geschieht Beerdigung für Beerdigung.“ Will sagen, die alten Stars der Akademie müssen sterben, um Platz für Neues zu schaffen. So viel Zeit hatte Romer nicht.

Unvorbereitete Studenten

Der Ökonom nahm eine fünfjährige Auszeit von seiner Professur in Stanford, um ein anderes Rätsel der Menschheit zu lösen: Warum kommen so viele Studenten unvorbereitet in Vorlesungen, und was kann man dagegen tun? Romer sammelte zehn Millionen Dollar Wagniskapital im Silicon Valley ein und gründete eine Firma namens Aplia, die in Amerika heute jeder Student kennt. Aplia war der Vorläufer der Online-Universitäten. Die Studenten erledigten online Übungen, die sich an der klassischen Vorlesungs-Lektüre anlehnten, und sie bekamen online Beurteilungen und Hinweise, um die richtigen Lösungen zu bekommen. Die Dozenten liebten die Anwendung, weil sie die Studenten zum Mitarbeiten animierte und ihnen selbst die Korrekturarbeiten ersparte. 2007 konnte Romer Aplia erfolgreich verkaufen. Anschließend fand er die Muße, sehr sorgfältig über die Stadt als solche nachzudenken. Die New York University war schließlich bereit, eine auf seine Vorstellungen zugeschnittene Forschungsabteilung für Fragen der Urbanisierung bereitzustellen.

Ob Städte ein neuer Schwerpunkt der Weltbank werden, weiß Paul Romer noch nicht. Aber er ist überzeugt, dass in ihnen der beste Hebel für die Armutsbekämpfung zu finden ist. Und er glaubt fest daran, dass man seine Mittel bündeln muss, wenn man etwas als richtig erkannt hat. Die Sache mit dem Nobelpreis hält Romer für entschieden: Er bekommt ihn nicht, hat er doch die Arbeiten der letzten dekorierten Makroökonomen als unwissenschaftlich deklariert. Das hört auch eine Nobelpreis-Jury ungern.

Quelle: F.A.S.
Winand von Petersdorff-Campen
Wirtschaftskorrespondent in Washington.
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