Nach Havarie im Suezkanal

Die „Ever Given“ fährt wieder

Von Christoph Hein, Singapur
29.03.2021
, 15:55
Nach Tagen im Sand bewegt sich der Containerriese wieder. Der Schiffsverkehr in dem Nadelöhr ist laut Behörden wieder aufgenommen. Viele Probleme sind weiterhin nicht gelöst.

Nach einer knappen Woche ist die Blockade des Suezkanals, einer der Schlagadern des Welthandels, aufgehoben. Der riesige Containerfrachter „Ever Given“ wurde am Montagmittag mit der Springflut bei Vollmond freigeschleppt, der Kanal daraufhin sofort geöffnet. Nach ersten Fehlmeldungen am Montagmorgen bestätigten ein Schiffstracker und das ägyptische Fernsehen, dass sich der Frachter wieder in der Mitte des Kanals befand. Laut vesselfinder.com fährt das Containerschiff mit mehreren Knoten in Richtung Norden. Er soll nun in ein Seitenbecken geschleppt werden, damit die Wasserstraße zwischen Asien, der Fabrik der Welt, und Europa wieder frei wird.

Die Herausforderungen sind damit aber nur in Ansätzen gelöst. Vor den beiden Einfahrten in den Kanal warten rund 450 Schiffe. Angesichts von rund 50 Frachtern, die den Kanal täglich passieren können, dauert es mehr als eine Woche, bis sich dieser Stau abgebaut haben wird. Vor dem Kanal liefen während dessen Sperrung täglich Waren im Wert von rund 10 Milliarden Dollar auf. Die Blockade hatte immer tragischere Folgen: Zum einen leiden mehr als 130.000 Tiere auf zahlreichen Transportschiffen, da ihnen Wasser- und Futtermangel droht. Zum anderen musste das kriegsgeplagte Syrien am Sonntag schon den Treibstoff rationieren, weil die Öllieferungen ausblieben. Auch die Mannschaften auf den Schiffen trifft die Verzögerung hart: Denn Zehntausende Seeleute sind, kaum bemerkt von der Weltöffentlichkeit, aufgrund von Corona teils seit einem knappen Jahr nicht mehr von ihren Schiffen gekommen. Singapur etwa lässt koordinierte Crewwechsel für Tausende Seeleute im Abstand von mehreren Monaten unter großen Sicherheitsvorkehrungen zu.

Hilfe aus der ganzen Welt

Der Abbau des Riesenstaus vor dessen Einfahrten wird mindestens eine Woche brauchen. In dieser Zeit aber erreichen weitere Frachter den Kanal. Diejenigen, die die lange Umleitung über die Spitze Südafrikas nehmen, brauchen ihrerseits rund zehn Tagen mehr, als ursprünglich geplant. Allein A.P. Møller-Mærsk erklärte, inzwischen 15 Schiffe auf den Weg geschickt zu haben, weil man davon ausgehe, die Strecke dauere genauso lang, wie die Verzögerung im Kanal. Damit rollt eine gigantische Frachtwelle auf die Häfen in Hamburg und Rotterdam, aber auch in Singapur und entlang der chinesischen Küste zu. Es wird nicht möglich sein, alle in etwa zur selben Zeit ankommenden Schiffe nun in etwa zur selben Zeit zu löschen. Zudem fehlen bald schon wieder Hunderttausende Container im Handel zwischen China und Europa, da der Verkehr viel langsamer verläuft, als die Logistiker es planen konnten.

Die Befreiung des Schiffes der taiwanesischen Reederei Evergreen und damit die Öffnung des Kanals zog sich eine Woche hin. Große Sandbagger saugten rund 30.000 Kubikmeter Schlamm ab, ägyptische Schlepper und dann zwei Schwerlastschlepper aus den Niederlanden und Zypern halfen. Der technische Aufwand, das Schiff mit seinen 224.000 Bruttoregistertonnen freizubekommen, war enorm. Neben den Bergefachleuten aus den Niederlanden und Japan trafen zuletzt auch Experten der amerikanischen Marine für das Absaugen von Sand ein. Am Ende half aber auch die Springflut bei Vollmond, die den Wasserpegel im Kanal für kurze Zeit steigen ließ. Zuerst wurde das Heck des Giganten freigeschleppt. Ruder und Maschine waren schon am Wochenende erprobt worden. Der Bug hatte sich tief in den felsigen Grund gesetzt. Beim Schleppen stand immer die Sorge im Raum, dass der Frachter noch Beschädigungen erleiden könnte, wie etwa Risse im Rumpf. Ein Ballastwasser-Tank war schon beschädigt worden.

Auch deutsche Industrie betroffen

Von der Blockade sind in Deutschland insbesondere die Chemie- und Autoindustrie sowie der Maschinen- und Anlagenbau betroffen. Die Branchen bekommen Bestandteile für ihre Produktion aus Asien, die über den Suezkanal transportiert werden, hieß es aus dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag. Unternehmen planen demnach bei
Seetransporten zwar zwei bis fünf Tage als Puffer ein. Bei einer längeren Sperrung drohe aber zeitweise ein Stillstand der Produktion. Die Lage für die deutsche Industrie sei auch ohne die Sperrung bereits angespannt.

„Die Lieferketten waren schon vor dem Ereignis unter Druck und werden es auch noch mehrere Wochen bleiben, auch weil der bestehende Engpass an Containern sich durch den Rückstau vor dem Kanal zunächst vergrößert“, sagte Henrik Meincke, Chefvolkswirt des Chemiebranchenverbands VCI. Nach Einschätzung des Instituts für Weltwirtschaft (IfW) könnte die Blockade die Transportkosten für aus Asien importierte Waren weiter nach oben treiben. „Schon die Corona-Krise hat für Verwerfungen im maritimen Handel gesorgt und die Preise für den Container-Transport explodieren lassen“, sagte Vincent Stamer, Experte für maritimen Handel beim IfW. „Die Schiffshavarie im Suezkanal und ihre Nachwirkungen kommen nun noch als zusätzliche Belastung hinzu.“

Quelle: FAZ.NET
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Christoph Hein
Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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